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AEX-Index im Sinkflug : Am Damrak herrscht Ratlosigkeit

  • -Aktualisiert am

Die Börse in Amsterdam Bild: mauritius images

Der AEX-Index schwächelt seit Wochen – und die niederländischen Anleger zögern. Gleichzeitig sorgen Schwergewichte wie ING, Shell und Unilever für Schlagzeilen.

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          Von vorweihnachtlicher Stimmung kann am Amsterdamer Damrak derzeit kaum die Rede sein. Der aus den Kursen der 25 wichtigsten Unternehmen errechnete AEX-Index ist seit Wochen überwiegend im Sinkflug, das Ende Juli erreichte Jahreshoch von 577 Punkten ist in weite Ferne gerückt. Am vergangenen Donnerstag war der Index sogar erstmals seit Februar 2017 auf unter 500 Punkte gefallen. Am Montag fiel er im Handelsverlauf abermals unter diese Marke.

          Auch in Amsterdam wird unter dem Eindruck der Kursentwicklung wieder einmal über den richtigen Zeitpunkt für den Ein- oder Ausstieg an der Börse diskutiert. Einig sind sich die meisten Analysten darin, dass äußere Einflüsse – nicht zuletzt die handelspolitischen Spannungen zwischen den Vereinigten Staaten und China – stärker die Stimmung beeinflussen als europäische Unwägbarkeiten wie der Brexit oder das Tauziehen zwischen Brüssel und Rom um den italienischen Staatshaushalt. Zu den wenigen Unternehmen, die jetzt vielfach zum Kauf empfohlen werden, zählen der international führende Chipindustrieausrüster ASML und die Großbank ING Groep.

          Andererseits ist der in Amsterdam ansässige führende niederländische Finanzkonzern diese Tage ins Gerede gekommen. So enthüllte die Wirtschaftszeitung „Het Financieel Dagblad“ am Wochenende, der Konzern habe im März das Jahressalär des Vorstandsvorsitzenden Ralph Hamers um 50 Prozent auf 3 Millionen Euro erhöht, obwohl die Staatsanwaltschaft mehrfach vor einer drohenden empfindlichen Geldbuße wegen der Verwicklung der Bank in eine Geldwäscheaffäre gewarnt habe.

          Die Konzernspitze hatte im Frühjahr die damals öffentlich bekanntgewordene Gehaltserhöhung unter dem Eindruck vieler kritischer Stimmen zurückgenommen. In den Niederlanden wird besonders auf die Vergütung der Führungskräfte von Banken und Versicherern, die während der Finanzkrise vor einem Jahrzehnt von großzügiger staatlicher Unterstützung – allein 10 Milliarden Euro für ING – profitiert haben, mit Argusaugen geschaut.

          Trend zu „nachhaltigen“ Produkten

          So hatte Finanzminister Wopke Hoekstra im März scharf auf den Gehaltsaufschlag für Hamers reagiert. „ING ist keine Keksfabrik, sondern ein Finanzinstitut. Dies untergräbt das Vertrauen in die Banken insgesamt und von ING im Besonderen“, hatte Hoekstra damals erklärt. Im September hatte sich ING mit den Strafverfolgungsbehörden in der sich nicht nur um Geldwäsche-, sondern auch um Korruptionsvorwürfe drehenden Affäre auf eine Zahlung von 775 Millionen Euro geeinigt. Als Spätfolge gilt, dass Finanzvorstand Koos Timmermans seinen Platz für den schon seit zwei Jahrzehnten im Konzern beschäftigten Thailänder Tanate Phutrakul räumen muss.

          Im Gegensatz zu ING sorgte mit dem britisch-niederländischen Mineralöl- und Gaskonzern Royal Dutch Shell ein anderes AEX-Schwergewicht für positive Schlagzeilen. Viel Lob gab es für den Beschluss, die Höhe der Bonuszahlungen für Führungskräfte an Erfolge bei der Verringerung des Ausstoßes von Kohlendioxid zu knüpfen. Der Schritt erfolgte, nachdem sich Shell, nicht zuletzt unter Druck ökologisch orientierter Aktionärsvereinigungen wie „Follow This“ verpflichtet hatte, den Ausstoß des klimaschädlichen Gases im Konzern bis 2050 zu halbieren.

          Zu den Unterstützern dieser Entwicklung gehört der auf die Finanzierung der Altersversorgung öffentlicher Bediensteter ausgerichtete Pensionsfonds ABP. „Wir werden als verantwortungsbewusster und kritischer Anteilseigner von Shell mit dem Unternehmen im Gespräch bleiben und die weitere Entwicklung mit Interesse verfolgen“, sagte die ABP-Vorsitzende, die frühere langjährige christdemokratische Europaabgeordnete Corien Wortmann.

          AEX-Index

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          Eine Premiere ist die Entscheidung von Shell in der AEX-Landschaft nicht. Seit fast einem Jahrzehnt gibt es eine entsprechende, an Umweltschutzziele geknüpfte Praxis beim Chemiekonzern Akzo Nobel. Dem Beispiel folgten später der Spezialchemiekonzern DSM sowie der britisch-niederländische Konsumgüterkonzern Unilever. Sein jetzt nach gut einem Jahrzehnt aus dem Amt scheidender Vorstandsvorsitzender Paul Polman galt wegen der unter seiner Führung vorangetriebenen Betonung umweltschonender Produkte und der Achtung von Menschenrechten lange als Pionier einer neuen Generation von Managern. Zuletzt hatte sein Image – auch wegen seines Plädoyers für die Abschaffung der letztlich beibehaltenen niederländischen Besteuerung von Dividenden – einige Kratzer erhalten. Nachfolger Polmans wird zum Jahreswechsel der seit 1985 im Konzern tätige Schotte Alan Hope.

          Nicht nur professionelle, auch eigenständig handelnde Privatanleger setzen in den Niederlanden verstärkt auf „nachhaltige“ Produkte. Dies geht aus einer jetzt vorgelegten Untersuchung des Marktforschungsinstituts Kantar TNS hervor. Demnach nahm die Zahl der im Anlagegeschäft aktiven Haushalte von 1,1 auf 1,5 Millionen zu. Allerdings scheuen sie offenbar immer mehr spekulative Anlagen. „Einst haben sich viele ohne jegliche Erfahrung mit Anlagen für riskante Optionen entschieden. Davon ist jetzt keine Rede“, hieß es in einer Mitteilung von Kantar TNS.

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