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Neue Anleihen : Höchste Verluste am Anleihemarkt seit 1949

Die Zinsen steigen. Das merkt man auch im Finanzministerium. Bild: Andreas Pein

Wegen der gestiegenen Zinsen muss der Bund mit höheren Zahlungen kalkulieren. Das Zinsniveau im Euroraum wirkt zwar für Anleger immer noch nicht attraktiv. Doch wer in Dollar rechnet, könnte bald zugreifen.

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          Sie sind fast im Gleichschritt gefallen, und nun steigen sie seit drei bis sechs Wochen rund um den Globus: Aktien- und Anleihekurse. In Deutschland ist im vorangegangenen Crash am Anleihemarkt die Umlaufrendite, also die durchschnittliche Rendite von Bundesanleihen über das ganze Spektrum der Laufzeiten, auf 2,35 Prozent gestiegen. Das ist das höchste Niveau seit 2011 und zeigt, dass das, was sich bei den jüngsten Anleiheemissionen der staatseigenen KfW-Bank schon abzeichnete, Realität geworden ist: Die Zeit der Anleihen mit Nullzinsen ist auch für Deutschland vorbei.

          Hanno Mußler
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Bundesfinanzminister Christian Lindner (FDP) muss, bisher von der Niedrigzinsphase verwöhnt, nun mit höheren Zinszahlungen im Bundeshaushalt kalkulieren: Nach zuletzt weniger als 4 Milliarden Euro sind für dieses Jahr 18 Milliarden Euro eingeplant, 2023 sogar 35 Milliarden Euro. Auch wegen der durch Schattenhaushalte (kreditfinanzierte „Sondervermögen“) gestiegenen Schuldenlast muss der Bund also schon kommendes Jahr so hohe Zinszahlungen leisten wie vor zehn Jahren. Zuletzt bot der Bund für eine Anleihe mit 31 Jahren Laufzeit einen Kupon von 1,8 Prozent.

          Trotz der für den Bund spürbar gestiegenen Zinskosten ist für Privatanleger das Zinsniveau im Euroraum noch nicht attraktiv, selbst wenn die derzeit bei rund 10 Prozent liegende jährliche Inflationsrate, wie von der Europäischen Zentralbank erwartet, im kommenden Jahr auf 5 bis 6 Prozent zurückgehen sollte. Zwar wird an diesem Donnerstag ein großer Zinsschritt der Europäischen Zentralbank erwartet. Alles andere als eine Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte wäre für viele Marktteilnehmer enttäuschend. Aber selbst dann wäre das Zinsniveau von einem nach Inflation positiven Niveau weit entfernt.

          Stärkster Crash seit 1949

          In Dollar rechnende Anleger, und das ist die Mehrheit auf der Welt, machen sich aber darüber hinausgehende Gedanken. Während es ein Stück weit üblich ist, dass Aktienindizes alle fünf bis zehn Jahre auch mal 20 Prozent verlieren, ist das am Anleihemarkt ungewöhnlich. Michael Hartnett, Stratege in der Bank of America, nannte den Anleihe-Crash in diesem Jahr den „dritten großen Bond-Bärenmarkt“ in der Börsengeschichte. Der erste fand nach seiner Zählung in den Jahren 1899 bis 1920 statt, der zweite in den Jahren 1946 bis 1981. In diesem Jahr hagelte es demnach am globalen Anleihemarkt die größten Verluste seit 1949, als die Amerikaner den Marshallplan für den Wiederaufbau Deutschlands initiierten.

          In diesem historischen Crash werteten 2022 einige Fluchtwährungen stark auf, allen voran der Schweizer Franken, der israelische Schekel und eben der Dollar, der am Mittwoch zum ersten Mal seit einem Monat wieder auf die Parität zum Euro fiel. Statt eines Wertes von 1 Dollar für 1 Euro müsste der Euro allerdings gemessen an der Kaufkraft eher 1,40 Dollar kosten. Aus Sicht von in Dollar rechnenden Anlegern besteht daher die Chance, dass Dollarkurse sich irgendwann wieder normalisieren und mit abwertendem Dollar Anleihen in Fremdwährung bei nun etwas höherem Zinsniveau zusätzlich an Wert gewinnen.

          Darüber hinaus dürften die Zinserhöhungen dies- und jenseits des Atlantiks zunächst weitergehen, auch wenn sie das Wirtschaftswachstum bremsen. „Zwei unangenehme Erwartungen werden Anleger zum Jahresendspurt 2022 begleiten: Die Rezession kommt, und die Inflation bleibt“, sagt Ann-Katrin Petersen, Kapitalmarktstrategin von Blackrock. Viele Anleiheinvestoren haben daher die Risiken in ihren Portfolios verringert: Laufzeiten gekürzt, riskante Bonitäten und Fremdwährungen abgebaut. Hinter uns liegt eben ein historischer Crash am Anleihemarkt, von dem sich einige Marktteilnehmer auch mental erst erholen müssen. Andere dagegen positionieren sich schon jetzt.

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