https://www.faz.net/-gv6-a6v0x

Scherbaums Börse : Geht ein Börsenjahr noch wilder?

  • -Aktualisiert am

Klimawandel: Schmelzende Gletscher in Alaska Bild: AFP

​Kurz vor Jahresschluss lohnt es sich auf ein spannendes Jahr an der Börse zurückzublicken. Doch auch der Ausblick auf 2021 verspricht keineswegs Langeweile. Anlegerthemen und Investmentideen gibt es genug. Zudem entdecken manche Anleger erst jetzt die Börse.

          3 Min.

          Das Börsenjahr 2020 befindet sich auf der Zielgeraden. Eine Handvoll an Handelstagen noch, und das Pandemiejahr ist Geschichte. Es war geprägt von einem der schärfsten Markteinbrüche der vergangenen Jahre: Im März verloren die Kurse mehr als 30 Prozent, um anschließend in einer ebenfalls rasanten Rally wieder die Verluste aufzuholen. So ganz nebenbei mussten sich Investoren in Deutschland mit der Wirecard-Pleite auch noch mit einem der größten Bilanz-Skandale der neueren Finanzgeschichte auseinandersetzen. Am Ende lässt sich sagen: Dieses Jahr hat sicherlich Nerven gekostet. Doch wird das Jahr 2021 wirklich entspannter?

          Viele Menschen in Deutschland haben sich gerade in Sachen Finanzen für das kommende Jahr viel vorgenommen, wie eine aktuelle Befragung von J.P. Morgan Asset Management unter 1000 Frauen und Männern herausfand. Ein erstaunliches Ergebnis dieser Umfrage ist: Rund ein Drittel der Befragten ist zunächst einmal mit der eigenen aktuellen Finanzsituation zufrieden. Ebenfalls 31 Prozent wollen derweil im neuen Jahr weniger Geld ausgeben, indem sie den Konsum reduzieren oder mit günstigeren Vergleichsangeboten etwa bei Strom oder Mobilfunk sparen.

          Börse bleibt auch 2021 für viele tabu

          Viele Deutsche wollen im kommenden Jahr auch etwas bei der Geldanlage tun. Hier merkt man der Umfrage aber an, dass wir uns in Deutschland befinden: Denn trotz Niedrigzinsen durch die geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen der Notenbanken will mit immer noch 20 Prozent rund jeder fünfte Befragte Geld auf dem Sparbuch zurücklegen.

          Weiterhin nicht so stark im Rennen ist dagegen ein Engagement in Aktien & Co. Nur 18 Prozent gaben an, einen Fonds- oder Wertpapiersparplan, die regelmäßige Investments auch mit kleinen Beiträgen ermöglichen, abschließen zu wollen. Lediglich 15 Prozent der Befragten planen im neuen Jahr an der Börse Geld zu investieren. Diejenigen, die dagegen dieses Jahr schon an der Börse aktiv waren, erwarten in 2021 vor allem vom Dax einen stärken Anstieg. Die Optimisten setzen frühzeitig auf ein Abklingen der Corona-Krise und damit auf wieder anziehende Unternehmensgewinne.  

          Experten erwarten anziehende Unternehmensgewinne

          Für den Portfolio-Vorstand von Union Investment, Jens Wilhelm, wird 2021 in der Hoffnung auf auslaufende Corona-Einschränkungen ein Jahr der Chancen. Rekordserien an den New Yorker Börsen geben einen Vorgeschmack darauf, was man sich 2021 vielleicht auch hierzulande vom Dax erhofft. Union-Investment-Experte Wilhelm rechnet damit, dass die weltweiten Firmengewinne 2021 im Jahresvergleich um bis zu 30 Prozent anziehen, während er Aktien bis zu 10 Prozent Luft nach oben einräumt.

          Nicht wenige Experten setzen im Börsenjahr 2021 auf amerikanische Aktien, auch wenn diese auf Basis des Kurs-Gewinn-Verhältnisses (KGV) oft als überbewertet eingestuft werden. „Unter Berücksichtigung des freien Cashflow sieht das Bild freundlicher aus, so dass auch hier die Selektion der Schlüssel zum Erfolg ist“, so Knut Gezelius, Portfoliomanager bei der Fonds-Boutique Skagen.

