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Stress an der Wall Street : Fed stützt Banken mit 128 Milliarden Dollar

Retter in der Not: Gebäude der amerikanischen Notenbank Federal Reserve Bild: Reuters

Erstmals seit der Finanzkrise wird Amerikas Banken das Geld so knapp, dass die Notenbank Federal Reserve mit Liquiditätsspritzen helfen muss. Was steckt dahinter?

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          Die amerikanische Notenbank hat erstmals seit der Finanzkrise vor zehn Jahren im Geldmarkt interveniert, weil Banken und Wertpapierhäusern Liquididätsengpässe drohten. Die Fed stellte am Dienstag 53 Milliarden Dollar zur Verfügung und legte am Mittwoch 75 Milliarden Dollar nach. Im Gegensatz zur Situation vor zehn Jahren schien es sich diesmal aber um ein technisches, kurzfristiges Problem in einem weitgehend unbekannten, aber für das reibungslose Funktionieren des Finanzsystems sehr wichtigen Markt zu handeln.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Die Fed intervenierte, weil die kurzfristigen Zinsen im sogenannten Repo-Markt auf bis zu 10 Prozent gestiegen waren. Nach der Intervention der Fed am Dienstag sank das Zinsniveau wieder auf 2,8 Prozent. Normalerweise orientieren sich die Repo-Zinsen an den von der Fed vorgegebenen Leitzinsen, der Fed Funds Rate, die sich zuletzt in einer Spanne von 2 Prozent bis 2,25 Prozent bewegten. Für Mittwochabend wurde nach der Sitzung der Fed eine Zinssenkung erwartet, was aber nicht in Zusammenhang mit den Verwerfungen am Repo-Markt stand.

          Dieser Markt hat ein Volumen von 2,2 Billionen Dollar. Repos sind meist sehr kurzfristige, oft nur über Nacht laufende Finanzgeschäfte mit einer Rückkaufvereinbarung für die meist Staatsanleihen verwendet werden. Banken, Wertpapierhäuser oder Hedgefonds tauschen dabei kurzfristig Wertpapiere aus ihrem Bestand gegen Bargeld, um ihren Betrieb zu finanzieren. Das Bargeld kommt von Geldmarktfonds, Vermögensverwaltern oder anderen Banken, die überschüssige Barmittel mit einem geringen Risiko verzinsen wollen.

          Am Dienstag kam es zu einer Verknappung dieser Barmittel, weswegen die Zinssätze für die Repo-Geschäfte in die Höhe schossen. Während der Finanzkrise war dieser Markt eingefroren, weil die beteiligten Institutionen sich aus Angst vor einer möglichen Schieflage der Gegenpartei gegenseitig kein Geld mehr leihen wollten. Diesmal wurden an der Wall Street andere Gründe für den Engpass genannt. Zum einen zogen Unternehmen Bestände von ihren Konten bei Geldmarktfonds ab, weil sie ihre vierteljährlich anfallenden Steuerzahlungen begleichen mussten. Gleichzeitig mussten Banken und Investoren, die in der vergangenen Woche bei einer Auktion des Finanzministeriums Staatsanleihen im Wert von 78 Milliarden Dollar erworben hatten, das Geld dafür überweisen.

          Dazu sind die überschüssigen Geldreserven, die Banken bei der Notenbank vorhalten und die häufig für Repogeschäfte genutzt werden, auf dem niedrigsten Stand seit 2011, weil die Fed in den vergangenen Jahren die Leitzinsen erhöht sowie ihren Bestand an Staatsanleihen reduziert hatte. Die Notenbank hatte nach der Finanzkrise die Leitzinsen auf nahezu null Prozent gesenkt und in großem Stil Staats- und Hypothekenanleihen erworben, um Geld in den Markt zu pumpen und die langfristigen Anleiherenditen zu senken.

          Die Intervention der New Yorker Fed, über die solche Aktionen laufen, brachte die Zinsen wieder auf das normale Niveau zurück. Analysten rechnen damit, dass die Notenbank weitere Mittel zur Verfügung stellen wird, um das reibungslosen Funktionieren des Repomarktes sicherzustellen. „Das war in jedweder Form eine Notfallmaßnahme“, sagte Gennadiy Goldberg, der bei der Wertpapiersparte der kanadischen TD Bank die Anlagestrategie für festverzinsliche Wertpapiere verantwortet.

          In der Vergangenheit war es mehrfach zu Liquiditätsengpässen und kurzfristig steigenden Zinsen für Repo-Geschäfte gekommen. Allerdings sah sich die Notenbank bisher nicht gezwungen, zu intervenieren. „Langfristig muss mehr getan werden, um die wachsenden Liquiditätsdiskrepanzen anzusprechen, da die Häufigkeit der monatlichen und quartalsweisen Zinsanstiege für die kurzfristige Finanzierung zuzunehmen scheint“, schrieben Analysten der Bank Wells Fargo in einem Kommentar. Andere Fachleute zeigten sich verblüfft, dass die Händler am Montag offenbar nicht auf den zu erwartenden Liquiditätsengpass vorbereitet waren. Dass Steuerzahlungen und die Abwicklung der Staatsanleihekäufe anstanden, war schließlich bekannt.

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          „Noch am Anfang des Monats waren die Repo-Zinsen nicht gestiegen, um die offensichtlichen Belastungen zu überbrücken, die am Montag anstanden“, kommentierte Jim Vogel, Anleihestratege beim Wertpapierhaus FTN Financial. Analysten der Bank of Montreal warnten davor, die Verwerfungen als eine Art Eintagsfliege abzutun. „Ob das ein einmaliger Vorgang ist, was sich mit einem Zusammenkommen besonderer Faktoren erklären lässt, oder ob es ein Beleg für beunruhigende Entwicklungen in der Zukunft ist, wird in den kommenden Tagen eine wichtige Frage für den Trend der kurzfristigen Zinsen sein“, schrieben die Analysten.

          Verstärkt wurde die Nervosität der Händler am Dienstagmorgen, weil die New Yorker Fed technische Probleme hatte. Die Fed hatte um 9.17 Uhr (Ortszeit) eine Repo-Maßnahme für 9.30 bis 9.45 Uhr angekündigt, die dem Markt bis zu 75 Milliarden Dollar zur Verfügung stellen sollte. Als die Zeit ohne einen Eingriff der Fed verstrich, kamen Gerüchte auf, dass die Fed die Maßnahme abrupt gestoppt habe. Die Anspannung der Händler stieg und die Fed verschob den Zeitpunkt für die letztlich erfolgreiche Marktintervention über 53 Milliarden Dollar etwas nach hinten. „Man hätte dafür keinen schlechteren Tag wählen können“, sagte Thomas Simons, Ökonom beim Wertpapierhaus Jefferies, zu den technischen Schwierigkeiten der Fed.

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