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Möglicher Dax-Rauswurf : Der Abstieg der Commerzbank

Dunkle Wolken und stürmische Zeiten halten Einzug bei der Commerzbank – nicht nur in Frankfurt. Bild: Lukas Kreibig

Wenn nicht noch ein Wunder passiert, fliegt die Commerzbank jetzt aus dem Dax. Fünf Gründe für den Niedergang.

          6 Min.

          Niemand steigt gerne ab, das gilt für den Sport, noch mehr fürs richtige Leben. Dass Martin Zielke, der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank, bald oberste Führungskraft eines Absteigers sein könnte, wird ihn darum nicht freuen, auch wenn er stur behauptet: An der Bedeutung seiner Bank für die deutsche Wirtschaft werde das nichts ändern.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In einigen Tagen wird Zielke wissen, woran er ist. Dann steht die neue Zusammensetzung des bekanntesten deutschen Aktienbarometers Dax fest – und wenn nicht noch ein Wunder geschieht, wird die Commerzbank erstmals seit Gründung des Index im Jahr 1988 nicht mehr dabei sein. Abgehängt von einem wenig bekannten Zahlungsdienstleister namens Wirecard aus der Nähe von München, der an ihrer Stelle in den Dax aufsteigen könnte. Mag Vorstandschef Zielke nach außen auch noch so gelassen tun: Was sich da abzeichnet, ist eine Schmach.

          Der Verfall fiel nicht auf

          Selbst wenn die Rettung noch in letzter Sekunde gelingen sollte, kann dies nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Entwicklung des Aktienkurses der Bank seit Jahren einem Desaster gleicht. Besonders bitter ist die Rechnung, wenn man den Beginn dieses Jahrtausends als Vergleichspunkt wählt: Um sage und schreibe 96 Prozent ist der Kurs seitdem gefallen. An der Börse ist die Bank gerade einmal etwas mehr als zehn Milliarden Euro wert. Das klingt viel, ist aber herzlich wenig, wenn man sich etwa SAP anschaut, das wertvollste deutsche Unternehmen. Fast 130 Milliarden beträgt die Marktkapitalisierung des Softwarekonzerns. Die Commerzbank hat ihre Eigentümer so arm gemacht wie Kirchenmäuse.

          Lange Zeit hat die Misere der Deutschen Bank alle Aufmerksamkeit auf sich gezogen, dies kann der Commerzbank nur recht gewesen sein, ihr eigener Verfall fiel so weniger auf. Genau wie bei der Deutschen Bank beteuert der Vorstand nun, alles zu tun, um den Niedergang aufzuhalten. Doch selbst Börsenprofis glauben kaum noch daran: Fast 70 Prozent der Analysten raten nicht dazu, die Commerzbank-Aktie zu kaufen.

          Wie konnte es so weit kommen? Der Niedergang der Commerzbank beginnt – mit kleinen Unterbrechungen – im Prinzip schon Anfang des Jahrtausends kurz nach Amtsantritt des damaligen Vorstandssprechers Klaus-Peter Müller, bis heute die prägendste Figur der Bank. Man muss zugestehen, dass vieles sich erst aus heutiger Perspektive als Irrweg herausgestellt hat, was damals richtig erschien. Aber wer sich die Zeit von Müllers ersten Tagen bis heute anschaut, kann fünf Gründe identifizieren, die zum Abstieg der Commerzbank geführt haben.

          Grund eins: Die Eurohypo

          Der Kauf der Eurohypo im Jahr 2005 steht exemplarisch dafür, wie mit der Zeit aus einer vermeintlich guten Idee ein Problem werden kann. Die Eurohypo verdiente ihr Geld mit Hypothekendarlehen sowie mit Staats- und Kommunalanleihen. Dies galt nicht unbedingt als attraktives Geschäftsmodell, sondern als öde.

          2002 hatten darum die drei führenden deutschen Banken, die Deutsche, die Dresdner Bank und die Commerzbank, in einer ungewöhnlichen Aktion ihr Hypothekengeschäft in der neu gegründeten Eurohypo ausgegliedert. Drei Jahre später vollzog Müller allerdings eine irritierende Kehrtwende und kaufte den anderen Banken ihre Beteiligung an der Eurohypo ab. Er nannte den Zukauf eine „ideale Ergänzung“.

