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Kreditderivate : Die Anleihe ist tot, es lebe das Derivat?

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Pate für Kreditderivate: Der Kolibri hielt bei der Commerzbank für den Namen her Bild: obs

Immer stärker scheint sich der Anleihehandel in den Bereich des Theoretischen zu verschieben. Während der Umsatz mit Anleihen schrumpft, explodiert der Handel mit darauf basierenden Derivaten. Den Finanzaufsehern macht dies zunehmend Sorge.

          Klassische Lehre an den Finanzmärkten ist: Man setzt auf Aktien, Fonds und Anleihen und mischt vorsichtig noch etwas Derivate bei, um die Rendite noch ein wenig auf Vordermann zu bringen.

          Doch wie das bei allen etablierten Lehren so ist, sie verlieren mitunter ihre Gültigkeit. zumindest möchten man das glauben, wenn man das Verhalten der Anleger im Anleihebereich der vergangenen Jahre betrachtet.

          Anleihenhandel geht zurück

          Nach einer jüngsten Analyse der Handelsmuster durch die Rating-Agentur Fitch setzen Investoren zunehmend auf Derivate statt auf die zugrundeliegenden Basiswerte, um sich am Markt für Unternehmensanleihen zu engagieren. So hat in den vergangenen Monaten der Handel in den Kreditausfallswaps von bonitätsschwachen Unternehmen mit Junk-Rating deutlich zugenommen, während der Handel in den Anleihen derselben Unternehmen gesunken ist.

          „Der Anleihehandel ist gegenüber dem vergangenen Jahr eindeutig gesunken, nachdem Investoren immer mehr den Kreditderivatemarkt im Auge haben, um sich bei Unternehmensverbindlichkeiten zu engagieren oder sie abzustoßen“, schreibt James Batterman von Fitch. Mittlerweile werden am Londoner Markt Kontrakte auf Anleihen von über 3000 Unternehmen aktiv gehandelt, berichtet der Kursmakler Markit.

          Sprunghaft steigendes Derivatevolumen

          Das Marktvolumen der Kreditderivate hat sich im vergangenen Jahr mehr als verdoppelt auf 26 Billionen Dollar. Angetrieben werde die Entwicklung von Hedge Fonds und Finanzinstituten, die Kreditausfallswaps gegenüber Anleihen bevorzugten, weil diese billiger und leichter zu kaufen und verkaufen seien. Die Finanzinstrumente wetten auf die Fähigkeit eines Unternehmens oder eines Korbs von Unternehmen, seinen Verbindlichkeiten nachzukommen. Das Gesamtvolumen der in Umlauf befindlichen Kreditausfallswaps hat sich im vergangenen Jahr auf 9,5 Billionen Euro mehr als verdoppelt.

          Der Handel in Kreditausfallswaps auf die Anleihen von Mitgliedern des Dow Jones North America High Yield Index ist in den vergangenen fünf Monaten gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen, der Handel in den Anleihen der gleichen Unternehmen in den ersten acht Monaten des Jahres 2006 mit Ausnahme eines Monats aber gefallen.

          Bei Anleihen der Güteklasse Investmentgrade ist der Handel in diesem Jahr bisher im Schnitt um 15 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum zurückgegangen, bei Junkbonds beläuft sich der Rückgang auf etwa 17 Prozent.

          „Aufsicht ohne Grenzen“ gefordert

          Ein weiterer Grund, weshalb der Anleihehandel gesunken ist, dürfte darin zu suchen sein, daß sich der Schulden-Handel in den sekundären Kreditmarkt verschoben hat. Das Handelsvolumen hat bei Krediten der Kategorie Investmentgrade in vier der vergangenen fünf Quartale zugenommen - im Schnitt um 22 Prozent je Quartal. Der Handel in LBO-Krediten zog im Schnitt um elf Prozent an, so Fitch.

          Diese Entwicklung macht den für das Finanzsystem ernsthafte Sorgen. Denn während der Bondsmarkt stark reguliert ist, fehlen entsprechende Vorschriften auf dem jungen Markt, gerade im Bereich der Kreditderivate. Die Bedeutung des Problems läßt sich allein daran ablesen, daß anglo-amerikanische Finanzbehörden, sonst eigentlich nicht dafür bekannt, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken, eine Aufsicht „ohne Grenzen“ fordern.

          Das erklärten die Federal Reserve Bank of New York, die amerikanischen Wertpapieraufsicht SEC und die britische Financial Services Authority. Einzelne Länder könnten die Gefahren, die das Wachstum des Marktes mit sich bringen, nicht unter Kontrolle halten. „Auf den Markt kommen erhebliche Herausforderungen zu, die Finanzrisiken zu messen und zu managen“, heißt es in einem am vergangenen Donnerstag in der „Financial Times“ veröffentlichten Schreiben.

          Colibris und Cobolde

          Um den Markt effektiv zu regulieren, müßten die Aufsichtsbehörden schneller agieren und kooperieren, ist im Schreiben zu lesen. „Wir werden weiterhin eng mit anderen amerikanischen und internationalen Aufsichtsbehörden für die Branche zusammenarbeiten, um die Kreditderivatemärkte zu überwachen. Das gilt auch für die geplanten Arbeiten bei Aktienderivaten“, erklärte die amerikanische Zentralbank Fed auf ihrer Website.

          Auch die Deutsche Bundesbank zeigte sich in ihrem Finanzstabilitätsbericht nicht sorgenfrei. Die Produkte seine mit beträchtlichen Anforderungen an die Risikoanalyse, die operative Abwicklung und an das Risikomanagement verbunden. In der Vergangenheit hätten die Finanzmarktteilnehmer häufig erst aus Fehlern beziehungsweise Verlusten gelernt. Daher bleibe auch für die jüngste Produktgeneration abzuwarten, wie widerstandsfähig sich diese bei größeren Marktanspannungen zeigen werde.

          In Deutschland werden Kreditderivate vorwiegend in Form synthetischer Anleihen mit illustren Namen verkauft und beruhen dabei meist auf einem Korb von Werten. Bei der DZ Bank etwa heißen die Produkte Cobold, bei der Commerzbank Colibri und bei der LBBW Synthia oder Synthema.

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