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Aktienmärkte im Minus : Die Bären sind los

  • -Aktualisiert am

Der Bär steht für fallende Kurse Bild: dpa

Wie tief fallen die Aktienkurse noch? Ein Ende ist bislang jedenfalls nicht in Sicht – was Börsenprofis gerade auch dem amerikanischen Präsidenten zuschreiben.

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          In Notzeiten blicken Menschen gern auf ihre gewählten oder nicht gewählten Anführer und erhoffen sich von ihnen Hilfe und eine Lösung des Problems. Nicht jeder Anführer ist dieser Aufgabe gewachsen – oder überschätzt gelegentlich die Gewichtigkeit seiner Worte und erreicht dann bisweilen das Gegenteil von dem, was er glaubte zu bewegen, besonders an den Finanzmärkten.

          Am späten Dienstag hatten die Märkte noch Hoffnung, dass Amerikas Präsident Donald Trump mittels massiver Wirtschaftshilfe die befürchteten ökonomischen Folgen der Coronavirus-Pandemie eindämmen würde. Das hatte die Aktienkurse an Wall Street um rund 5 Prozent steigen lassen. Am Mittwoch zerstoben diese Hoffnungen jedoch und ließen eine Menge Scherben zurück. Die Kurse an der Wall Street fielen um 6 Prozent und heute Morgen eröffnete der Dax mit einem Minus von knapp 6 Prozent und fiel sogar unter die Marke von 10.000 Punkten.

          Während die Weltgesundheitsorganisation die Ausbreitung des Coronavirus zur Pandemie heraufstufte, kündigte Trump dann am Mittwochabend an, die amerikanischen Grenzen für Europäer aus dem Schengenraum vorübergehend zu schließen. Wie viel das gegen das Virus hilft, ist unklar. Dass damit die Sorgen der Wirtschaftsakteure noch größer werden, zeigte sich indes unmittelbar. Statt mit seiner nächtlichen Ansprache zu beruhigen, habe der Präsident die tobenden Flammen angefacht, urteilte Neil Wilson, leitender Analyst von Markets.com und erklärte: Noch vor zwölf Tagen habe Trump die Virus-Krise als Schwindel der Demokraten bezeichnet, nun jedoch Reisen aus Europa untersagt. Trump sei gelungen, ohnehin verängstigte Anleger weiter einzuschüchtern, kommentierte Jasper Lawler vom Währungshändler London Capital Group.

          F.A.Z.-Index

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          Dass es auch anders geht, zeigte die (begrenzte) Reaktion der Bank of England vom Mittwoch. Vor allem die Pläne der Notenbanker, kleinen Unternehmen zu helfen, wurden positiv aufgenommen, äußerte Marvin Loh von der Fondsgesellschaft State Street. Deutlicher wird noch Ipek Ozkardeskaya, leitende Analystin der Swissquote Bank: „Billiges Geld ist entschieden nicht die Antwort auf die spezifischen Probleme, denen wir uns gegenüber sehen. Massive Zinssenkungen haben den gleichen Effekt, als ob man mit einem Schwert Wasser schneiden wollte.“

          Jedenfalls fiel der breit gefasste S&P-500-Index schon am Mittwoch um knapp 5 Prozent auf 2741 Punkte. Und da die Terminkontrakte aktuell einen weiteren Kursverlust von 4 Prozent ankündigen, müssen sich die Händler an der Wall Street endgültig damit auseinandersetzen mit dem schnellsten Absturz in einen Bärenmarkt, den sie je erlebt hatten.

          In Deutschland wiederum verzeichnet der Dax allein in dieser Woche bislang ein Minus von mehr als 9 Prozent – seit seinem jüngsten Hoch, das gerade drei Wochen alt ist, hat er knapp 25 Prozent verloren. Seit diesem Donnerstagvormittag notiert der Dax zudem nun erstmals seit dem Jahr 2016 wieder unterhalb von  10.000 Punkten.

          Die rasche Geschwindigkeit, mit der dieser Bärenmarkt eingetreten ist, macht ihn außergewöhnlich. Aber auch der Bullenmarkt zuvor war ungewöhnlich lang und wurde nur von Wenigen so vorhergesagt. In den Vormonaten gab es einige weiche Indikatoren, die mehr als Zweckoptimismus suggerierten: Zum Beispiel das Schlagwort „Fomo“ – Fear of missing out –, also die Angst, Kursgewinne zu verpassen. Das zeigte letztlich einen tief sitzenden Glauben daran, dass steigende Kurse der aktuelle Normalfall seien.

          An der Wall Street versuchen führende Banker nun, Anleger wie Nicht-Anleger zu beruhigen. Es handele sich nicht um eine Finanzkrise, sagte etwa der Citigroup-Vorstandsvorsitzende Michael Corbat dem Finanzdienst Bloomberg. Die Banken und das Finanzsystem insgesamt seien in guter Verfassung und könnten helfen.

          Das gilt aber natürlich nur so lange, wie nicht mögliche Kreditausfälle die Banken in Nöte bringen. Die Fachleute der Rating-Agentur Moody’s änderten gerade ihre Prognose für die Ausfallraten von Unternehmenskrediten auf globaler Basis von 3,4 auf 3,6 Prozent zum Jahresende. Grund sei das nun zu erwartende niedrigere Wirtschaftswachstum, niedrigere Rohstoffpreise und volatilere Finanzmärkte.

          Wie weit kann es abwärts gehen? Die bisherigen Bärenmärkte seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges ließen den S&P-500-Index um 20 bis 57 Prozent fallen. Dabei lässt sich bei Dauer, Intensität und Ausmaß kein simples Muster erkennen. Dass die kürzesten Bärenmärkte meist die raschesten Kursverluste mit sich brachten, können Optimisten vielleicht herausziehen. Vielleicht. Aber eines ist sicher: In dieser Geschwindigkeit kann es nicht lange weitergehen. denn dann betrügen die Kursverluste nach einem Jahr 99,86 Prozent. Und das ist doch sehr unwahrscheinlich.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

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