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Finanzmarkt : Bundesanleihen bleiben „sicherer Hafen“

  • -Aktualisiert am

Renditen von Staatsanleihen Bild: F.A.Z.

Das kommende Jahr wird nach Ansicht vieler Anleger an den europäischen Anleihemärkten unruhig. Fondsmanager befürchten eine Verschärfung der Schuldenkrise - Bundesanliehen sollten sich aber behaupten.

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          Das kommende Jahr wird nach Ansicht vieler wichtiger Anleger an den europäischen Anleihemärkten mindestens so unruhig verlaufen wie das vergangene halbe Jahr. Etwa 45 Prozent von Merrill Lynch befragter Fondsmanager auf der ganzen Welt fürchten außerdem, dass auf Dauer ein Land die Europäische Währungsunion verlassen wird. 25 Prozent von ihnen erwarten, dass dies in der ersten Jahreshälfte 2012 geschehen wird. In den Prognosen der Banken werden sogar - allerdings als unwahrscheinlich erachtete - Szenarien eines Auseinanderbrechens der Währungsunion durchgespielt. Zu den wichtigsten Fragen zählen, ob deutsche Bundesanleihen ein "sicherer Hafen" bleiben und ob die europäischen Regierungen vor allem im ersten Quartal in der Lage sein werden, ihren massiven Kapitalbedarf zu langfristig tragbaren Zinsen zu decken. Hochverzinsliche Staatsanleihen der peripheren Euroländer stellen mittlerweile ein Kreditrisiko dar, für das sich viele Investoren nicht ausreichend entschädigt sehen.

          Weltweit werden im kommenden Jahr von den Vereinigten Staaten, den Ländern der Währungsunion, Japan und Großbritannien Staatsanleihen im Wert von brutto umgerechnet 5,1 Billionen Dollar emittiert. Abzüglich Tilgungen sind es netto 1,99 Billionen Dollar. In der Währungsunion werden es brutto 794 Milliarden Euro sein, netto 195 Milliarden Euro - wenn Griechenland, Irland und Portugal mit ihren Finanzierungsprogrammen außen vor bleiben. Italien wird mit einer Mittelaufnahme von brutto 220 Milliarden Euro der größte Emittent in der Währungsunion sein. Deutschland wird mit 178 Milliarden Euro in etwa so viel emittieren wie in diesem Jahr. Nach einer Aufstellung von Barclays Capital werden sich 40 Prozent der Emissionen auf die ersten vier Monate des neuen Jahres konzentrieren. Die größte Sorge der Marktteilnehmer sind Tilgungen und Refinanzierungen Italiens von 64 Milliarden Euro im Februar und März. Die Nachfrage der Euroländer ballt sich 2012 mit einem außerordentlich hohen Finanzierungsbedarf der europäischen Banken, so dass die Gesamtnachfrage am Anleihemarkt auf mehr als 1 Billion Euro steigt. Allein im ersten Quartal werden Staaten und Banken in Europa die Kapitalgeber um 312 Milliarden Euro für Anleihen, Schuldverschreibungen und Pfandbriefe bitten.

          Europäische Versicherer werden einen Teil ihres Prämieneinkommens allein aus bilanztechnischen Gründen in Staatsanleihen investieren. Banken müssen Liquiditätsanforderungen erfüllen, die sie ebenfalls zwingen, liquide Staatsanleihen zu halten. Die Angst, Banken könnten sich von Staatsanleihen trennen, um ihre risikogewichteten Vermögenswerte zu reduzieren, ist deswegen relativ unbegründet - Staatsanleihen wird nach der Berechnung von "Basel" nur eine relativ geringe Risikogewichtung zugeschrieben. Theoretisch haben die bedeutenden europäischen Investoren ausreichend Kapital, um die Emissionen von Staatsanleihen der Währungsunion abzudecken, schätzen die Analysten der Credit Suisse.

          Dennoch dürfte das hohe Emissionsvolumen im ersten Quartal 2012 zu neuen Spannungen führen und in der Folge zu höheren Risikoaufschlägen etwa für Italien und Spanien. Sollten Frankreich und die Bundesrepublik ihre Spitzenbonität ("AAA"-Rating) durch eine oder mehrere Ratingagenturen verlieren, könnte das Gerede über ein Auseinanderbrechen der Währungsunion lauter werden, warnen die Analysten von Nomura. In der Tendenz aber dürfte die Unruhe an den Märkten eher dazu führen, dass die Emissionen verstärkt von heimischen Großinvestoren abgedeckt werden, wie es bei den jüngsten italienischen und spanischen Emissionen zu beobachten war. Selbst eine Herabstufung der Kreditwürdigkeit Deutschlands um eine Stufe würde dem Status von Bundesanleihen als "sicherer Hafen" kaum schaden, heißt es von Nomura. Im Gegenteil: Gerade wenn die Angst vor einem Auseinanderbrechen der Währungsunion kursiere, seien Bundesanleihen angesichts der soliden Fiskal- und Geldpolitik Deutschlands gefragt. Nomura empfiehlt den Kauf von Bundesanleihen, da sich die Schuldenkrise der Währungsunion in den kommenden Monaten deutlich verschärfen werde.

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