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Aktienindex Stoxx 600 : Das Vereinigte Königreich verliert an Bedeutung

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Ein Passant mit UK-Regenschirm vor der Londoner Börse (Symbolbild) Bild: Reuters

Einst waren britische Aktien das Non-Plus-Ultra in Europa. Nicht erst seit der Brexit-Entscheidung sind sie ins Hintertreffen geraten - und es gibt keinen Anlass für eine Trendwende. Die technische Analyse.

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          In den vergangenen 20 Jahren kam es in Europa mit Blick auf die Bedeutung der Aktienmärkte der einzelnen Länder zu einer ausgeprägten Verschiebung. Daraus ist der britische Aktienmarkt als Verlierer und der des europäischen Kontinents, einschließlich der Schweiz, als Gewinner hervorgegangen. Dies zeigt sich etwa im Stoxx 600, der die 600 größten europäischen Unternehmen beinhaltet, gewichtet nach der Marktkapitalisierung ihrer Aktien im Streubesitz. Für die Marktteilnehmer bieten sich mit Hilfe der „Relative Stärke/Relative Schwäche“-Analyse-Techniken gute Hinweise, wie die verschiedenen Länder über- oder untergewichtet werden können.

          Der Anteil britischer Aktien im Stoxx 600, der im Jahr 2002 noch etwas mehr als 40 Prozent betrug, fällt seit Jahren kontinuierlich und nähert sich nun der Marke von 20 Prozent. Dieser Rückgang hat sich im Zuge der Corona-Krise noch beschleunigt. Seit 20 Jahren gewinnen sowohl die Schweiz als auch Deutschland, die beide in der Corona-Krise den Charakter „sicherer Investment-Häfen“ erhalten haben, kontinuierlich und zuletzt sprunghaft an Bedeutung. Auffällig ist auch, dass die Kombination der deutschen und der französischen Aktien im Stoxx 600 genau im Umfeld des Brexit-Votums vom Juni 2016 in Großbritannien den Anteil der britischen Titel überflügelte.

          Bei Aktienindizes (Regionen) wie dem Stoxx 600 geben die Länderanteile eine Indikation, wie es um dieses Land, seine Wirtschafts- und Finanzpolitik sowie die Lage seiner Währung bestellt ist, und auch darüber, welche Erwartungen die Marktteilnehmer an die zukünftige Ertragskraft der dortigen Unternehmen hegen. Mit Hilfe der „Relativen Stärke/Relativen Schwäche“ dieser Länderanteile im Vergleich zu den Anteilen anderer Länder oder zum Vergleichsindex selbst (dem Stoxx 600) ergeben sich technische Hinweise auf eine mögliche Über- oder Untergewichtung. Da es sich im Regelfall um mittelfristige Prozesse handelt, sollten „relativ starke“ Länder übergewichtet und „relativ schwache“ Länder untergewichtet werden. Insgesamt zu berücksichtigen ist noch, dass es etwa durch Neuemissionen, Übernahmen und Fusionen sowie durch Sitzverlagerungen von Unternehmen auch zu Veränderungen der Länderanteile kommt.

          Index reagierte auf historische Baissen

          Nach der Reform des Stoxx-Index-Systems, also der Umsetzung der Umstellung auf eine Gewichtung nach Streubesitz im Jahr 2002, hatten britische Aktien bei einem Wechselkurs um 1,60 Euro für das britische Pfund einen Anteil von etwas mehr als 40 Prozent im Stoxx 600. Hier spiegelte sich unter anderem wider, dass der britische Aktienmarkt von der damaligen Börsenreform im Jahr 1987 (auch als „Big Bang“ bezeichnet) und den umfangreichen Neuemissionen in Großbritannien in den neunziger Jahren profitierte. Hinzu kamen aber auch Sitzverlagerungen etwa von Unternehmen aus Hongkong ins Vereinigte Königreich. Zusätzlich fand sich auch die starke Rolle des (britischen) Finanz- und Bankensektors zur Jahrtausendwende in dieser Gewichtung wieder.

          Zu nennen ist aber auch die Börsenbaisse vor dem März 2003 im Vorfeld des damaligen Golf-Krieges. Im Zuge dieser standen kontinentaleuropäische Aktien stärker unter Druck, und das sorgte für deren reduzierte Gewichtung im Stoxx 600. Aus technischer Sicht besteht die dann einsetzende Verschiebung der Ländergewichte aus vier Phasen, die jeweils wichtige ökonomische Entwicklungen repräsentieren.

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