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Neuausrichtung des Konzerns : Viel Phantasie bei Thyssen-Krupp-Aktie

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Warnung vor Zerschlagung

Cevian-Mitgründer Lars Förberg forderte zuletzt mehr Freiraum für einzelne Sparten nach dem Vorbild von Siemens . Damit würden Börsengänge einzelner Bereiche oder Teilverkäufe einfacher. Dabei hatte er etwa die lukrative Aufzugsparte im Blick.

Dabei griff Förberg direkt nach der Entscheidung über die Stahlfusion Hiesinger erneut frontal an. „Thyssenkrupp ist mit der Strategie des Konglomerats und seiner Matrixorganisation gescheitert. Jetzt muss für jede der Sparten konsequent geprüft werden, welche Struktur und welche Eigentumsverhältnisse am besten geeignet sind“, erklärte der Gründungspartner. Die Maßgabe müsse dabei die industrielle Logik sein, „nicht Tabus, geschichtliche Entwicklung, Emotionen oder persönliche Ambitionen“. Die Aktie könne deutlich mehr wert sein - bei „den richtigen Entscheidungen“ hält er 50 Euro je Aktie für möglich.

Das steht diametral zu den Vorstellungen Hiesingers - dieser lehnte eine Zerschlagung immer vehement ab. Er sah die größten Vorteile in einem integrierten Konzernmodell. Nach dem voraussichtlichen Weggang Hiesingers sind daher nun die Arbeitnehmervertreter alarmiert.

Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath warnte vor einer Zerschlagung und einem Ausverkauf des Industriekonzerns. Er sehe die Gefahr, dass der Rest des Mischkonzerns von Finanzinvestoren zerschlagen werde, sagte Segerath der Deutschen Presse-Agentur. Der IG-Metall-Vertreter gehört dem Aufsichtsrat von Thyssenkrupp an.

Sparten hinken weiterhin Renditevorgaben hinterher

Für Commerzbank-Analyst Ingo-Martin Schachel dürfte die Aufgabe des neuen Chefs vor allem darin bestehen, die Industriegruppe weiter zu verschlanken sowie Maßnahmen zu initieren, um mehr Barmittel zu haben. Die für die kommende Woche angesetzte Strategiesitzung dürfte nun wohl bis zur Ankunft eines möglichen neuen Chefs verschoben werden, schrieb er in einer Studie am Freitag.

Hiesinger übernahm den Chefposten vor sieben Jahren in einer tiefgreifenden Krise. Thyssenkrupp hatte sich mit dem Bau von Stahlwerken in den USA und Brasilien finanziell übernommen und dort Milliarden versenkt. Korruptionsaffären erschütterten den Konzern. Hiesinger räumte auf, entließ den halben Vorstand.

Der Konzern verkaufte die amerikanischen Werke, ebenso eine Reihe weiterer Geschäfte wie die Edelstahlsparte und den zivilen Schiffbau. Die Finanzkennzahlen verbesserten sich, die Risiken schrumpften, und Hiesinger räumte die Bilanz auf. „Ohne Heinrich Hiesinger würde es Thyssenkrupp nicht mehr geben“, erklärte Aufsichtsratschef Ulrich Lehner am Donnerstagabend.

Doch die Sparten hinken weiterhin ihren Renditevorgaben hinterher, was nicht nur Cevian sauer aufstößt. Die Schwachstellen des Konzerns sind der anhaltende Mittelabfluss aus dem operativen Geschäft sowie die hohe Verschuldung. Hier soll die Vereinbarung mit Tata den Befreiungsschlag bringen und Thyssenkrupp wieder Luft für Investitionen schaffen.

Für den Umbau muss Thyssenkrupp nun einen neuen Chef suchen. Als möglicher Übergangs-Chef gilt Finanzvorstand Guido Kerkhoff, wie die „Rheinische Post“ unter Berufung auf Branchenkreise schreibt. Stahl-Chef Andreas Goss sei durch den Tata-Deal gebunden. Commerzbank-Experte Schachel sieht gute Chancen dafür, dass ein Nachfolger rasch gefunden wird, es gebe aber keinen offensichtlichen Kandidaten für den Posten.

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