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Reform an der Börse : Alle Macht dem Dax

Der Kurs soll steigen: Kurve an der Deutschen Börse in Frankfurt. Bild: AFP

Die Deutsche Börse wagt den großen Wurf: Nach 33 Jahren soll der Dax von 30 auf 40 Mitglieder vergrößert werden. Was steckt dahinter – und wie kann ein Fall wie Wirecard künftig verhindert werden? Eine Analyse.

          3 Min.

          Das Rennen ist eröffnet. Im September 2021 sind zehn weitere Dax-Plätze zu vergeben. Nach aktuellem Stand würden neu aufgenommen (in Reihenfolge der Wahrscheinlichkeit): Airbus, Symrise, Zalando, Sartorius, Qiagen, LEG Immobilien, Brenntag, Siemens Healthineers, Hannnover Rück und Hello Fresh. Die Liste zeigt: An der Deutschen Börse liegen keine Schwergewichte tief vergraben, die jetzt für die Anleger gehoben werden. Es sind oft ordentliche Mittelständler mit ein paar Tausend Mitarbeitern. Mehr gibt der deutsche Aktienmarkt einfach nicht her.

          Daniel Mohr

          Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Dax wird künftig 94 Prozent der Börsenwerte in Deutschland verkörpern. Eine solche Ballung im Index ist einzigartig. In Japan machen die 225 (!) Werte des Nikkei 60 Prozent des Gesamtmarktes aus. In Amerika die 500 Werte im S&P 500 etwa 88 Prozent und in Frankreich deckt der Cac 40 mit seinen seit eh und je 40 Werten nur 75 Prozent des Marktes ab. In Deutschland nun also fast eine Vollabdeckung. Alle Macht dem Dax, ist das Motto der Börse.

          Keine große Mehrheit für Erweiterung

          Ihn als Blue-Chip-Index zu bezeichnen, ist im internationalen Vergleich vermessen. Er geht bis weit in die mittelgroßen Börsenwerte. Der M-Dax, der bisher eigentlich dafür vorgesehen war, wird um ein Drittel seines Börsenwertes beraubt und von 60 auf 50 reduziert.

          DAX ®

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          Warum das Ganze? Es ist die Hoffnung, die deutsche Wirtschaft breiter abzudecken, neue, digitale Geschäftsmodelle früher oder überhaupt in den Dax zu bekommen. Es stößt allerdings wegen der geringen Verbreitung börsennotierter Unternehmen in Deutschland schnell an seine Grenzen. Die Erweiterung war daher höchst umstritten. Von den 10 Punkten, die von der Deutschen Börse als Reform vorgeschlagen wurden, war es der mit der knappsten Annahmequote. Von den 32 Finanzinstituten, die sich geäußert haben, stimmten 19 dafür und 13 dagegen. Von 42 Unternehmen 26 dafür und 16 dagegen, von den Unternehmensverbänden 3 von 6 dafür. Die Deutsche-Börse-Indexgesellschaft Quontigo wertet dies als „große Mehrheit der Verbände für Unternehmen und Finanzinstitutionen“.

          Klarer sind die Mehrheiten für acht weitere Punkte. Sie verbessern den Dax ganz überwiegend. Viele zielen darauf ab, einen Fall Wirecard künftig zu verhindern. Wer künftig seinen Quartals- oder Jahresbericht nicht pünktlich vorlegt, bekommt eine Frist von 30 Tagen, dies nachzureichen und wird ansonsten auf dem Weg des „Fast Exit“ aus dem Index genommen.

          Weniger Macht der Spekulation

          Das ist sehr sinnvoll und offenbar nötig. Anleger müssen die Gewissheit haben, dass ihre Unternehmen nicht einfach auf Berichterstattung verzichten können und anschließende Verfahren wie bisher Jahre dauern und nur mit Abmahnungen und Androhungen operiert wird.

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          Eine weitere wichtige Änderung betrifft die Handelbarkeit der Aktien. Hier gibt es künftig eine Mindestanforderung. Der Handelsumsatz wird künftig nur noch bei der Auswahl für den Index, aber sonst keine Rolle mehr spielen. Bisher war die Rangliste dem Börsenwert gleichbedeutend. Das hat Aktien, in denen rege spekuliert wurde, große Vorteile gegenüber soliden, unaufgeregten Unternehmen verschafft. Gut, dass das geändert wird. Übrigens auch im M-Dax, S-Dax und Tec-Dax. International üblich ist die neue Regelung schon lange.

          Kritisch zu sehen ist hingegen die Einführung einer Gewinnverpflichtung für Unternehmen, die in den Dax wollen. Zwei Jahresberichte hintereinander müssen sie einen operativen Gewinn vorweisen, gemessen am Ebitda, einer Kenngröße mit Interpretationsspielraum. Das trägt der landläufigen Empörung Rechnung, die sich bei der Aufnahme des Berliner Essenslieferanten Delivery Hero im August offenbarte. Mit dem Gedanken der Börse hat dies nichts zu tun. Innovative, schnell wachsende Geschäftsmodelle sind nicht immer von Anbeginn profitabel. Wenn aber der Markt ihnen das für die Zukunft zutraut und das Unternehmen entsprechend bewertet, dann spricht doch nichts gegen eine Dax-Aufnahme.

          Die Regel gilt übrigens auch nur für den Dax und nicht für den M-Dax, S-Dax und Tec-Dax. Und sie gilt auch nur bei der Aufnahme. Rutscht danach eine Bank oder ein Autohersteller ins Minus, muss er nicht deswegen um den Dax-Verbleib fürchten. Der Fall Tesla zeigt, wie bizarr das werden kann. Der wertvollste Autohersteller der Welt wird erst jetzt in den S&P-500 aufgenommen, weil er vorher noch nicht profitabel genug war. Schade für die Anleger in Indexfonds auf den S&P-500. Sie haben einen großen Teil der Wertgewinne verpasst.

          Hersteller „umstrittener“ Waffen dürfen indes weiter in die Auswahlindizes der Börse. Das ist der einzige Punkt, der in der Marktbefragung knapp durchgefallen ist, weil die Verbände dagegen waren. Eine Vermischung von Nachhaltigkeitskriterien mit klassischen Aktienindizes lehnen sie ab. Es war ohnehin nichts besonders konsequent, einen einzelnen, zudem mäßig gut definierbaren Punkt herauszugreifen.

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