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Schrumpfende Gewinne : Aktienhausse der Wall Street auf dem Prüfstand

  • -Aktualisiert am

Die Bank JP Morgan Chase gibt am Freitag ihre Bilanz für 2018 bekannt. Bild: Reuters

An den amerikanischen Aktienmärkten beginnt bald die Bilanzsaison für das erste Quartal. Pessimisten warnen vor Rückschlägen für die Aktienkurse.

          Die Hausse an der Wall Street wird in den nächsten Wochen einer ernsthaften Prüfung unterzogen. Die Bilanzsaison für das erste Quartal steht vor der Tür, und die Aussichten sind düster. Dutzende Unternehmen haben in den vergangenen Wochen ihre Gewinnprognosen reduziert, und Analysten rechnen für die im Index S&P 500 abgebildeten Unternehmen für das Auftaktquartal im Vergleich zum Vorjahr derzeit mit einem durchschnittlichen Gewinnrückgang von rund 4 Prozent. Das meldet der Informationsdienst Factset.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Am Anfang des Quartals hatten Analysten noch ein Wachstum von knapp 3 Prozent erwartet. Die negativen Erwartungen stehen in krassem Gegensatz zu der jüngsten Entwicklung der Aktienkurse. Der S&P 500 ist seit Anfang des Jahres um mehr als 15 Prozent gestiegen, beflügelt von der starken Erholung der Technologiewerte. Der technologielastige Composite-Index der elektronischen Börse Nasdaq liegt um fast 20 Prozent im Plus. Die Kurse einzelner Tech-Aktien mit starkem Gewicht an der Börse sind noch stärker gestiegen. Der Kurs des Elektronikkonzerns Apple, gemessen am Börsenwert das wertvollste amerikanische Unternehmen, hat seit Anfang Januar 25 Prozent zugelegt. Dabei sind die Gewinnprognosen für Technologieaktien besonders schwach.

          Nach Angaben von Factset kalkulieren Analysten für die Branche mit einem Gewinnrückgang um mehr als 10 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Nur Grundstoffhersteller und Energiewerte dürften noch schwächer abschneiden. Dabei sind die Prognosen für Apple besonders schwach, weil Analysten eine schleppende Nachfrage nach iPhones, dem wichtigsten Produkt des Konzerns, vor allem in China fürchten. „Unter einzelnen Unternehmen dürften Apple und Micron Technology am stärksten zum Gewinnrückgang in dem Segment beitragen“, schreibt Analyst John Butters von Factset mit Verweis auf die Erwartungen für Technologieaktien im S&P 500. Die Zahlen sehen im Vergleich zum Vorjahr auch schlecht aus, da Unternehmen im Jahr 2018 stark von niedrigeren Steuern und einem kräftigen Wirtschaftsaufschwung in den Vereinigten Staaten profitiert hatten.

          Den inoffiziellen Auftakt der Bilanzsaison machen am kommenden Freitag die Großbanken JP Morgan Chase und Wells Fargo. Finanzmarktbeobachter erhoffen sich davon wertvolle Hinweise auf allgemeine wirtschaftliche Trends. Börsianer achten stark auf die Gewinnentwicklung von Aktiengesellschaften, weil das langfristig die wichtigste Triebfeder für Aktienkurse ist. Schließlich verbriefen Aktien Anteile an börsennotierten Unternehmen, die zum Großteil auch Überschüsse in Form von Dividenden an ihre Anteilseigner ausschütten. An der Wall Street scheinen Anleger die schwachen Erwartungen für das Quartal entweder zu ignorieren oder eine signifikante Erholung für den Rest des Jahres zu unterstellen. Ein wichtiger Faktor für die zuletzt robuste Kursentwicklung ist die amerikanische Notenbank, die jüngst angekündigt hat, die Leitzinsen in diesem Jahr nicht mehr erhöhen zu wollen. Im Dezember hatte der Fed-Vorsitzende Jerome Powell noch zwei Leitzinshöhungen für 2019 avisiert.

          Niedrige Zinsen haben die Nachfrage nach risikoreicheren Papieren wie Aktien beflügelt. Im vierten Quartal 2018 war es zu starken Rückschlägen gekommen, weil Börsianer mit einer anhaltenden Erhöhung der Leitzinsen gerechnet hatten. Steigende Zinsen erhöhen die Finanzierungskosten für Unternehmen und machen sichere festverzinsliche Papiere im Vergleich zu Aktien zu einer attraktiveren Anlage. Dazu kam die latente Furcht vor einer weiteren Abkühlung des Wirtschaftswachstums insbesondere in China, einem der wichtigsten Absatzmärkte für amerikanische Unternehmen.

          Warnung vor „Gewinnrezession“

          Pessimistischere Marktstrategen glauben allerdings, dass die gelockerte Zinspolitik der Fed nicht ausreichen wird, um Aktien längerfristig zu stützen. „Anleger sind zu Recht von der Reaktion der Fed ermutigt, aber die lockere Zinspolitik wird den Druck auf die Gewinnmargen der Unternehmen nicht lindern“, meint Mike Wilson, der die Aktienstrategie der Investmentbank Morgan Stanley verantwortet. „Es gibt ein großes Risiko hinsichtlich der Gewinnmargen und der Qualität der Gewinne, die wir in diesem Monat sehen werden, und das ist definitiv nicht im Markt eingepreist.“

          Hohe Gewinnqualität bedeutet im Jargon der Wall Street, dass das Ergebnis vor allem auf steigenden Umsätzen und niedrigeren Kosten basiert und weniger auf kreativer Bilanzierung. Wilson warnt angesichts der rückläufigen Gewinnprognosen seit geraumer Zeit vor einem Rückgang der Unternehmensgewinne in mindestens zwei Quartalen in Folge – eine sogenannte „Gewinnrezession“. Er glaubt nicht an weiteres Kurspotential für den S&P 500 bis zum Jahresende. Sollten Unternehmen ihre Gewinnprognosen verfehlen und ihre Investitionen zurücknehmen, könnte dies das wirtschaftliche Wachstum schwächen und für Verkaufsdruck auf Aktien sorgen, warnt Wilson.

          Aber es gibt nach wie vor Optimisten, die trotz des schwachen Quartals mit einer Erholung der Gewinne rechnen – und mit entsprechend steigenden Aktienkursen an der Wall Street. „Im zweiten, dritten und vierten Quartal wird es eine Wende geben. Das ist eine Grundlage für höhere Aktienkurse“, sagt Ed Keon, Chefanlagestratege beim Wertpapierhaus QMA. Voraussetzung sei allerdings, dass es zu einer Einigung bei den Verhandlungen über ein Handelsabkommen zwischen China und den Vereinigten Staaten kommt.

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