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Alternative Kapitalanlagen : Großanleger suchen ihr Heil in Energie

Neue Windkraftanlage in Brandenburg Bild: dpa

Der Niedrigzins zwingt große Kapitalanleger zu neuen Strategien. Fernwärmenetze und Windkraftanlagen rücken in den Fokus. Doch daraus entstehen auch neue Risiken.

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          Wer die Kapitalanlagestrategien von Großanlegern in den vergangenen Jahren nur oberflächlich verfolgt hat, wird von dieser Nachricht überrascht gewesen sein: Der Energieversorger Steag ist sein Fernwärmenetz in Nordrhein-Westfalen an die Meag, die Kapitalanlagegesellschaft der Munich Re, losgeworden. In einer Mitteilung ließ Geschäftsführer Holger Kerzel verbreiten, damit diversifiziere die Meag Beteiligungen im Strom- und Gasnetzbereich weiter.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dass große institutionelle Investoren in die Energieversorgung einsteigen, ist allerdings nicht mehr ungewöhnlich, seit sie den Niedrigzins stärker in ihren Kapitalerträgen spüren. Die Verschiebungen sind erheblich, wie eine Analyse der Investmentgesellschaft Universal Investment zeigt. Von den 254 Milliarden Euro, die ihre Kunden angelegt haben, sind nur noch 44 Prozent in festverzinslichen Wertpapieren investiert. Vor fünf Jahren waren es noch 56 Prozent. Im Gegenzug macht der Anteil an Immobilien und Realwerten inzwischen 14,5 Prozent aus. Anfang 2012 war es nur ein Prozent.

          Umschichtungen bleiben nicht ohne Folgen

          Solche gravierenden Umschichtungen bleiben nicht ohne Folgen: Nicht allen Investoren gelingt der ideale Einstieg in eine Anlageklasse. Viele Versicherer sind beispielsweise in einer Art Herdentrieb in die Windkraft gegangen und müssen zum Teil negative Renditen hinnehmen. „Man muss der Niedrigzinsphase durch eine stärkere Diversifikation begegnen“, sagt Axel Hoffmann, Kapitalanlagevorstand des mittelgroßen Volkswohl Bunds. Das Unternehmen hat schon vor fünf Jahren begonnen, Realwerte auszubauen: Los ging es mit Windkraft in Deutschland, dann folgten Solaranlagen in Europa, dann ein breiter gestreutes Investment über Fonds, das unter anderem eine Biomasseanlage in den Vereinigten Staaten umfasst. Vor zwei Wochen hat Hoffmann nun ein Geschäft mit einem Leasingunternehmen für elektrisch betriebene Lokomotiven abgeschlossen. „Diese Investitionen sollen uns eine Rendite von 5 Prozent oder mehr bringen“, sagt Hoffmann. Er schätzt daran vor allem, dass die Barmittelzuflüsse inflationsgeschützt sind.

          Inzwischen haben die meisten Versicherer erneuerbare Energien als Anlageklasse entdeckt. Sie passen gut zu den langfristigen Zahlungsverpflichtungen an Kunden – vor allem in der Lebens- und Krankenversicherung. Ohnehin ist Nachhaltigkeit an den Kapitalmärkten inzwischen mehr als nur ein Modewort. Es beschreibt einen grundlegenden Trend, weil die Klimaschutzrisiken auch für professionelle Anleger eine immer größere Rolle spielen. Das liegt an dem Pariser Klimaschutzabkommen vom Dezember 2015. Nach einer Schätzung des amerikanischen Vermögensverwalters Blackrock sind bis zum Jahr 2030 Infrastrukturinvestitionen von 90 Billionen Euro nötig. Auch wenn die Vereinigten Staaten vor kurzem aus dem Abkommen ausgetreten sind, rücken nachhaltige Anlagen immer stärker in das Blickfeld amerikanischer Investoren.

          Schon seit einiger Zeit gibt es aufsichtsrechtliche Vorgaben wie zum Beispiel in Frankreich, wo institutionelle Anleger einen bestimmten Teil ihres Geldes nachhaltig investieren müssen. Strengere Vorschriften zum Kohlendioxidausstoß beeinflussen Automobilhersteller und Fonds, die Aktien oder Anleihen dieser Unternehmen kaufen. Darüber hinaus unterliegen die Geschäftsmodelle in vielen Branchen Änderungen, die der Energiespeicherung oder des effizienteren und umweltschonenderen Einsatzes von Energieträgern geschuldet sind.

