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Anleihenmarkt : Anleger mögen plötzlich Italien

Das Kolosseum in Rom Bild: dpa

Der Risikoaufschlag für italienische Staatstitel ist deutlich gesunken. Die Stimmung an den Märkten hat sich in kurzer Zeit gedreht. Was ist da los?

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          Mit einer Steigerung um sechs Hundertstel Prozentpunkte auf 1,46 Prozentpunkte reagierte der Risikozuschlag für italienische Staatstitel auf Italiens Haushaltspläne für 2020 mit einem Defizit von 2,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das stört vorerst in keiner Weise die positiven Aussichten für die Zinsen auf italienische Staatstitel. Denn gegenüber den italienischen Schulden hat sich die Stimmung innerhalb weniger Wochen von höchst besorgt auf rundum beruhigt oder gar optimistisch gedreht.

          Tobias Piller
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Start der populistisch und euroskeptisch orientierten Koalition aus Fünf-Sterne-Bewegung und rechter Lega am 1. Juni 2018 war sofort von einem Anstieg des Risikozuschlags („Spread“) für zehnjährige Staatstitel gegenüber den deutschen auf 3 Prozentpunkte begleitet. Als Maximalwert erreichte diese Regierung einen Spread von 3,2 Prozentpunkten.

          Auslöser dafür war die gegen den Euro gerichtete Polemik und die Furcht von manchen Anlegern und Analysten, dass Italiens Regierung irgendwann doch noch die Idee eines Euro-Ausstiegs verfolgen könnte. Diese Furcht wuchs weiter, als Lega-Chef Matteo Salvini Anfang August die Koalition aufkündigte und nach Neuwahlen und einer eurokritischen Alleinregierung strebte. „Die Risiken sind groß“, resümierte damals Marcello Messori, Wirtschaftsprofessor und Dekan an der römischen Universität Luiss.

          So schnell wie der Spuk gekommen war, ist er nun verschwunden. Der gleiche Ministerpräsident Giuseppe Conte, der früher der euroskeptischen Regierung vorstand, führt seit dem 5. September eine Europa zugewandte Koalition der Fünf-Sterne-Bewegung und der Mitte-links orientierten Demokratischen Partei. Der Risikozuschlag ist nun auf rund 1,4 Prozentpunkte geschrumpft.

          Die Wachstumsdynamik der Staatsschulden

          Die positiven Seiten dieser Entwicklung erhalten nun plötzlich eine großzügig optimistische Bewertung. Dazu gehören etwa die potentiellen Einsparungen für Zinsausgaben im Staatshaushalt. Wegen der durchschnittlichen Laufzeit der Staatsschulden von fast 7 Jahren spart Italiens Schatzminister im Jahr 2020 aber nur wenige Milliarden Euro. Vernachlässigt wird dagegen die Wachstumsdynamik der Staatsschulden.

          In der eher positiven Stimmung untergegangen ist auch die Mitteilung der italienischen Notenbank, dass nach einer Revision der Statistik die Staatsschulden 58 Milliarden Euro höher liegen als bisher kalkuliert und daher schon die Marke von 134,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) erreicht haben. Bedenklich findet das etwa der liberale Mailänder Wirtschaftsprofessor Carlo Alberto Carnevale Maffè: „Das ist nur eine statistisch-technische Änderung, dennoch wurden wir bisher über die zusätzlichen Schulden im Unklaren gelassen.“ Doch die Nachricht, die noch vor wenigen Monaten Besorgnis ausgelöst hätte, beeindruckte nun niemanden mehr.

          Die allgemeine Erleichterung erklärt sich für Francesco Previtera, Chefvolkswirt des Mailänder Instituts Banco BPM, allein damit, dass früher für das Risiko eines Euro-Ausstiegs ein Zuschlag von 1,2 Prozentpunkten kalkuliert worden sei, nun nur noch 0,3 Prozentpunkte. Absolut gesehen, seien die Zinsen für Italiens Staatsschulden so niedrig wie nie zuvor, das Risiko für ihre Finanzierung sinke. Bis 2025 sollten die jährlich eingesparten Zinsausgaben 20 Milliarden Euro betragen.

          Die Kapitalisierung der italienischen Banken

          Den Tiefststand von Zinsen und Risikozuschlag erklärt Alessandro Fugnoli, Anlagestratege beim Mailänder Finanzhaus Kairos, eher als Konsequenz der internationalen Entwicklung, mit einer entspannten Lage auf den globalen Märkten und vielen Fonds, die noch nach Anlagemöglichkeiten suchten, mit denen überhaupt noch irgendwelche Zinsen verdient werden könnten. Doch Fugnoli sieht nur einen schmalen Grat, auf dem Italien weiterhin von einem niedrigen absoluten Zinsniveau und niedrigen Risikozuschlägen profitieren könne.

          So etwas ist aus der Sicht von Fugnoli nur möglich, wenn Italien und Europa nur einer Stagnation oder einer sehr schwachen Rezession ausgesetzt sind. Falls Europa und Italien eine tiefere Rezession erleben sollten, könnten nicht nur höhere Zinsen an den Märkten die Folge sein, sondern auch neue Ängste vor den Schwächen Italiens, die wiederum den Risikozuschlag für Italien abermals steigen ließen. Falls ganz entgegengesetzt Deutschland wieder zu mehr Wachstum finde, würden auch die absoluten Werte der Zinsen für Italien wieder steigen.

          Für die Kapitalisierung der italienischen Banken ist der niedrigere Risikozuschlag vorerst eine gute Nachricht. „Was vorher ein Teufelskreis war, funktioniert nun auch in der anderen Richtung“, sagt Fugnoli von Kairos. In den Zeiten der hohen Risikozuschläge sank die Bewertung der großen Pakete an Staatstiteln im Besitz der italienischen Banken. Mit dieser Entwicklung drohten Wertberichtigungen oder die Notwendigkeit, einen Teil der Titel mit Verlust zu verkaufen. Dagegen ist nun mit dem niedrigeren Risikozuschlag der Wert der Staatstitel in den Bankbilanzen gestiegen. Nach der Kalkulation des Chefvolkswirts Previtera verbessert sich die Kapitaldecke der Banken auf diese Weise um einen Prozentpunkt. Zugleich bedeuten aber die negativen Zinsen in Europa eine schwere Belastung für die Ertragskraft der italienischen Banken.

          Selbst der optimistische Previtera von Banco BPM sieht nicht nur Sonnenschein: Es gibt politische Risiken für die neue Regierung. Daran werde derzeit zwar nicht gedacht. Doch diese Regierung werde nur zusammengehalten von der Furcht vor Neuwahlen. Daraus könne wieder politische Instabilität entstehen.

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