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Anleihemarkt : Wo niemanden die Bundestagswahl interessiert

In Deutschland wird gewählt - die Märkte interessiert es nicht. Bild: dpa

China Evergrande heißt das aktuelle Thema auch am Anleihemarkt. Ansonsten gibt es hohe Zinsen und entsprechende Risiken. Und die Bundestagswahl? Die ist uninteressant.

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          Für Anleihekäufer ist eines am wichtigsten: dass der Schuldner zahlt. Nicht so sicher ist das derzeit bei China Evergrande. Zwar hat der Konzern angekündigt, die am Donnerstag fällige Zinszahlung zu leisten, aber manches glauben Gläubiger erst, wenn sie das Geld haben. Im Zweifel hat Evergrande aber noch die übliche „Grace Period“ (Gnadenfrist) von 30 Tagen Zeit. Erst danach wird es ernst. Ernst ist es in China nicht nur wegen Evergrande. Das Land sei eine grundsätzlich kreditgetriebene Wirtschaft, schreibt der Vermögensverwalter Nordea. Jedes Mal, wenn China vom Gas gehe, gebe es Opfer – alle 36 Monate ein „Lehman“, das dann üblicherweise von den Behörden gelöst werde. Momentan ist der Kreditimpuls aus China negativ, was sich spürbar auch auf Deutschland auswirken werde, so die Analysten von Citywire.

          Martin Hock
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Vor solchen Aussichten hätte man früher sicher zu Staatsanleihen gegriffen. Immerhin gibt es zwei im Angebot: einmal aus Österreich, das für 15 Jahre 0,25 Prozent im Jahr an Zinsen zahlt, und einmal aus Großbritannien, wo es sogar 0,875 Prozent für nur zwölf Jahre gibt. Die Inflation wird das nicht ausgleichen, da müsste das Pfund schon auf den Stand der frühen 2000er-Jahre aufwerten. Und wer will darauf wetten? Oder auf rund 18 Prozent Zinsen mit einer Anleihe der britischen HSBC in türkischen Lira mit einjähriger Laufzeit? Hochriskant, und obendrein ist die Erfahrung, dass deutsche Privatanleger in der Praxis an solche Mini-Emissionen ausländischer Banken (nur 60 Millionen Lira) oft genug gar nicht drankommen.

          Steigende Renditen – unabhängig vom Wahlausgang

          Also bleiben nur Mittelstandsanleihen. Die estnische Iutecredit offeriert eine fünfjährige Anleihe mit einem Kupon von 9,5 bis 11,5 Prozent – je nach Emissionserfolg. Der Zins ist hoch, die Risiken auch, denn das Geschäftsmodell lässt schwer schlucken: Ratenkredite in den ärmsten Ländern Europas wie Albanien und Bosnien. Emotional etwas beruhigender klingen da die Angebote von Jes.Green und Reconcept. Die einen finanzieren Fotovoltaikanlagen, die an Hauseigentümer verpachtet werden, die anderen entwickeln und investieren in Projekte aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Über die Solidität der Unternehmen sagt es wenig aus.

          Wenig interessieren dürfte den Anleihemarkt die Bundestagswahl am Sonntag. Einen Kurswechsel in der Finanzpolitik hält Ludovic Colin, Portfoliomanager der Bank Vontobel, für unwahrscheinlich. Höhere Staatsausgaben dürften sich auf den gesamten Euroraum auswirken und die Reflations-Erwartungen antreiben – was die EZB begrüßen würde. Diese wiederum dürfte angesichts eines erwartet höheren Wachstums eine entspanntere Haltung einnehmen, so dass Colin mit steigenden Renditen rechnet und europäische Staatsanleihen für weniger attraktiv hält – ganz unabhängig von der Bundestagswahl.

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