          Die Commerzbanker fürchteten damals eine feindliche Übernahme und wollten unbedingt an Größe gewinnen. Darum kaufte man die damals als solide geltende, aber als langweilig verschriene Eurohypo. Dies sollte andere Banken vor einer Commerzbank-Übernahme abschrecken. „Poison Pill“ (Giftpille) nennt man solch ein Vorgehen in der Finanzsprache. Die Abschreckung gelang, doch am Ende war der Kauf vor allem Gift für die Commerzbank selbst. Nach Ausbruch der Finanzkrise verloren die Hypothekendarlehen der Eurohypo massiv an Wert, und während der Euro-Krise geschah das Gleiche mit den Staatsanleihen in ihren Büchern. Am Ende war die Commerzbank gezwungen, die Eurohypo abzuwickeln.

          Grund zwei: Die Übernahme der Dresdner Bank

          Das Schicksal der Eurohypo konnte in dieser Form niemand vorausahnen. Anders war dies dem Kauf der Dresdner Bank, lange Zeit das zweitgrößte deutsche Geldhaus im Sommer 2008. Diese kaufte die Commerzbank dem Versicherungskonzern Allianz ab. Der Gedanke schien überzeugend: Die Commerzbank sollte die klare Nummer zwei auf dem deutschen Bankenmarkt werden und die Deutsche Bank herausfordern. Bekannt gegeben wurde der Zusammenschluss am 31. August 2008 – genau zwei Wochen bevor die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers die Finanzwelt erschütterte.

          Voraussehen konnte dieses epochale Ereignis niemand. Aber zumindest die Warnzeichen hätten Müller, gerade in den Aufsichtsrat gewechselt, und sein Nachfolger Martin Blessing wahrnehmen können: In Amerika machte sich damals schon seit Monaten eine Immobilienkrise breit, und immer wieder waren auch deutsche Institute wie etwa die IKB betroffen. Einen Zukauf dieser Größe in dieser Weltlage galt schon damals manchen als Größenwahn, zumal die Dresdner Bank bekanntermaßen in schlechtem Zustand war. Die Allianz jedenfalls war heilfroh, sie noch rechtzeitig losgeworden zu sein.

          Müller und Blessing zogen die Sache durch – und brachten die Commerzbank in Existenzgefahr. Schon ohne den Zukauf hätte sie die Weltfinanzkrise, die im September 2008 ausbrach, schwer getroffen. Nun aber obendrein auch noch für die Verluste der Dresdner geradestehen zu müssen, überforderte die Commerzbank vollends. Der Bund sprang mit Milliarden ein, die Bank wurde teilverstaatlicht. Noch immer hält der deutsche Staat einen Anteil von 15 Prozent. „Unter den Folgen der Fusion leidet die Commerzbank bis heute“, sagt Analyst Michael Seufert von der NordLB. „Das gleicht einem Mühlstein um den Hals, von dem man sich einfach nicht befreien kann.“

          Grund drei: Die Schiffskredite

          Im Vergleich zu den gravierenden Folgen des Kaufs der Dresdner Bank erscheint ein weiteres Problem, das im Zuge der Finanzkrise auftauchte, fast vernachlässigbar. Aber es schwächte die ohnehin angeschlagene Commerzbank zusätzlich. Die Bank war nämlich auch einer der wichtigsten deutschen Schiffsfinanzierer.

          Das Kalkül war so: Wenn die Weltwirtschaft wächst, braucht die Welt mehr Frachtschiffe. Für deren Kauf stellte die Commerzbank Kredite berei. Noch 2007 orderten deutsche Reeder ein Schiff nach dem anderen. In der Rezession nach der Lehman-Pleite, litten die Reeder aber schwer. Es gab mit einem Mal zu viele Schiffe für viel weniger Waren. Für die Commerzbank war dies der nächste Schlag, zumal sie die Schiffe, die als Sicherheiten für die Kredite dienten, kaum losschlagen konnte. Es dauerte bis 2018, bevor die Commerzbank ihre Schiffskredite auf ein niedriges Maß reduzieren konnte – unter hohen Verlusten.

