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Internet-Zahlungsdienstleister : So viel trauen Analysten der Wirecard-Aktie zu

Markus Braun, CEO von Wirecard im April Bild: EPA/Lukas Barth

Der auf Internetzahlungen spezialisierte Dienstleister Wirecard hat die Vorwürfe zu seinen Bilanzen hinter sich gelassen: Der Aktienkurs steigt und das Geschäft an asiatischen Märkten nimmt gerade erst Fahrt auf.

          Der Kursanstieg der Wirecard-Aktie beeindruckt, auch wenn es am Mittwoch um fast 7 Prozent bergab ging. Offenbar hatten einige Anleger den vorangegangenen Kursanstieg zu Gewinnmitnahmen genutzt. Am Donnerstag erholte sich der Titel wieder bis auf 153,80 Euro. Bis auf 162,30 Euro war der Wirecard-Kurs am Dienstagvormittag gestiegen. Wer Anfang der Vorwoche den Titel gekauft hat, hätte sich zu diesem Zeitpunkt über einen Kursgewinn von 16 Prozent freuen können. Wer Mitte Februar eingestiegen ist, also unmittelbar nach den ersten Berichten der „Financial Times“ zu angeblichen bilanziellen Unregelmäßigkeiten, wäre für seinen Mut mit einem Kursanstieg von zwei Dritteln belohnt worden.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der auf Internetzahlungen spezialisierte Dienstleister hat die Sorgen um Schwächen in der Außendarstellung und Zweifeln an Geschäften in Asien inzwischen hinter sich gelassen. Gründe dafür sind der Einstieg des japanischen Mischkonzerns und Wagniskapitalgebers Softbank vor fünf Wochen, aber auch die Veröffentlichung von Auszügen eines Berichts zu angeblichen Unregelmäßigkeiten am Standort Singapur. Die hat es durchaus gegeben, aber das geringe Ausmaß rechtfertigte nicht den durch die Berichte der „Financial Times“ ausgelösten Kurssturz.

          Die beeindruckende Kurserholung verstärkte Wirecard-Chef Markus Braun durch höhere Prognosen zum Gewinnwachstum sowie zu Plänen über mögliche Aktienrückkäufe. Mit einer Marktkapitalisierung von knapp 20 Milliarden Euro lässt Wirecard als Finanzunternehmen die Deutsche Bank (13,2 Milliarden Euro) und die Commerzbank (8,4 Milliarden Euro) weit hinter sich. Die weiteren Aussichten für die Wirecard-Aktie sehen die Analysten überwiegend positiv.

          Eine skeptische Stimme aus Australien

          Sie trauen dem in Aschheim nahe München ansässigen Finanztechnologieunternehmen inzwischen wieder allerhand zu. Von den auf dem Finanzdatenportal Bloomberg aufgelisteten 28 Analystenmeinungen empfehlen 22 den Titel zu kaufen. Die Pessimisten sind mit vier Verkaufsempfehlungen in der Minderheit, zwei Analysten raten, die Aktie zu halten. Das Kursziel legt mit durchschnittlich 190,84 Euro weiteres Ertragspotential nahe. Das bisherige Rekordhoch erreichte die Wirecard-Aktie am 4. September 2018 mit 199 Euro.

          Den Tiefstand markierte der Kurs am 8. Februar mit 86 Euro, also nach den ersten kritischen Berichten der „Financial Times“ und ihres umstrittenen Journalisten Dan McCrum. Gegen ihn ermittelt die Münchner Staatsanwaltschaft wegen Kursmanipulation. Auch die Finanzaufsicht Bafin hatte Anzeige wegen Marktmanipulation gestellt, weil sie einen Zusammenhang zwischen den Zeitungsberichten und den Spekulationen auf Kursverluste durch den Aufbau von Leerverkaufspositionen sieht. Erstmals hatte die Bafin bei Wirecard den Aufbau von Leerverkaufspositionen für eine Einzelaktie untersagt. Die Schutzmaßnahme endete nach zwei Monaten zu Ostern. Seitdem geht es mit dem Kurs steil nach oben.

          WIRECARD

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          Eine der wenigen skeptischen Stimmen unter den Analysten stammt von der australischen Investmentbank Macquarie. Deren Analyst Bob Liao lobt zwar die jüngsten Quartalszahlen, weil sie die größer werdenden Wachstumsmöglichkeiten zeigten. Jedoch bewertet er die weiteren Aussichten für den Aktienkurs neutral, da er erst noch den Bericht der Ermittlungsbehörden in Singapur abwarten will. Dort haben die Ermittler die Wirecard-Büros im Februar und März durchsucht. Das Material wird noch analysiert. Endgültige Entwarnung gibt es also noch nicht.

          Besonders hohe gewinne in Asien erwartet

          Das hat die Deutsche-Bank-Analystin Nooshin Nejati nicht daran gehindert, in der vergangenen Woche ihre Empfehlung für die Wirecard-Aktie von „Halten“ auf „Kaufen“ hochzustufen. Sie verweist auf die Untersuchungen der Singapurer Kanzlei Rajah & Tann, die falsche Buchungen in mittlerer einstelliger Millionenhöhe festgestellt hatte. Die Korrekturen hat Wirecard ohne Probleme verarbeitet, der langjährige Wirtschaftsprüfer EY erteilte dem Geschäftsbericht 2018 uneingeschränkt sein Testat.

          Nejati wertet dies als positives Zeichen und konzentriert sich nun auf die Wachstumsaussichten in den nächsten Jahren. Die regionale Expansion sollte bis zum Jahr 2021 ein Gewinnwachstum von mehr als 30 Prozent ermöglichen. Deutlich mehr Umsätze versprechen die ausgeweiteten Geschäfte in den schnell wachsenden Volkswirtschaften Asiens, wo die Bereitschaft besonders hoch ist, neue Zahlungsmethoden anstelle von Bargeld zu nutzen. Die guten Kontakte zu Softbank, die 28 Prozent an dem chinesischen Online-Händler Alibaba hält, sind hier ein großer Vorteil.

          Im vergangenen Jahr steigerte Wirecard das Transaktionsvolumen um 37 Prozent auf 125 Milliarden Euro und die Umsätze um 35 Prozent auf 2,1 Milliarden Euro. Der Betriebsgewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg um 37 Prozent auf 561 Millionen Euro. Im ersten Quartal setzte sich das Wachstum mit ähnlich hohen Raten fort. Vorstandschef Braun, der 7 Prozent an Wirecard hält, erhöhte die Prognose für den Betriebsgewinn im laufenden Jahr auf 760 bis 810 Millionen Euro. Zuvor waren es zwischen 740 und 800 Millionen Euro. Auf Basis der neuen Prognose erwartet Wirecard in diesem Jahr ein Gewinnwachstum von mindestens 36 Prozent.

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