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Derivate : Hebelprodukte - wer wegschaut, hat schon verloren

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Hebelzertifikate werden beliebter, aber sie sind riskant. Das zeigt sich an der Tagesbeobachtung eines Produktes. Nach einem Kursplus von bis zu 100 Prozent kam es am Schluß zum Totalverlust. Wer nicht am Ball blieb, hat verloren.

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          Interessieren sich die Deutschen generell schon nicht sonderlich für Geldanlagedinge, so sind für die meisten Anleger wohl derivative Finanzprodukte eher „Teufelszeug“ als attraktiv. Sie gelten gemeinhin als riskant. Dabei haben sie richtig verwendet durchaus gewisse Reize. Zumindest dann, wenn man weiß, welches Instrument man in welcher Situation am Geschicktesten einsetzt.

          Risikofreudige und möglicherweise auch verwegene Anleger treiben es dabei auf die Spitze. Profis spekulieren in der Regel mit Terminkontrakten, wie den Futures. Privatanleger dagegen setzten in der Vergangenheit gerne auf Optionsscheine, da sie einfacher zu „handeln“ sind. Allerdings gab und gibt es bei der Preisgestaltung immer wieder Irritationen. Nicht nur die verschiedenen Preisfaktoren wie Volatilität, Laufzeit, Zinssatz, Dividenden- und Kursänderungen des Basiswertes spielen eine Rolle, sondern zumindest an der Börse auch Angebot und Nachfrage.

          Hebelprodukte lösen Optionsscheine an Beliebtheit ab

          Vor allem die Sprunghaftigkeit der Volatilität sorgte immer wieder für Kopfzerbrechen. Aus diesem Grund kamen in den vergangenen Monaten immer mehr die so genannten Knock-Out- oder Hebelscheine auf. Sie haben im Prinzip die gleiche Funktion wie die Optionsscheine, reagieren allerdings nur in Grenzbereichen auf die Volatilität. Aus diesem Grund seien sie transparenter und damit berechenbarer, heißt es immer wieder.

          Der Kurs eines Hebelpapiers wird zumindest theoretisch alleine bestimmt durch die Differenz zwischen dem Kassakurs des Basiswertes plus Zinsaufschlag und dem Ausübungspreis. Allerdings ist das pure Theorie. Denn beim Handel an der Börse spielen auch hier Angebot und Nachfrage eine Rolle und können zu Preisabweichungen führen. Selbst beim Handel mit den Emittenten kann man nie sicher sein, ob der Händler nicht den „Markt liest“ und die Preise nach oben stellt, wenn er mit steigenden Kursen rechnet oder umgekehrt, sobald er mit fallenden Märkten rechnet.

          Das ist aber nicht alles. Denn ein entscheidendes Merkmal der Hebelpapiere ist die so genannte Knock-Out-Marke. Erreicht der Basiswert dieses Niveau, so verfällt das Hebelzertifikat in der Standardversion und der Anleger hat das eingesetzte Kapital verloren. Und das passiert manchmal schneller als man denkt. Das ließ sich am Mittwoch wieder einmal eindrücklich beobachten (siehe Graphik).

          Wer zum Beispiel bei Handelseröffnung am Morgen mit 5.292,5 Punkten ein „bullisches“ Hebelpapier auf den Dax mit einem Knock-Out-Level von 5.255 Punkten erwarb, konnte das eingesetzte Kapital bis zu Mittag aufgrund auch nur leichter Kursgewinne im Index zumindest theoretisch verdoppeln. Wer allerdings zu diesem Zeitpunkt nicht verkaufte, mußte im weiteren Handelsverlauf die Kursgewinne nicht nur wieder aufgeben, sondern im späten Handel wurde der Dax sogar förmlich nach unten durchgereicht. Eine halbe Stunde vor Handelsschluß wurde das Papier sogar „ausgeknockt“.

          Starke Kursschwankungen in kurzer Zeit

          Das heißt, wer sich das Papier am Morgen in der Hoffnung auf steigende Kurse ins Depot legte, um danach arbeiten zu gehen, hat nicht nur einen möglichen Kursgewinn von 100 Prozent verpaßt, sondern sogar das gesamte eingesetzte Kapital verloren. Solche Produkte sind folglich hochspekulativ und nur für professionelle Anleger geeignet - wenn überhaupt.

          Vor allem der schnelle Kurseinbruch des Dax am späten Nachmittag könnte einige überrascht haben. Aufgrund solcher Vorkommnisse machen sich sogar schon Verschwörungstheorien breit. In manchen Börsenboards ist gar die Rede von manipulierten Kursen und von „Gaunern im Armani-Anzug“. Damit sind die „Banker“ gemeint, die angeblich die Kurse nach unten oder nach oben bewegen, um die Knock-Out-Schwellen herauszunehmen.

          „Was hier abgeht, ist ein Wahnsinn. Die Masse der Trader hat keine Chance und zahlt drauf. Die einzigen, welche kassieren, sind die Banken. Man kann jedem nur raten, Finger weg von diesen Dingern. Das was die Banken im Hypothekenbereich mit Abschreibungen und bei Zwangsversteigerungen in den Sand setzen, holen sie sich durch diese Produkte wieder,“ heißt es beispielsweise.

          Tatsache ist, daß Hebelprodukte nichts für schwache Nerven sind. Sie bieten zwar theoretisch die Möglichkeit, rasch viel Geld zu verdienen. Allerdings ist dies mit hohen Verlustrisiken verbunden. Im Extremfall kommt es schnell zu einem Totalverlust (siehe auch Die aktuellen "Ausfälle" bei Hebelzertifikaten). In diesem Sinne muß jeder wissen was er tut, wenn er sich auf sie einläßt.

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