          Grund vier: Die Filialen

          Von außen betrachtet macht Vorstandschef Martin Zielke, der 2016 auf Blessing folgte, im Prinzip nichts verkehrt: Er will die Bank digitaler machen. Dagegen ist nichts einzuwenden. Das Problem ist nur: Angreifern wie der in Deutschland sehr erfolgreichen Online-Bank ING-Diba kann die Commerzbank kaum etwas entgegensetzen.

          Zwar ist ihre eigene Online-Tochtergesellschaft Comdirect durchaus erfolgreich. Aber gleichzeitig hat die Commerzbank noch immer 1000 Filialen in Deutschland und beabsichtigt anders als viele Wettbewerber auch nicht, weitere zu schließen. Wenn andere Banken ihre Filialen zusammenstreichen, so die Hoffnung, wechseln irgendwann immer mehr enttäuschte Kunden zu den Filialen der Commerzbank.

          Ein solches Filialnetz aufrechtzuerhalten kostet allerdings eine Menge Geld, zumal die Bank gleichzeitig mit teuren Werbekampagnen (Stichwort: Fußball-Nationalmannschaft) um neue Kunden wirbt. Zwischen 150 und 250 Euro kostet es die Bank nach eigenen Angaben, einen neuen Kunden zu gewinnen. Der Vorstand verkauft dies als eine Strategie, die sich langfristig auszahle, weil sich mit neuen Kunden im Schnitt nach 18 Monaten Geld verdienen lasse. Trotzdem sagt ein hochrangiger ehemaliger Banker: „Der Glaube an den wirtschaftlichen Erfolg dieser Kundeneinkaufsnummer fehlt mir.“

          Das mindestens ebenso wichtige Geschäft mit Firmenkunden zeigte zuletzt Schwächen, weil sich derzeit alle Banken um den deutschen Mittelstand balgen. Analyst Michael Seufert kommt zu einem Fazit, das Commerzbank-Aktionäre beunruhigen dürfte: „Sowohl im Privatkunden- als auch im Firmenkundenschaft stehen die Gewinnmargen unter Druck. Eigentlich bräuchte man aber mehr Geld, um in die Digitalisierung zu investieren. Andere Banken, die hier schon weiter sind, können die Commerzbank also mit günstigeren Angeboten übertrumpfen. Das macht es umso schwieriger für die Commerzbank, die nötigen Investitionen vorzunehmen.“ Man könnte es auch so ausdrücken: Die Bank steht vor der Quadratur des Kreises.

          Grund fünf: Das Führungspersonal

          Alle bisher aufgezählten Gründe hatten etwas mit externen Entwicklungen zu tun, mit der Finanzkrise oder den Konkurrenten etwa. Es gibt aber auch einen internen Grund, der zur Misere seinen Teil beiträgt – das Führungspersonal. Alles honorige, intelligente Menschen, denen es aber an der Fähigkeit fehle, auch einmal gegenseitig so richtig unbequem zu werden, sagt einer, der sich auskennt.

          In der Chefetage herrsche trotz anderer öffentlicher Rhetorik Mutlosigkeit statt Entschlossenheit. „Jeder dort weiß: Wer mutige Ziele für seinen Bereich ausgibt, wird sich daran messen lassen müssen. Wer aber zu viel ankündigt, zu viel Hoffnung weckt, muss im Zweifel gehen, wenn er seine Ankündigungen nicht einlöst. Lieber rettet man sich also von einem Jahr zum nächsten.“

          Dass dies funktionieren kann, hat ausgerechnet Klaus-Peter Müller vorgemacht: Nach seinen Jahren als Vorstandschef hielt er sich noch ein ganzes Jahrzehnt an der Spitze des Aufsichtsrates, erst im Mai dieses Jahres trat er ab. Gerade noch rechtzeitig, um den voraussichtlichen Abstieg seiner Commerzbank aus dem Dax nicht mehr im Amt erleben zu müssen.

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