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New Yorker Aktienmarkt : Die Rezessionsangst an der Wall Street wächst

  • -Aktualisiert am

Börsenhändler an der Wall Street in New York City Bild: AFP

Der aktuelle Zinstrend gilt in der Regel als Vorbote eines Wirtschaftsabschwungs. Aber nicht alle Wall-Street-Strategen sind pessimistisch.

          Die Aktienhändler an der Wall Street sorgen sich wegen einer ungewöhnlichen Entwicklung der amerikanischen Zinsen. Die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen liegt seit Freitag unter den Renditen für dreimonatige Papiere. Das ist auffällig, weil die kurzfristigen Zinsen normalerweise unter den Zinsen für langfristige Anleihen liegen. Am Dienstag im frühen Handel rentierten zehnjährige Anleihen mit 2,425 Prozent. Die Rendite der dreimonatigen Papiere betrug 2,468 Prozent.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Fachleute bezeichnen den Abstand zwischen Renditen von Anleihen verschiedener Laufzeiten als Zinsstrukturkurve. Eine Konstellation, in der die kurzfristigen Renditen über den langfristigen liegen, ist als „inverse“ Zinskurve bekannt. Als es am Freitag erstmals seit 2007 zu einer Inversion der Zinsstrukturkurve kam, sackten die Aktienkurse deutlich ab. Der Grund: Eine inverse Kurve ist ein klassisches Angstbarometer, weil sie in der Vergangenheit ein verlässlicher Indikator für einen Wirtschaftsabschwung war. Im Jahr 2008 war es infolge eines Preisverfalls der amerikanischen Häuserpreise in der Tat zu einer schweren Rezession gekommen.

          Laut einer vielbeachteten Studie der Notenbank von San Francisco war in den vergangenen 60 Jahren jeder Rezession in den Vereinigten Staaten eine inverse Zinsstrukturkurve vorausgegangen. „Die Inversionen der Kurve haben seit 1955 alle neun wirtschaftlichen Abschwungsphasen signalisiert und nur in einem Fall gab es eine falsch positive Prognose“, hieß es dem Bericht der Notenbank vom März vergangenen Jahres.

          Mindestens sechs Monate Vorlauf

          Nur Mitte der sechziger Jahre sei es nach einer Inversion der Zinskurve zu einer wirtschaftlichen Abkühlung gekommen, aber nicht zu einer Rezession. Aber die Autoren der Studie machten eine wichtige Einschränkung. Die Zinskurve konnte bislang nicht den genauen Zeitpunkt eines Abschwungs voraussagen. Es dauerte in der Vergangenheit von sechs Monaten bis zu zwei Jahren, bis nach einer Inversion der Abschwung einsetzte.

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          Entsprechend gibt es an der Wall Street einige Auguren die Anleger jetzt zur Ruhe mahnten. „Die Rezessionsrisiken sind auch inmitten eines Umfelds niedriger Renditen einigermaßen gering“, hieß es in einem Marktkommentar der Investmentbank Goldman Sachs. Zwar räumen die Autoren ein, dass die Aussichten für das Wirtschaftswachstum schwächer geworden sind und das Gewinnwachstum der Unternehmen belasten. „Aktien und Risikoanlagen im Allgemeinen können sich aber auch mit einer flachen Zinskurve positiv entwickeln“, schrieben die Goldman-Strategen.

          Richard Franulovich, der bei der australischen Bank Westpac die Anlagestrategie an den Devisenmärkten verantwortet, hält die Sicht auf die Zinsstrukturkurve für zu beengt. Eine einfache Modellrechnung komme auf eine „relativ hohe Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent für eine Rezession in den Vereinigten Staaten“, sagte Franulovich der Nachrichtenagentur Bloomberg. Ein breiter gefasstes Modell, das auch die Aktienkursentwicklung und den Trend des ISM-Einkaufsmanagerindex berücksichtige, komme auf ein nur unbedeutendes Rezessionsrisiko. „Das Momentum der Aktienkurse ist viel stärker als üblicherweise vor Rezessionen“, sagte Franulovich.

          Noch liegt der S&P 500 deutlich im Plus

          Am Dienstag erholten sich die amerikanischen Aktienkurse im frühen Handel. Insgesamt liegt der breit gefasste Aktienindex S&P 500 in diesem Jahr mit knapp 13 Prozent deutlich im Plus. Der Notenbankvorsitzende Jerome Powell hatte in der vergangenen Woche angekündigt, die Notenbank erwarte auf Basis der aktuellen Konjunkturdaten für dieses Jahr keine Leitzinserhöhung mehr. Anleger unterstellen sogar eine Leitzinssenkung bis Ende 2020. Die Sorgen um einen  Wirtschaftsabschwung in den Vereinigten Staaten resultieren aus den allgemeinen globale Konjunkturschwächen, dem rückläufigen Wachstum in China und den Unwägbarkeiten um den Austritt Großbritanniens aus der EU.

          Die Renditen kurzlaufender Staatspapiere hängen typischerweise vom erwarteten Trend der Leitzinsen ab. Die amerikanische Notenbank hatte die Leitzinsen nach einer langen Nullzinsphase in Folge der Finanzkrise vor zehn Jahren in den vergangenen Jahren wieder angehoben und noch Ende des vergangenen Jahres weitere Zinsschritte signalisiert. Die zehnjährigen Renditen waren im vergangenen Jahr zeitweilig auf über 3 Prozent geklettert, den höchsten Stand seit fast sieben Jahren.

          Anleger hatten damals noch auf kräftiges Wirtschaftswachstum gewettet. Ein Renditeaufschlag für langlaufende Papiere kompensiert Anleger für das Risiko, dass starkes Wirtschaftswachstum zu steigender Inflation führt, was die Kaufkraft der Zinszahlungen von Anleihen aufzehrt. Schon Mitte des vergangenen Jahres aber war es dann an der Wall Street zu Rezessionssorgen gekommen. Anleger hatten da bereits eine Abschwächung des globalen Wirtschaftswachstums aufgrund des eskalierenden Handelskonfliktes zwischen den Vereinigten Staaten und Handelspartnern wie China, der EU oder Kanada gefürchtet.

          Das könnte nach Ansicht von Händlern die von den Steuersenkungen in den Vereinigten Staaten ausgehenden positiven Impulse dämpfen. Amerikanische Staatsanleihen sind zudem immer als sicherer Hafen gefragt, wenn es zu globalen Auseinandersetzungen kommt. Wenn die Kurse von Anleihen steigen, fallen die Renditen. Stehen die Papiere dagegen unter Verkaufsdruck, steigen die Renditen.

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