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Russische Börse : In Moskau schwindet die Angst vor neuen Sanktionen

Gasprom-Gasfeld in Bowanenko. Auch die Dividenden sprudeln. Bild: AFP

Die Anleger kehren an die russische Börse zurück. Die stärksten Zuwächse der vergangenen drei Monate zeigen drei Aktien aus dem Energiesektor auf.

          Die Stimmung am russischen Aktienmarkt ist so gut wie lange nicht. Seit März ist der in Dollar notierte RTS-Index, der die 50 größten an der Moskauer Börse gehandelten Unternehmen spiegelt, um 10 Prozent gestiegen und befindet sich nun mit rund 1300 Punkten wieder auf einer Höhe wie zuletzt Anfang 2018, bevor Sanktionen der Vereinigten Staaten ihn hatten abstürzen lassen. Seit Krim-Annexion und Ölpreisverfall 2014 schwankt der RTS zwischen 900 und 1300 Punkten. Von seinem Vor-Finanzkrisen-Rekord von 2798 Punkten aus dem Jahr 2008 ist der Index allerdings auch jetzt noch weit entfernt.

          Katharina Wagner

          Wirtschaftskorrespondentin für Russland und die GUS mit Sitz in Moskau.

          Der in Rubel notierte Moex-Index zeigt seit März eine ähnliche Aufwärtsbewegung wie der RTS; seit Anfang 2018 ist er sogar um knapp 28 Prozent gestiegen. Im Kontrast zur florierenden Börse steht die russische Wirtschaft: Sie wuchs im ersten Quartal dieses Jahres nur um 0,5 Prozent im Jahresvergleich, was deutlich unter allen Erwartungen lag.

          Zur Erklärung wurde die schwache Binnennachfrage nach einer Mehrwertsteuererhöhung zum Jahresbeginn angegeben. Das verfügbare Einkommen der privaten Haushalte ist von 2013 bis 2018 um 8,3 Prozent gesunken und soll auch in diesem Jahr nicht merklich wachsen. Für 2019 geht die Weltbank von einem Wirtschaftswachstum von lediglich 1,4 Prozent aus. Für 2018 hatte die russische Statistikbehörde noch ein Plus von 2,3 Prozent angegeben, wobei Zweifel an den Erhebungsmethoden bestehen.

          Erstarkter Rubel

          Für die Anleger ist aber ein ganz anderes Thema entscheidend: Die Angst vor neuen Sanktionen schwindet. Auch ein seit Jahresbeginn erstarkter Rubel trägt zu der guten Entwicklung bei. Die Entscheidung der Fed im Januar, den Leitzins nicht weiter anzuheben, hat auch Schwellenländer wie Russland für Investoren wieder interessant werden lassen. Überdies haben Russlands Regierung und Zentralbank seit 2014 finanzpolitische Maßnahmen ergriffen, die zur Stabilisierung beitragen:

          Überschüssige Einnahmen aus dem Öl-Export werden bei einem Preis von über 40 Dollar je Barrel in Devisen gewechselt und in den Nationalen Wohlfahrtsfonds eingezahlt. Die Außenverschuldung ist niedrig, der Haushaltsüberschuss mit einer Höhe von 2,7 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) üppig. Auch die Inflation stieg nach der Mehrwertsteuererhöhung geringer als befürchtet. Es wird daher erwartet, dass die Zentralbank schon auf ihrer Sitzung Mitte Juni den Leitzins von jetzt 7,75 Prozent senken könnte; dies empfahl jüngst auch der Internationale Währungsfonds.

          RTS Index

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          Vor dem Hintergrund der finanzpolitischen Stabilität sind auch russische Staatsanleihen attraktiv. In den ersten Monaten dieses Jahres hat Russland mehr Staatsanleihen begeben als im ganzen Jahr 2018, darunter erfolgreich solche im Dollar. Im Mai wurden mehr als 40 Prozent der begebenen Papiere an ausländische Investoren verkauft. Das Finanzministerium erwägt, in diesem Jahr noch mehr Anleihen in Dollar oder Euro zu begeben.

          Dies solle, so erklärte der im Finanzministerium für Staatsschulden zuständige Konstantin Wischkowskij kürzlich in einem Interview, vor neuen Sanktionen schützen – in Washington sind weiterhin Sanktionsprojekte im Umlauf, die unter anderem Strafmaßnahmen gegen neu begebene russische Staatsanleihen vorsehen. Doch haben auch große amerikanische Fonds, etwa der kalifornische Rentenfonds, in russische Staatsschulden investiert. Je höher der Anteil ausländischer Investoren, desto geringer sei die Wahrscheinlichkeit neuer Sanktionen, glaubt das russische Finanzministerium.

          Gasprom-Aktie haussiert

          Auch die Verschärfung der Konflikte Washingtons mit Teheran und Peking lässt Investoren hoffen, dass Russland derzeit keine neuen Sanktionen zu befürchten habe. Im Handelsstreit mit China werden neben der negativen Folgen auch mögliche Vorteile für Russland gesehen, das als Energielieferant einspringen könnte. Die stärksten Zuwächse der vergangenen drei Monate zeigten dann auch drei Konzerne aus dem Energiesektor – die staatlich kontrollierte Gasprom, die Flüssiggasfirma Novatec und der Pipelineproduzent TMK. Um knapp 48 Prozent sind die Aktien von Gasprom seit Anfang März gestiegen; dies ist auch einer der Gründe für die Sprünge des Moex-Index, in dem Gasprom stark gewichtet ist. Am Montag überstieg der Index erstmals die 2700-Punkte-Marke.

          Die Gasprom-Führung hatte Mitte Mai auf der Aktionärsversammlung überraschend eine Dividendenerhöhung für das Jahr 2018 von 8 Rubel pro Aktie auf 16,6 Rubel vorgeschlagen – Gasprom galt bisher als knauserig im Umgang mit Aktionären. Seither steigen die Aktien und sind so teuer wie seit Jahren nicht mehr. Allerdings ist auch die neue Dividendenhöhe mit 27 Prozent des Reingewinns immer noch weit entfernt von den Forderungen des Finanzministeriums. Demnach sollen staatlich kontrollierte Konzerne 50 Prozent ihres Reingewinns als Dividenden auszahlen, was auch dem Staatshaushalt zugutekäme.

          Bisher hatte Gasprom die Forderung unter Verweis auf teure Investitionen – darunter die Pipelineprojekte Nord Stream 2 nach Deutschland und Sila Sibiri nach China – stets zurückgewiesen, musste dafür aber höhere Steuern zahlen. Nun hat Gasprom angekündigt, nach Vollendung der Großprojekte in den nächsten zwei bis drei Jahren die Dividenden sogar bis auf 50 Prozent anzuheben.

          Die Neuigkeiten haben Gasprom zum ersten Mal seit drei Jahren wieder zum wertvollsten russischen Unternehmen werden lassen. Mit einer Marktkapitalisierung von mehr als 80 Milliarden Dollar liegt Gasprom nun vor der größten russischen Bank, der ebenfalls staatlich kontrollierten Sberbank.

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