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Aktienmarkt Großbritannien : Schlimme Kursverluste für Banken

Dunkle Wolken über dem Finanzdistrikt in London: Der britische Aktienmarkt ist, bedingt durch die Corona-Turbulenzen, schwer gebeutelt. Bild: AFP

Die Corona-Rezession schlägt im Königreich tief ein. Der britische Aktienmarktindex liegt mehr als ein Fünftel unter seinem Jahresanfangsstand – Hoffnungswerte gibt es dennoch.

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          Unter den großen Aktienmärkten der Welt schneidet die britische Börse derzeit schwach ab. Sie hat sich vom brutalen Corona-Einbruch im März nur etwa zur Hälfte erholt. Viel stärker war die Erholung des deutschen Aktienmarktes. Der Dax erreichte zwischenzeitlich wieder das Niveau vom Jahresanfang, aktuell liegt er gut 6 Prozent darunter. Der amerikanische S&P-Index liegt sogar knapp über seinem Wert zum Jahresbeginn.

          Philip Plickert

          Wirtschaftskorrespondent mit Sitz in London.

          Dagegen dominieren im britischen FTSE dicke Minus-Zahlen. Aktuell liegt der FTSE100, der die hundert größten Unternehmen an der Londoner Börse abbildet, mit etwas über 6000 Punkten noch 20 Prozent tiefer als zum Jahresbeginn. Von den großen europäischen Börsen sieht nur die spanische Aktienmarkt noch schlechter aus, der Madrider Ibex35 liegt 29 Prozent im Minus seit Jahresbeginn. Die französische und die italienische Börse haben sich mit noch 20 Prozent Minus (CAC40) und 19 Prozent Minus (MIB) geringfügig besser als London vom März-Einbruch erholt, die niederländische Börse deutlich besser (AEX noch 10 Prozent im Minus).

          Britische Aktien besonders schlechte Wahl

          Berücksichtigt man dazu noch die Pfund-Abwertung, so waren britische Aktien für internationale Anleger in diese Jahr eine besonders schlechte Wahl. „Dass der FTSE so ein klarer Unter-Performer ist liegt an den in Britannien noch etwas stärker ausgeprägten Sorgen um die Wirtschaftsentwicklung“, sagt Peter Dixon, Ökonom von der Commerzbank in London. Die brutale Corona-Rezession, verursacht durch das Virus und den Lockdown, schlägt im Königreich noch tiefer ein als in den meisten entwickelten Volkswirtschaften. Im zweiten Quartal könnte die Wirtschaftsleitung, die von Dienstleistungsbranchen dominiert wird, um 20 Prozent zum Vorquartal eingebrochen sein, schätzt Dixon.

          „Nicht nur Corona, auch der Brexit-Faktor lastet auf dem Markt“, fügt er hinzu. Dixon glaubt zwar nicht, dass Großbritannien Ende des Jahres aus dem EU-Binnenmarkt ausscheidet ohne ein Handelsabkommen, doch das Risiko eines besonders harten Brexits wird von vielen gefürchtet. Einige Analysten glauben indes, dass der FTSE sich in diesem Jahr langsam weiter erholen wird. Goldman Sachs beispielsweise gibt als Prognose in drei Monaten einen Stand von 6200 Punkten, also etwa 5 Prozent Plus, und in sechs Monaten 6300 Punkte an.

          FTSE100

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          Die schlimmsten Kursverluste an der Londoner Börse erlitten in diesem Jahr die Aktien der Banken. Im Durchschnitt verloren sie mehr als 45 Prozent an Wert, der Banken-Sektor ist damit das Branchen-Schlusslicht im FTSE100, zeigt eine Goldman-Übersicht, nur noch übertroffen von den Verlusten der wenigen börsennotierten Autozulieferer. Am Montag fiel der Kurs von HSBC nach schlechten Quartalszahlen um 4 Prozent. Der Gewinn der britisch-asiatischen Großbank ist im zweiten Quartal um 96 Prozent gefallen, was vor allem an milliardenschwerer Risikovorsorge für faule Kredite liegt. Auch Barclays und Lloyds haben Milliarden zurückgestellt und vergangenen Woche mit ihren Quartalszahlen die Anleger negativ überrascht, obwohl Barclays immerhin noch leicht positiven Gewinn vermelden konnte.

          Die zweitschlechteste Branche im FTSE100 sind die Öl- und Gaskonzerne mit den Schwergewichten BP (minus 42 Prozent) und Royal Dutch Shell (minus 50 Prozent seit dem Jahreswechsel). Sie haben zweistellige Milliardenbeträge auf den Bilanzwert ihrer Öl- und Gasfelder und Raffinerieanlagen abgeschrieben, weil sie nun dauerhaft niedrigere Preisen für fossile Energierohstoffe erwarten. Die dritte Branche mit durchschnittlich mehr als 40 Prozent Kursverlust an der Londoner Börse seit Jahresanfang sind die Unternehmen der Reise-, Flug- und Freizeitindustrie.

          British-Airways-Mutterkonzern IAG hat 75 Prozent seines Börsenwerts seit Jahresbeginn verloren, weil nun erwartet wird, dass die Luftfahrt noch mehrere Jahre brauchen wird, bis sie sich vom Corona-Einbruch erholen kann. Die Aktie des Flugzeugturbinenherstellers Rolls-Royce ist um fast 70 Prozent gefallen. Etwas schlechter als der FTSE-Durchschnitt von minus 20 Prozent seit Jahresbeginn liegen zudem Medien-, Telekommunikations-, Immobilien- und Versicherungswerte.

          Besser als der Markt-Durchschnitt haben sich die Konsumwerte, die Versorger und besonders Pharmawerte entwickelt. Auch in einer Pandemie müssen die Menschen essen und trinken, heizen oder Medikamente kaufen. Als einzige Branche mit einem Kurs-Plus seit Jahresbeginn sticht die Gesundheitsbranche heraus. Die Aktie des Pharmakonzerns AstraZeneca, der mit seinen Krebsmedikamenten weltweit sehr erfolgreich ist, ist an der Londoner Börse um 12 Prozent gestiegen. Bis vor kurzem war das in Cambridge ansässige Unternehmen, das auch bei der Entwicklung und Produktion eines Corona-Impfstoffs weit vorne mitspielt, mit 114 Milliarden Pfund Marktkapitalisierung sogar das wertvollste Unternehmen Großbritanniens.

          Diesen Rang hat ihm vor einer Woche der Konsumgüterkonzern Unilever mit 121 Milliarden Pfund Marktkapitalisierung abgelaufen, der sich im Juni entschieden hat, seinen Hauptsitz von Rotterdam nach London zu verlegen – vor allem aus steuerlichen Gründen. Die Unilever-Aktie hat seit Jahresbeginn in Pfund gerechnet um 6 Prozent zugelegt.

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