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Rentenmarkt : Die Charts sprechen für entspanntere Zinszeiten

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Bild: FAZ.NET

Die Anleihecharts machen es deutlich: Die Inflationssorgen haben sich gelegt. Wie die fallenden Renditen nahe legen, haben die Akteure jetzt eher wieder Angst vor einer Konjunkturschwäche in Amerika.

          Von den Inflationsängsten des zweiten Quartals ist nicht mehr viel übrig geblieben. Zumindest legt der Blick auf die Anleihecharts diesen Eindruck nahe. Nun fürchten sich die Akteure vor einer Konjunkturschwäche in Amerika und das spiegelt sich in fallenden Renditen wider. Im zweiten Quartal sorgten starke Zins- und Inflationsängste für einen herben Ausverkauf an den meisten Weltbörsen. Inzwischen haben die Sorgen in dieser Hinsicht zwar spürbar nachgelassen, speziell Inflationsbedenken spuken aber noch immer in vielen Anlegerköpfen herum.

          Wegen der hartnäckig hohen Rohstoffpreise ist dies zwar in gewisser Weise auch nachvollziehbar. Schließlich hat die Bundesbank erst kürzlich davor gewarnt, der erneute Anstieg des Ölpreises könnte den globalen Aufschwung dämpfen und gleichzeitig die Inflation anheizen. Der Blick auf die Rentencharts legt aber eine gelassene Haltung nahe. Denn der Trend hin zu steigenden Renditen ist längst gestoppt und die Renten-Futures sind drauf und dran, Bodenformationen endgültig zu vollenden.

          Bund-Future mit einem weiteren Ausbruchsversuch

          So unternimmt der Bund-Future zum Wochenauftakt einen weiteren Anlauf, den hartnäckigen Widerstandsbereich um 117,10 Prozent zu überwinden. Im Tageshoch kletterte der Index sogar schon bis auf 117,39 Prozent, doch am Nachmittag ist er wieder bis auf 117,22 Prozent zurückgefallen. Eine Schlußnotiz auf diesem Niveau wäre charttechnisch gesehen gleichbedeutend mit einem prozyklischen Kaufsignal.

          Die Experten bei der Mizuho Corporate Bank feiern den Sprung über die Marke von 117 Prozent am Montag bereits als sehr positives Signal. Sie rechnen nun schon relativ kurzfristig mit einem Anstieg in Richtung 117,50 Prozent und langfristig sogar mit Kursen von 119,50 Prozent. Noch eine Spur besser sieht es übrigens bereits am amerikanischen Rentenmarkt aus. Dort hat sich die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen ausgehend von einem im Juni erreichten Mehrjahreshoch von 5,25 Prozent wieder bis auf 4,82 Prozent zurückgebildet.

          In Amerika ist bereits wieder von Zinssenkungen die Rede

          Begünstigt wird die versuchte Bodenbildung am Rentenmarkt durch zuletzt meist eher enttäuschend ausgefallene amerikanische Konjunkturdaten. So ist erst am vergangenen Freitag mit dem Michigan-Index eine Zahl schwächer als erwartet ausgefallen und zusammen mit dem sich abschwächenden Immobilienmarkt nährt dies die Sorge vor einem im zweiten Halbjahr deutlich abflauenden Wachstum. Schon die für das zweite Quartal vorgelegten Zahlen für das Bruttoinlandsprodukt hatten eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums angedeutet.

          Vor diesem Hintergrund ist nach Ansicht vieler Zinsexperten, wie etwa jenen bei der Rabobank International, die Wahrscheinlichkeit einer nochmaligen Zinserhöhung in Amerika deutlich gesunken. Anders als bisher rechnen sie jetzt jedenfalls mit keiner weiteren Zinsanhebung im vierten Quartal. „Der Markt beginnt jetzt, für 2007 diverse Zinssenkungen einzupreisen, und das beflügelt die Kurse“, sagt auch Rentenstratege Kornelius Purps von der HVB.

          Auch bei der Rabobank International werden nun im Falle einer Konjunkturabschwächung und nachlassendem Inflationsdruck im zweiten Quartal 2007 Zinssenkungen in Amerika für möglich gehalten. Bei Goldman Sachs ist sogar von Zinssenkungen in einer Größenordnung von 125 Basispunkten die Rede. Was Europa angeht, so wurden hier zuletzt zumeist zwar sehr ermutigende Konjunkturzahlen vorgelegt. Aber wenn es in Amerika zu einem Abschwung kommt, dann droht auch auf dem alten Kontinent ein deutlich nachlassender konjunktureller Elan. Das ist jedenfalls offenbar die Einschätzung der kursbestimmenden Akteure an den Anleihemärkten. Zumindest legen diesen Eindruck die Charts der Rentenfutures und der Anleiherenditen nahe.

          Entscheidend für die Renditen ist die Entwicklung in Amerika

          Noch ist die Gefahr eines weiteren gescheiterten Ausbruchsversuchs nach oben beim Bund-Future zwar nicht gedämmt, aber die meisten Rahmendaten sprechen eher für steigende als für fallende Notierungen. Wie weit die Bewegung dann noch laufen kann, bleibt aber abzuwarten. Denn zumindest auf Basis der bisher vorliegenden Konjunkturzahlen scheint in den Anleiherenditen auch bereits einiges an negativen konjunkturellen Erwartungen enthalten zu sein.

          Bei der Commerzbank wird deswegen sogar bereits von einem europäischen Zinsrätsel gesprochen, denn obwohl die meisten Akteure offiziell von einem nachhaltigen Konjunkturaufschwung ausgehen würden und fest mit zwei weiteren Zinserhöhungen durch die EZB rechnen, verharrt die Rendite der zehnjährigen Staatsanleihen nun schon seit Mai auf einem Niveau um vier Prozent. In diesem Zusammenhang ist aber der berechtigte Einwand von Purps zu bedenken: „Das Eigenleben des Bund-Future ist relativ begrenzt, Der Terminkontrakt folgt mehr oder weniger blind den Vorgaben aus Amerika.“

          Insgesamt sind mit Blick auf die Inflation Restrisiken geblieben. Und es ist auch nicht ausgeschlossen, daß sich diese Risiken mittelfristig noch in weiter steigenden Inflationszahlen manifestieren. Werden die Chartbilder an den Rentenmärkten zugrunde gelegt, gehen die meisten Marktteilnehmer momentan aber eher von einer Entspannung an der Inflationsfront aus.

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