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Amerikanischer Aktienmarkt : Unter der ruhigen Oberfläche der Wall Street brodelt es

  • -Aktualisiert am

Aktienhändler an der New Yorker Börse Bild: AP

Amerikas Börsianer scheinen die Warnsignale weitgehend zu ignorieren. Dutzende Aktien sind in einer Baisse-Phase.

          Das größte Interesse an der Wall Street galt zuletzt den neuen Rekorden. Der breitgefasste Aktienindex S&P 500 hat in den ersten drei Quartalen dieses Jahres um 9 Prozent zugelegt. Triebfedern waren weiterhin große Technologiewerte wie Apple und Amazon, die allein für fast 30 Prozent der Indexgewinne verantwortlich waren. Der technologielastige Composite-Index der Nasdaq, die Heimatbörse von Apple und Amazon, ist im gleichen Zeitraum sogar um 17 Prozent gestiegen, also fast doppelt so stark wie der S&P 500.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Wirtschaft wächst, die Unternehmensgewinne steigen und Börsianer scheinen Warnsignale wie steigende Zinsen oder die anhaltenden Handelskonflikte zwischen den Vereinigten Staaten und China bisher weitgehend zu ignorieren. Sogar im September, dem traditionellen Angstmonat der Wall Street, hat der S&P 500 leicht zugelegt.

          Aber Schlagzeilen über Indexrekorde erzählen nicht die ganze Geschichte. Zahlreiche Aktien, vor allem Grundstoffhersteller und Industriewerte, leiden stark unter den Folgen des vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump forcierten Handelskonfliktes, der Produktionskosten erhöht und Nachfrage bremst.

          Viele Aktien in einer Baisse

          Dutzende von Aktien befinden sich trotz der allgemeinen Hausse in einer klaren Baisse, darunter Konzerne wie der Baumaschinenhersteller Caterpillar, die Autohersteller General Motors und Ford, der Motorradbauer Harley-Davidson oder Whirlpool, ein bekannter Hersteller von Haushaltsgeräten. Die vom Handelskonflikt ausgehende Sorge um nachlassendes Wachstum der Weltwirtschaft belastet auch den Kupferpreis und die Aktienkurse von Bergwerkskonzernen wie Newmont Mining oder Freeport-McMoRan. Als Baisse gilt an der Wall Street ein Kursrückgang um mindestens 20 Prozent gegenüber dem Höchstkurs der vergangenen zwölf Monate.

          S&P 500

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          „Es gibt eine ganze Reihe von Fondsmanagern, die Aktien von Unternehmen vermeiden, die möglicherweise von den Zöllen betroffen sind, gleich ob sie weniger nach China exportieren oder weniger von dort kaufen“, sagte Mark Grant, Anlagestratege beim Wertpapierhaus B. Riley FBR Inc. China hatte auf Trumps Strafzölle mit Vergeltungsmaßnahmen für amerikanische Produkte reagiert.

          Selbst für Unternehmen, die Trumps Strafzölle zunächst als Segen für ihr Geschäft betrachteten, gab es ein böses Erwachen. Als Trump neue Zölle auf importierte Waschmaschinen ankündigte, hoffte Whirlpool-Vorstandschef Marc Blitzer auf eine Schwächung der Konkurrenz. „Das ist ohne Zweifel ein positiver Katalysator für Whirlpool“, sagte Blitzer im Januar. Aber Trump beließ es nicht bei Waschmaschinen.

          Einfuhrzölle belasten deutlich

          Die amerikanische Regierung verhängte Einfuhrzölle auf Stahl und Aluminium, was die Preise für diese Grundstoffe in die Höhe trieb. Stahl in den Vereinigten Staaten ist nun 60 Prozent teurer als im Rest der Welt, was nach Angaben von Blitzer die Produktionskosten für Whirlpool um 350 Millionen Dollar erhöhte. Whirlpool und Konkurrenten wie LG oder Samsung steuerten mit Preiserhöhungen dagegen. Die Konsequenz:

          Verbraucher schieben den Kauf einer neuen Waschmaschine auf. Der Umsatz des Unternehmens in den Vereinigten Staaten war im zweiten Quartal trotz robuster Konjunktur und solidem Häusermarkt um mehr als 2 Prozent zurückgegangen. Der Aktienkurs von Whirlpool ist gegenüber dem Hoch vom Januar um fast 40 Prozent gesunken.

          Die Aktienkurse der Autokonzerne General Motors und Ford notierten um jeweils rund 30 Prozent unter den Höchstkursen des vergangenen Jahres. Jim Hackett, Vorstandschef von Ford, bezifferte die dem Unternehmen wegen der Strafzölle auf Stahl entgangenen Gewinne auf 1 Milliarde Dollar. Ford wollte ein in China produziertes Focus-Modell in die Vereinigten Staaten importieren, hat diese Pläne jetzt aber wieder gestrichen. Importzölle würden den Preis des Fahrzeugs um bis zu 25 Prozent verteuern. „Angesichts der negativen finanziellen Auswirkungen der neuen Zölle haben wir uns entschieden, das Fahrzeug nicht aus China zu importieren“, sagte der für Nordamerika zuständige Ford-Manager Kumar Galhotra.

          Technologietitel bislang nicht betroffen

          Harley-Davidson war von Trump direkt attackiert worden, weil der Motorradhersteller wegen des Handelskonflikts Teile seiner Produktion ins Ausland verlagert, um Strafzölle der EU zu vermeiden. Die EU hatte mit Zöllen auf typisch amerikanische Produkte auf Trumps Handelspolitik reagiert. Im August befürwortete Trump, dessen Kernwählerschaft sich zum Teil mit Harley-Käufern deckt, einen Boykott des Unternehmens. Der Aktienkurs von Harley-Davidson liegt im Vergleich zum jüngsten Höchstkurs um 20 Prozent im Minus.

          Nicht von dem Konflikt betroffen scheinen bislang die führenden Technologietitel. Einige Analysten halten es aber für einen Fehler, die bestehenden Risiken zu ignorieren. „Apple hängt so stark vom Handel ab wie kein anderes Unternehmen“, sagte Michael O’Rourke, Marktstratege des Wertpapierhauses Jones Trading dem „Wall Street Journal“.

          So könnten mögliche Strafzölle die wichtige Produktion des iPhone-Herstellers in China treffen. Und steigende Produktpreise könnten den Umsatz des Online-Händlers Amazon belasten. Aber zunächst folgen die Investoren dem positiven Markttrend der großen Tech-Aktien. „Solange die Leute keine klaren Negativfaktoren sehen, werden sie den Markttrend aussitzen, solange es geht“, glaubt O’Rourke. Und das sei ein Zeichen für ein „großes Problem“.

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