https://www.faz.net/-gv6-9l47l

Bankenumfeld : An der Börse ist das Fusionsfieber schon wieder verflogen

Unternehmenszentralen von Deutscher Bank und Commerzbank in Frankfurt. Bild: Wolfgang Eilmes

An der Börse rückt neben der möglichen Fusion der Deutschen Bank mit der Commerzbank langsam auch wieder das Tagesgeschäft der Geldhäuser stärker in den Blick. Vor allem ein Geschäftsbereich bereitet der Branche große Sorgen.

          Die Anleger der beiden deutschen Großbanken interessiert seit einiger Zeit vor allem eines: Kommt die Fusion von Deutscher Bank und Commerzbank oder kommt sie nicht? Am Donnerstag haben die Vorstände beider Häuser erstmals offiziell ihre Aufsichtsräte über den Stand der Dinge informiert. Aber sonst gibt es bislang wenig Konkretes, an dem sich die Aktionäre orientieren können.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          An der Börse rückt neben der möglichen Fusion daher auch langsam wieder das Tagesgeschäft der Banken stärker in den Blick. Und dabei mehren sich die Anzeichen, dass es aktuell für Kreditinstitute richtig schlecht laufen dürfte. Mit düsteren Aussagen zum ersten Quartal schockierte der Vorstandsvorsitzende der Schweizer Großbank UBS, Sergio Ermotti, nun die Bankaktionäre. Das Geschäftsumfeld im Investmentbanking sei für ein Auftaktquartal so schlecht wie selten zuvor in der jüngeren Vergangenheit, sagte Ermotti auf einer Investorenkonferenz in London.

          Außerhalb der Vereinigten Staaten gebe es mit Blick auf Übernahmen oder Börsengänge kaum Aktivitäten. Die Erträge im Investmentbanking lägen bisher im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um ein Drittel niedriger. Damit verstärkte er die Warnung, die Jamie Dimon, der Chef der größten amerikanischen Bank JP Morgan, schon vor einigen Wochen ausgegeben hatte.

          Die Aussagen von Ermotti ließen am Donnerstag die Aktienkurse vieler europäischer Banken sinken. Der europäische Branchenindex Euro Stoxx Banken gab 1,7 Prozent nach. Die Deutsche Bank war mit einem Minus von 4,1 Prozent einer der schwächsten Einzelwerte im Dax. Die Commerzbank zählte mit minus 3,4 Prozent zu den großen Verlierern im M-Dax.

          DT. BANK

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Die Zugewinne, die beide Aktien nach der offiziellen Bekanntgabe ihrer Fusionsgespräche am vergangenen Wochenende verzeichnen konnten, sind damit weitgehend wieder verpufft. Der Kurs der Deutschen Bank steht sogar wieder auf dem niedrigsten Stand seit Mitte Februar. Für die Commerzbank sieht es trotz der jüngsten Kursverluste weniger düster aus. Seit Jahresstart ist der Aktienkurs immerhin noch 22 Prozent im Plus.

          COMMERZBANK AG

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Nach den Worten von Ermotti hat die UBS sowohl im Investmentbanking als auch in der für das Schweizer Institut sehr wichtige Vermögensverwaltung geringere Erträge erzielt. Die UBS-Aktie verlor daraufhin 1,6 Prozent und zog auch die übrigen Schweizer Bankaktien mit sich: Die Anteilscheine der Credit Suisse gaben 2 Prozent nach, jene von Julius Bär rund 2 Prozent. Entsprechend vorsichtig äußerte sich Bankchef Ermotti zu den Gewinnzielen für das laufende Jahr: Die Renditen dürften aus heutiger Sicht mindestens auf dem Vorjahresniveau liegen, sagte Ermotti. Damit kassierte er im Grunde den ursprünglichen Plan der Bank, im laufenden Jahr die Eigenkapitalrendite auf rund 15 Prozent zu steigern, nach 13,1 Prozent im Vorjahr.

          Das Investmentbanking läuft schlecht

          Von solchen Renditen können die Aktionäre der Deutschen Bank nur träumen. Hier hat der Vorstandsvorsitzende Christian Sewing für dieses Jahr ein Ziel von 4 Prozent ausgegeben, nach gerade einmal 0,5 Prozent im Vorjahr. Auch in einer Kombination mit der Commerzbank läge diese Profitabilitätskennzahl nach Analystenschätzungen noch immer weit entfernt von jener der UBS. Anke Reingen von der Royal Bank of Canada beziffert die mögliche Eigenkapitalrendite einer vereinten Bank im Jahr 2021 auf 7,5 Prozent – oder eher 7 Prozent, falls die Bankenaufseher dem neuen Institut schärfere Kapitalvorschriften machen sollten.

