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Anlagestrategien : Dividendenaktien, o weh!

Eine Mitarbeiterin von Fresenius: Der Konzern ist einer der zuverlässigsten Dividendenzahler. Bild: AP

Aktien mit hohen Dividenden gelten als Tipp für unruhige Börsenzeiten. Sie halten ihr Versprechen aber nicht.

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          Es gibt in der Geldanlage ein Versprechen, bei dem fast jeder schwach wird: Gute Gewinne in guten Börsenzeiten, wenig Verluste in schlechten Börsenzeiten – das klingt nach der perfekten Kombination. Folgt man den Marketingslogans der Finanzbranche, sind es vor allem dividendenstarke Aktien, also Aktien mit hohen jährlichen Ausschüttungen, die diesem Anspruch gerecht werden.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In Zeiten niedriger Zinsen gehen viele Fondsgesellschaften sogar so weit, mit einigem Werbeaufwand den Spruch „Die Dividende ist der neue Zins“ zu propagieren. Damit will man gleich zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Zum einen soll den traditionell risikoscheuen Deutschen suggeriert werden, dass Aktien gar nicht so gefährlich sein müssen, wie viele denken.

          Und zum anderen soll die Gleichsetzung von Zinsen und Ausschüttungen das Interesse der Deutschen an Dividendenfonds wecken, die viele Fondsgesellschaften in großem Stil auflegen. Aus der Perspektive der Anbieter betrachtet, war die Kampagne ein Erfolg: In Dividendenaktien und Dividendenfonds sind in den vergangenen Jahren viele Milliarden geflossen.

          Eine überraschende Auswertung

          Ein Dividendenfonds der DWS, der DWS Top Dividende, ist gar einer der größten Fonds Europas. Aus Sicht der Anleger aber kann von einem Erfolg keine Rede sein: Dividendenaktien schwächeln seit einiger Zeit. Sind all die Lobeshymnen also nicht mehr als Marketinggeschwätz?

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          Zunächst ist festzuhalten: Auch Dividendenaktien sind, wie der Name schon sagt, Aktien. Dass sie mal bessere und mal schlechtere Börsenzeiten erleben, ist normal, Verluste lassen sich nie völlig ausschließen. Auch ihre Wertentwicklung scheint auf den ersten Blick trotz der jüngsten Schwächephase noch recht ordentlich.

          Auf den zweiten Blick aber ergibt sich ein anderes Bild: Dividendenaktien haben sich laut einer Auswertung des Analysehauses Morningstar für die F.A.S. selbst über längere Zeiträume hinweg deutlich schlechter entwickelt als Aktien im Allgemeinen. Wer vor fünf Jahren in einen Aktienindex wie den MSCI World investiert hat, zu dem rund 1600 Aktien aus den wichtigsten Industriestaaten gehören, hat im Jahresdurchschnitt ein Plus von fast 12 Prozent erzielt. Mit Dividendenaktien waren es gut drei Prozentpunkte weniger.

          Dies gilt sowohl für den durchschnittlichen Ertrag weltweit investierender Dividendenfonds als auch für den weltweiten Dividendenindex MSCI World High Dividend. Ähnlich sieht es bei europäischen Dividendenaktien aus, auch wenn sie im Vergleich zu einem allgemeinen europäischen Aktienindex wie dem MSCI Europe nicht ganz so weit zurückliegen.

          Überflieger zahlen keine Dividenden

          Anders als suggeriert, haben Dividendenaktien die Anleger in schlechten Börsenzeiten darüber hinaus gerade nicht vor stärkeren Rückschlägen bewahren können. Das lässt sich anhand des sogenannte Maximum Drawdown erkennen. Dahinter verbirgt sich der höchstmögliche Verlust, den Anleger innerhalb eines bestimmten Zeitraums mit einer Aktie oder einem Fonds erleiden konnten. Egal ob man nun fünf Jahre oder gar zehn Jahre in den Blick nimmt: Ein allgemeiner Aktienindex wie der MSCI World schneidet in beiden Zeiträumen besser ab als vergleichbare Dividendenindizes und Dividendenfonds.

          Woran liegt das alles nun? Thomas Romig vom Münchner Vermögensverwalter Assenagon hält nichts davon, die Dividende zum zentralen Auswahlkriterium für die Aktienanlage zu machen: „Es sagt wenig über ein Unternehmen aus, wie hoch die Dividende ausfällt. Viel wichtiger ist doch, wie zukunftsfähig ein Unternehmen ist.“ In der Tat stimmt es, dass ausgerechnet jene Firmen, die seit Jahren zu den Überfliegern an der Börse gehören, überhaupt keine Dividenden zahlen:

          Amerikas Technologiekonzerne Amazon, Google, Facebook und Netflix schütten keinen Cent aus, in Dividendenfonds bleiben sie außen vor. Dividendenanlegern entgingen darum in den vergangenen Jahren gewaltige Kursgewinne.

          Hierin zeigt sich ein grundsätzliches Problem des Dividendenansatzes: Wer nur auf die Dividende schaut, schränkt seine Anlagemöglichkeiten unnötig ein – man nimmt sich die Chance, sein Geld weiter zu streuen. Zudem ist kritisch zu sehen, dass insbesondere populäre Dividendenbarometer wie das Dax-Pendant Div-Dax Aktien anhand der Höhe der sogenannten Dividendenrendite auswählen.

          Der Begriff steht für das Verhältnis der jüngst gezahlten Dividende eines Unternehmens zu dessen Aktienkurs. Das Blöde daran ist: Die Dividendenrendite kann auch dann hoch sein, wenn der Aktienkurs einer Firma fällt, die Ausschüttung aber auf konstantem Niveau bleibt.

          Das alles heißt nun nicht, dass sich Dividendenaktien niemals lohnen. Dafür gibt es viele Gegenbeispiele wie die Aktie des Versicherungskonzerns Allianz. Doch so schade es auch ist: Die Lösung für alle Börsenlagen sind Dividendenaktien eben doch nicht.

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