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Aktienmärkte unter Druck : Angst vor Strafzöllen drückt Dax unter 12.000 Punkte

Ein Stahlarbeiter am Hochofen von Thyssen-Krupp in Duisburg Bild: dpa

Stahlaktien verlieren, Autohersteller auch. Sind die Risiken aus dem zunehmenden Protektionismus an den Märkten bislang unterschätzt worden?

          3 Min.

          Die Sorgen über amerikanische Strafzölle und eine mögliche europäische Vergeltung haben am Freitag die Kurse an den Aktienmärkten unter Druck gebracht. Der deutsche Aktienindex Dax fiel erstmals seit dem vergangenen Sommer wieder unter 12.000 Punkte. Zum Handelsschluss stand er auf 11.914 Punkten, ein Minus gegenüber dem Vortag von 2,3 Prozent. Im Tagesverlauf waren die Verluste sogar noch größer gewesen. In Amerika hatten die Börsen schon am Donnerstag nachgegeben. Auch am Freitag zeigte sich die Wall Street im Handelsverlauf im Minus. Der Dow-Jones-Index der Industriewerte verlor 0,8 Prozent auf 24.402 Punkte, der breit gefasste S&P 500 0,5 Prozent auf 2663 Punkte. Stahlaktien wie US Steel, die am Donnerstag noch kräftig gewonnen hatten, verloren am Freitag gleichfalls.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zu den größten Verlierern am hiesigen Aktienmarkt gehörten am Freitag Stahlhersteller wie Thyssen-Krupp (minus 4 Prozent) und Salzgitter (minus 5,2 Prozent). Auch den größten europäischen Stahlkonzern Arcelor-Mittal (minus 3,7 Prozent) traf es kräftig – obwohl das Unternehmen noch vergleichsweise viel Stahl auch in Amerika produziert. Deutsche Autoaktien gaben ebenfalls nach.

          Sind die Risiken, die sich aus dem zunehmenden amerikanischen Protektionismus für Aktien ergeben, an den Märkten also bislang unterschätzt worden? Und wie können Anleger sich in ihrem Depot jetzt darauf einstellen?

          „Es handelt sich eher um ein Scharmützel“

          Von einer „zweiten Korrektur“ am Aktienmarkt, nach dem Wall-Street-Kurssturz vor gut drei Wochen wegen der steigenden Zinsen, spricht Markus Reinwand, Aktienstratege der Landesbank Hessen-Thüringen (Helaba). Beide Themen – steigende Zinsen in Amerika und Trumps Protektionismus – seien zwar grundsätzlich bekannt gewesen. Sie hätten aber offenkundig ganz plötzlich unter den Investoren viel mehr Beachtung gefunden.

          Holger Schmieding, der Chefvolkswirt des Bankhauses Berenberg, ist überzeugt, der Protektionismus gehöre seit dem Wahlsieg von Trump zu den großen Gefahren überhaupt. Dieses Risiko habe mit den neuen amerikanischen Zöllen, die weit über die bisher üblichen gezielten Anti-Dumping-Strafzölle für einzelne Produkte aus einzelnen Ländern hinausgingen, spürbar zugenommen. „Allerdings haben die Märkte dieses Risiko auch vorab diskutiert“, sagte Schmieding. „Die aktuelle Reaktion ist wohl auch Ausdruck dessen, dass die Stimmung kurzfristig ohnehin etwas wacklig geworden war.“ Schmieding glaubt nicht, dass jetzt ein richtiger Handelskrieg beginne: „Es handelt sich eher um ein Scharmützel.“

          Jörg Krämer, der Chefvolkswirt der Commerzbank, meint, die Europäische Union solle sich wehren: „Die EU muss zurückschlagen – am besten mit Zöllen auf amerikanische Produkte, die den Wählern von Trump weh tun. Ansonsten macht Trump weiter.“ Beim Protektionismus verlören gleichwohl am Ende alle.

          Geringe Wirkung auf den Welthandel

          Viele Analysten äußerten am Freitag, es sei auch wohl eine gehörige Portion Übertreibung an den Märkten dabei. „Ich glaube, dass die Märkte derzeit übertreiben“, sagte Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Fondsgesellschaft Assenagon. Die direkte Wirkung der Zölle auf den Welthandel sei gering, meinte auch Schmieding. Betroffen seien amerikanische Einfuhren von bis zu 45 Milliarden Dollar aus insgesamt 2,4 Billionen Dollar. Die Reaktionen anderer Staaten würden wohl nicht höher ausfallen. Für das erwartete Gesamtvolumen des Handels sei das „im Rahmen der normalen Schätzfehler“. Wesentlich wichtiger sei der mögliche Vertrauenseffekt. Die Zölle nährten die Unsicherheit. Dies werde das Geschäftsklima belasten, in außenhandelsorientierten Ländern wie Deutschland mehr als in Amerika selbst. Das könne sich auf die Investitionsbereitschaft auswirken. Damit könnten die Chancen sinken, dass der Aufschwung in Europa sich weiter beschleunigt – ein kräftiger und nachhaltiger Rückschlag zeichne sich aber nicht ab.

          Was heißt das nun für Anleger? Aktien von exportorientierten Unternehmen jetzt grundsätzlich zu meiden wäre unangemessen, meint Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank für Privat- und Firmenkunden. „Unserer Meinung nach ist die Marktreaktion auf die protektionistischen Töne der Trump-Regierung etwas übertrieben.“ Die Deutsche Bank glaube, dass die Besonnenheit Chinas in den nächsten Tagen etwas Schärfe aus der Diskussion nehmen werde. Trotz der neuen Gangart in Amerika profitierten viele ausländische Unternehmen von der Dynamik der amerikanischen Absatzmärkte: „Für uns überwiegen in summa die Vorteile der wachstumsfördernden amerikanischen Fiskalpolitik – wir meiden die Aktien von stark nach Amerika exportierenden Unternehmen daher nicht.“

          Einige Fondsmanager differenzierten die Risiken für Aktien auch nach Sektoren. Dylan Ball von der Fondsgesellschaft Templeton meinte: „Die von der amerikanischen Administration geplante Einführung von Zöllen auf Stahl und Aluminium betreffen in der ersten Runde kaum europäische Unternehmen direkt – die Zweitrundeneffekte sind entscheidend.“ Die Frage sei: Wird der europäische Markt mit Billigimporten von Stahl und Aluminium überschwemmt? Und: Wird es zu einem Handelskrieg kommen? „Ersteres wäre für die europäischen Produzenten von Stahl und Aluminium negativ zu werten“, sagte Ball. Letzteres könnte sämtliche Unternehmen im produzierenden Gewerbe treffen, die in die Vereinigten Staaten exportieren. In Gefahr seien hier Sektoren wie zum Beispiel der Maschinenbau oder Hersteller langlebiger Konsumgüter wie zum Beispiel Autos oder Möbel: „Den Dienstleistungssektor sehen wir vorerst auf der sicheren Seite.“

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