          Wie mies die Geschäfte auch im deutschen Investmentbanking laufen, zeigen am Donnerstag vorgelegte vorläufige Marktdaten von Refintiv (früher Thomson Reuters) für das erste Quartal. Vor allem das Geschäft mit Börsengängen ist stark eingebrochen. In diesem Jahr wurden demnach bisher nur sieben Emissionen verzeichnet, verglichen mit 21 im Vorjahreszeitraum. Das gesamte Volumen des Aktiengeschäfts der Investmentbanken in Deutschland beziffert Refintiv auf gerade noch 1,6 Milliarden Dollar. Das sei ein Rückgang um 85 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der niedrigste Wert seit 2016.

          Auch in der Beratung zu Fusionen und Übernahmen sieht es schlecht aus: Das Volumen angekündigter Transaktionen mit deutscher Beteiligung erreicht im Verlauf dieses Jahres bislang 24,6 Milliarden Dollar, was 67 Prozent unter dem Rekordvolumen des Vorjahres von 73,8 Milliarden Dollar liegt. Vor allem schauen sich deutsche Konzerne weniger im Ausland um: Das Volumen von Transaktionen, bei denen deutsche Unternehmen die Käufer sind, ging um 84 Prozent auf noch 8,4 Milliarden Dollar zurück.

          Auch wenn es im Jahresverlauf viele solcher Ranglisten mit unterschiedlicher Aussagekraft gibt – für die Deutsche Bank ist die Refinitiv-Auswertung eine Ohrfeige: In der Beratung zu Fusionen und Übernehmen in Deutschland zählt sie in keinem Marktsegment zu den Top 10. Angeführt werden sie von amerikanischen Banken wie Goldman Sachs und JP Morgan. Immerhin: Im Aktiengeschäft belegt sie Platz drei, bei Anleihen ist sie die Nummer eins.

          Vor wenigen Tagen hatten die beiden Deutschland-Chefs des Investmentbankings der Deutschen Bank, Patrick Frowein und Berthold Fürst, noch von Zugewinnen bei den Marktanteilen berichtet und sich dabei auf Dealogic gestützt. Der Marktdatendienstleister wertet die Gebühreneinnahmen der Investmentbanken aus, bezieht sich also in der Regel auf Aufträge in der Vergangenheit. Sie hatten von einem Rückgang der Brancheneinnahmen um 14 Prozent berichtet.

          Seit Jahresbeginn stehen inzwischen die Kurse mehrerer europäischer Großbanken wieder im Minus. Mit 8,7 Prozent musste die spanische Caixabank den größten Rücksetzer unter ihnen hinnehmen, gefolgt von der österreichischen Raiffeisen Bank International. Die Aktie der französischen Großbank Société Générale lag am Donnerstag 4,1 Prozent unter dem Kurs zum Jahresstart.

          FAZ.NET komplett

          Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Brexit-Debatte : Schottland droht mit neuem Unabhängigkeitsreferendum

          Die schottische Ministerpräsidentin Sturgeon hat ein Unabhängigkeitsreferendum für das kommende Jahr angekündigt, sollte es zu einem No-Deal-Brexit kommen. EU-Kommissionspräsident Juncker will konkrete schriftliche Vorschläge von Premierminister Johnson.

          Series 5 im Test : Wie gut ist die neue Apple Watch?

          Am Freitag kommt die neue Smartwatch von Apple in den Handel. Die dunkle Anzeige im Ruhemodus ist damit Vergangenheit. Das Display der Series 5 ist immer eingeschaltet. Aber es gibt ein Problem.
          Hefte raus, wir schreiben Abitur: Gymnasium im oberbayerischen Kirchseeon

          Bildungspolitik : Das Abi ist ungerecht

          Jedes Land hat seine eigenen Aufgaben für die Prüfungen. Aber für alle Schüler gilt an der Uni der gleiche NC. Da muss sich was ändern.

          Kabinettsbeschluss : Mietspiegel soll neu berechnet werden

          117 Millionen Euro sollen Mieter durch diesen Kabinettsbeschluss sparen. Ob das so kommt, ist aber ungewiss – der Mieterbund hält die Maßnahme für nicht ausreichend. Mietern schaden könnte auch noch etwas anderes.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.