          Amerikanische Nebenwerte interessant

          Für die Experten von Royce Investment Partners sind vor alle kleine amerikanische Aktiengesellschaften („Small Caps“) im nächsten Jahr weiterhin eine interessante Anlagenoption. Aktien kleiner Unternehmen wären schon in der Vergangenheit bei Krisen oftmals die größten Nutznießer von Rezessionen gewesen. „Wir sehen keinen Grund, warum dies im jetzigen Marktumfeld anders sein sollte“, sagt Francis Gannon von Royce Investment. Er verweist auf die freundliche Entwicklung des Small-Cap-Index Russell 2000, der im November mit 18,4 Prozent die beste Entwicklung seiner Geschichte vollzogen hat.

          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg.
          Unser Autor Christoph Scherbaum ist Börsenfachmann und arbeitet als Finanzjournalist aus Ludwigsburg. : Bild: Christoph Scherbaum

          „Die positive Entwicklung von Small Caps in den Vereinigten Staaten ist nicht ausschließlich auf eine technische Reaktion des Marktes zurückzuführen, sondern vor allem auch auf Zahlen aus den Unternehmen selbst“, betont Gannon, was durch die robusten Gewinne kleinerer Unternehmen im dritten Quartal untermauert wird. Mit Blick auf die kommenden Monate gehen Gannon und seine Kollegen davon aus, dass der Trend zu Aktien kleinerer Unternehmen anhalten wird. „Insbesondere ein schwächerer Dollar dürfte dafür sorgen, dass die Rahmenbedingungen für Exporte kleinerer Unternehmen aus den Vereinigten Staaten noch besser werden, als sie ohnehin schon sind“, so Gannon.

          Durchbruch für Nachhaltigkeit?

          Die bereits erwähnte Umfrage von J.P. Morgan Asset Management brachte ein weiteres Thema aufs Tapet: Demnach interessieren sich 14 Prozent für nachhaltige Geldanlagen und wollen ihr Geld nicht nur vermehren, sondern damit gleichzeitig etwas Gutes tun. Dieser Trend mag zunächst „typisch deutsch“ klingen, doch auch in den Vereinigten Staaten spielt das Thema eine wachsende Rolle.

          Von den weltweit rund 7,2 Billionen Dollar, die mittlerweile in ESG-Finanzprodukten, die Umweltaspekte (Environment), soziale Komponenten (Social) sowie die Qualität der Unternehmensführung (Governance) berücksichtigen angelegt sind, entfällt mit 80 Prozent der Löwenanteil dieser Anlagen bisher auf Europa. Das Wachstum ist gewaltig: Das Volumen 2020 ist mehr als doppelt so groß wie noch 2019.

          Dirk Steffen, Leiter Kapitalmarktstrategie bei der Deutschen Bank, erwartet, dass das Thema zunehmend auch in Amerika an Relevanz gewinnen wird. „ESG-Anlagen haben sich in der Coronavirus-Krise, bei vergleichbarer Performance, als schwankungsärmer erwiesen. Zudem dürfte der Kampf gegen Klimawandel, soziale Ungleichheit und Diskriminierung unter Präsident Joe Biden entschlossener geführt werden“, so Steffen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Eine Fahrradstraße in Barcelona

          Stadtentwicklung : Die Vision der 15-Minuten-Stadt

          Arbeit, Läden, Kultur: Alles soll in der Nähe liegen wie in einem Dorf innerhalb der Stadt. Die Idee erscheint verlockend. Aber wollen die Bürger das überhaupt?
          Rentner an der Côte d'Azur in Nizza.

          F.A.S. exklusiv : Corona steigert die Rente

          In der Corona-Krise sinken die Löhne, dann steigen sie wieder. Allein das führt dazu, dass die Rentenversicherung künftig jedes Jahr zusätzliche Milliarden auszahlt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.