          Investoren interessieren sich für Umwelt

          Nach einer Untersuchung der französischen Bank BNP Paribas wollen die Vermögensverwalter und weitere professionelle Investoren in den kommenden zwei Jahren ihre Anlagen im Bereich Umwelt, soziale Entwicklung und gute Unternehmensführung verdoppeln. Diese Kriterien, die nach den englischen Begriffen Environment, Social, Governance mit ESG abgekürzt werden, beziehen schon 79 Prozent der Befragten in ihren eigenen Kapitalanlagen oder den von ihnen vertriebenen Produkten ein.

          Gerade große Kapitalsammelstellen wie Versicherer oder Pensionsfonds suchen nach nachhaltigen Anlagen. Ihre festverzinslichen Anlagen haben ein Fälligkeitsprofil von im Schnitt 20 Jahren, so dass sie nachhaltige Kriterien berücksichtigen müssen. Das erklärt, warum der Markt für ökologisch nachhaltige Anleihen so rasant wächst. Diese Green Bonds dürften mittlerweile ein Volumen von 200 Milliarden Euro haben. Aber ihr Anteil am gesamtem Anleihemarkt in der Welt liegt nur bei 0,2 Prozent. Die Erlöse aus grünen Anleihen müssen die Emittenten für die Finanzierung ökologisch nachhaltiger Projekte verwenden.

          Allianz ist Teil des Trends

          Auch Vermögensverwalter setzen auf diese Entwicklung. So werden reihenweise nachhaltige Fonds aufgelegt. Ein Beispiel stammt von dem britischen Vermögensverwalter Aberdeen Standard Investments, dessen Global Impact Equity Fund nun in Europa zugelassen worden ist. Die Aktien wählt der Fonds anhand der 17 Kriterien der Vereinten Nationen für eine nachhaltige Entwicklung aus. Neben ökologischen Zielen steht auch die Bekämpfung von Armut im Blickpunkt. „Als Vermögensverwalter können wir eine wichtige Rolle spielen, um diese Probleme anzugehen“, sagte Euan Stirling, der für Aberdeen Standard Investments das Thema Nachhaltigkeit betreut.

          Auch Europas größter Investor, die Allianz, ist Teil dieses Trends. Vor einem Investorentag im November 2015 kündigte der Versicherer überraschend an, sein Geld aus Investments herauszuziehen, die ihren Umsatz zu mehr als 30 Prozent aus der Kohleverbrennung ziehen. Im Alltag hat das kaum praktische Konsequenzen – sehr wohl aber die Entscheidung, wohin das Geld investiert wird. Von allen Anlageklassen war der Zuwachs im vergangenen Jahr am stärksten bei Infrastruktur-Fremdkapital (ein Plus von 85 Prozent auf 7,4 Milliarden Euro) und erneuerbaren Energien (ein Plus von 47 Prozent auf 3,7 Milliarden Euro). Der Konzern strebt in den kommenden Jahren einen Anteil von alternativen Anlagen, die Immobilien, Infrastruktur, Beteiligungen und Energie umfassen, von 14 Prozent an. Von derzeit 100 Milliarden soll das Volumen auf 140 Milliarden Euro steigen.

          „Wir sind mit unseren Windkraftinvestitionen sehr zufrieden“, sagt Axel Hoffmann vom Volkswohl Bund. „Aber wer nach uns kam, zahlte höhere Preise.“ In den Jahren nach 2011 habe ein gewisser Hype eingesetzt, nicht jeder Geldgeber habe die Zeit gehabt, Anlagen mit der notwendigen Expertise zu prüfen. Sein Unternehmen habe einen Anteil von 4 Prozent des Anlagevolumens in Erneuerbare und Infrastruktur investiert, daraus sollen in zwei bis drei Jahren 6 Prozent werden. Offshore-Windkraft komme wegen der schwer einzuschätzenden Korrosion nicht in Frage. Sein Haus habe deutlich mehr Expertise aufgebaut, aber ohne Unterstützung von Außen gehe es für ein Unternehmen seiner Größe nicht.

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