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Wachstumssorgen : Am Aktienmarkt breiten sich skeptische Stimmen aus

Containerdock des Yangshan-Hafens in Schanghai: In Chinas Industrie kühlt sich die Stimmung wieder etwas ab. Bild: dpa

Immer mehr Anleger stellen sich auf eine schwächere Konjunktur ein. Vor allem die Deltavariante des Coronavirus beunruhigt sie.

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          Die Übergewichtung von Aktien hat der Schweizer Vermögensverwalter Bantleon zurückgeführt. Er will die Aktienquoten in den nächsten Monaten weiter reduzieren. Als Grund nennt Bantleon-Chefvolkswirt Daniel Hartmann die schwächer werdende Konjunktur. Dabei blickt er auf den Einkaufsmanagerindex der Industrie, der in Deutschland im Frühjahr mit 66,6 Punkten seiner Ansicht nach den Höhepunkt durchschritten hat. „Unsere eigenen, weit vorausschauenden Frühindikatoren zeichnen einen Abwärtstrend in den nächsten Monaten voraus. Für den Juli prognostizieren wir das erste erkennbare Minus“, sagt Hartmann.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Ein rückläufiger Trend bei den Konjunkturbarometern heißt für ihn nicht automatisch, dass eine Baisse bevorsteht. Es sei lediglich klar, dass an den Aktienmärkten und bei anderen riskanten Vermögenswerten kleinere Brötchen gebacken werden müssten. Die Kurszuwächse werden nach der Prognose des Bantleon-Chefvolkswirts im zweiten Halbjahr auf jeden Fall deutlich kleiner als in der ersten Jahreshälfte 2021 oder im zweiten Halbjahr 2020 ausfallen. Immer häufiger dürften Rücksetzer auftreten, fügt Hartmann hinzu. Seit dem Corona-Crash im März 2020 hätten Dax und Euro Stoxx 50, der Leitindex für den Euroraum, um rund 70 Prozent zulegt, der Schweizer Leitindex SMI um 55 Prozent.

          Mit Rezessionsängsten droht Korrektur

          Ob es zu einer nachhaltigen Korrektur am Aktienmarkt mit einem Kursrückgang von mehr als 20 Prozent kommt, hängt nach Einschätzung Hartmanns von der Steilheit des konjunkturellen Abwärtstrends ab. Die Vermögensverwalter von Bantleon stellen sich in ihrem Basisszenario nur auf eine milde Wachstumsverlangsamung ein. Als Risikoszenario betrachtet Hartmann die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus, sollte diese den Einkaufsmanagerindex in den kommenden Monaten Richtung 50 Punkte drücken und Rezessionsängste wecken.

          Mit Unruhen an den Märkten in den kommenden Wochen rechnet Mark Holman, Vorstandschef des Vermögensverwalters TwentyFour Asset Management, einer Tochtergesellschaft der Schweizer Bank Vontobel. Die Märkte hätten sich seit dem wirtschaftlichen Einbruch im vergangenen Jahr wieder weitgehend regeneriert. Von den Marktteilnehmern sei daher fast durchgehend und in vollem Umfang eine erhebliche Erholung eingepreist worden. „Möglich ist jedoch, dass sich diese Erholung als nicht so stark erweisen wird wie von den Märkten zunächst erwartet, insbesondere nach der vollständigen Wiedereröffnung der Wirtschaft“, gibt Holman zu bedenken.

          Dies zeigt sich seiner Ansicht nach an den wirtschaftlichen Indikatoren aus China, die Anfang des Monats eine Kürzung des Mindestreservesatzes durch die Notenbank zur Folge hatten. Schließlich hätten die Märkte die potentiellen Auswirkungen der Delta-Variante auf die Wachstumszahlen im dritten Quartal unterschätzt. Die Industrieländer schienen derzeit den Ansatz zu verfolgen, die Ausbreitung der Virus-Variante in der Bevölkerung zuzulassen und darauf zu hoffen, dass durch den Erfolg der Impfkampagnen die Zahl der Krankenhauseinweisungen und die Sterblichkeitsraten auf einem niedrigen Niveau blieben.

          Weiterhin gestörte Lieferketten

          Diese Strategie möge zwar letztlich aufgehen, derzeit verhinderten aber zwei wesentliche Faktoren, dass erhebliche Teile der Erwerbstätigen ihrer Arbeit nachgehen könnten: die Ansteckung mit der Krankheit und die dann erforderliche häusliche Quarantäne. Gleichzeitig stiegen die Sterblichkeitsraten in all jenen Ländern, in denen die Impfungen weniger weit fortgeschritten seien und unterschiedliche Reaktionen seitens der Behörden nach sich zögen. Zudem habe die Wirtschaft ihre volle Produktionskapazität noch nicht wiedererlangt, sodass weiterhin mit gestörten Lieferketten zu rechnen sei, erwartet Holman.

          „Es wird heiß“, lautet der Titel des aktuellen Marktkommentars von Chris Iggo, Chefanlagestratege von Axa Investment Managers. Auch er nennt als Ursache für die zunehmenden Sorgen an den Aktienmärkten die Ausbreitung des Delta-Virus. Diese mache bewusst, dass der Kampf gegen die Pandemie noch lange nicht vorbei sei. Die rasante Verbreitung der Delta-Variante könnte sich nach Einschätzung von Iggo auf die Lockerung von Corona-Maßnahmen sowie das Angebot an Waren und Arbeitskräften auswirken und die Gesundheitssysteme abermals unter Druck setzen. Trotz dieser Sorgen scheine der makroökonomische Ausblick mit sich erholenden Aktien- und Kreditmärkten positiv zu bleiben. Für Iggo wird die Geldpolitik expansiv bleiben. Die Märkte hätten nur eine Zinserhöhung in den Vereinigten Staaten Anfang 2023 vollständig eingepreist.

          Dass die Inflationserwartungen für die amerikanische Wirtschaft an den Finanzmärkten seit ihrem Höchststand im Mai deutlich gesunken sind, wertet der Anlagestratege als Indiz, dass der Anleihemarkt nicht mehr mit einer Überhitzung rechnet. Iggo hält es für möglich, dass die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen bald wieder 1 Prozent erreichen könnte. Am Dienstag lag sie auf 1,25 Prozent. Ende März, als Inflationssorgen noch überwogen, lag die Rendite noch bei 1,76 Prozent.

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