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Derivate : Gehandelt werden nur die Hebel

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Bild: Derivate Forum

Der Derivatemarkt boomt und wird auf der Produktseite vor allem von sicherheitsorientierten Zertifikaten dominiert. Doch der Handel findet im wesentlichen mit den Hebelprodukten statt.

          Die Deutschen tun sich schwer mit Aktien. Nach dem großen Boom zum Ausgang des 20. Jahrhunderts haben viele der Anlageform den Rücken zugekehrt. Nur langsam kehren sie wieder zurück.

          Über mangelnden Zuspruch kann sich der Derivatemarkt dagegen nicht beklagen. Das liegt zum eine sicherlich an der überreichlich vorhandenen Liquidität, aber auch an der seit einigen Jahren existierenden neuen Vielfalt, die sich vor allem im Entstehen des Zertifikate-Marktes äußerte.

          Derivate-Markt ist Zertifikate-Markt

          Der ist nun auch schon ein wenig älter, nichtsdestoweniger verzeichnet der Derivatemarkt in seiner Gesamtheit ein starkes Wachstum. Nach drei Quartalen verzeichnet der deutsche Markt für derivative Wertpapiere ein Wachstum von 25,7 Prozent und hat nach Schätzungen des Derivate-Forums ein Gesamtvolumen von mittlerweile 106,2 Milliarden Euro erreicht.

          Das geht aus dem jüngsten Monatsbericht der Initiative hervor, die von den neun Banken Deutsche, Dresdner, DZ Bank, Hypo-Vereinsbank, Goldman Sachs, Sal. Oppenheim, WestLB und BNP Paribas gegründet wurde.

          Eindrucksvoll belegen die Zahlen, daß der Derivate-Markt mittlerweile fast ausschließlich durch Anlage-Zertifikate bestimmt wird und Hebelprodukte immer mehr ein Schattendasein fristen - zumindest wenn man nach dem sogenannten Open Interest geht, also dem in Zertifikaten ausstehenden Volumen bei Privatanlegern. 99 Prozent dieses Open Interests der neun Derivate-Forum-Banken, zu denen außer den Gründern noch die BayernLB zählt und die etwa 60 Prozent des Marktes repräsentieren, entfallen auf Anlageprodukte, lediglich ein Prozent auf Hebelprodukte.

          Geht man indes nach Stückzahlen, so stellen Hebelprodukte mehr als die Hälfte des Marktes - ein deutliches Zeichen für dessen Fragmentierung und offenbar Ausdruck des Umstandes, daß klassische Hebelprodukte offenbar leichter zu konstruieren sind als komplexe Anlagezertifikate. Auch der Handel findet im wesentlichen mit den Hebelprodukten statt.

          Aktien dominieren, Rohstoffe im Kommen

          Allein im September sei der sogenannte „Open Interest“ um 2,7 Prozent gewachsen, wobei 0,6 Prozent davon auf Kurssteigerungen zurückgehen.

          Unter den Basiswerten dominiert eindeutig die Aktie, auf die Ende September rund 87 Prozent des preisbereinigten Volumens und 91 Prozent der Produkte entfallen. An Bedeutung haben daneben nur Währungen und Rohstoffe im Segment der Hebelprodukte, wo sie 22,2 Prozent des preisbereinigten Volumens und zwölf Prozent der Produkte stellen.

          Diese Anlageklasse scheint zwar im Kommen zu sein, wie die Wachstumsrate ihres Volumens von 52,5 Prozent seit Jahresbeginn suggeriert. Doch vielleicht ist der Boom schon vorbei. Im Septembers schrumpfte das Volumen jedenfalls um 3,9 Prozent. Dabei entfielen 90 Prozent des Rückgangs auf Preiseffekte.

          Wenig Anlaß zur Freude geben Hedge-Fonds-Anlagezertifikate. Nicht nur, daß ihr Volumen seit Jahresbeginn um 6,3 Prozent schrumpfte. Auch verursachte ein Preiseffekt von minus 2,5 Prozent trotz preisbereinigtem Wachstums eine deutliche Schrumpfung des Open Interest. Kurzum: das nominale Volumen stiegt zwar leicht, aber der Wert der Zertifikate fällt.

          Sicherheitsprodukte sind Trumpf

          Im Bereich der Hebelzertifikate erfreuten sich Währungen und Rohstoffe in diesem Jahr mit einem Plus von 31,2 Prozent steigender Beliebtheit, während das Aktienvolumen sogar um 3,2 Prozent zurückging. Das könnte sich aber ändern: Im September sank das Volumen der Anlageklasse um 20 Prozent, bei einem schmerzlichen Preiseffekt von 22,6 Prozent.

          Nicht nur die eindeutige Dominanz der Anlagezertifikate zeigt, daß Derivate-Anleger weniger spekulativ orientiert sind, als man meinen möchte. Denn die Anlageklasse wird immer noch eindeutig von sicherheitsorientierten Produkten dominiert, allen voran Garantie-Zertifikate mit einem preisbereinigten Anteil von 42,9 Prozent des Volumens. Gemeinsam mit Bonus-, Teilschutz-, Discount- und Express-Zertifikaten liegt der Volumenanteil bei über 80 Prozent.

          Das gilt auch für die Zahl der Produkte, wo der Anteil sogar bei rund 85 Prozent liegt. Allerdings dominiert hier schon wieder das spekulativere Element. 54,4 Prozent aller Derivate der neuen Emittenten waren Discount-Zertifikate.

          Gehandelt werden Hebel

          Wie spekulativ Hebelprodukte sind, zeigt dagegen die Umsatzstatistik. Knapp 30 Prozent des Umsatzes entfallen auf Hebelprodukte. Dabei wurde das Volumen im September dreimal umgeschlagen - bei Anlageprodukte hingegen waren es nur vier Prozent, also praktisch nichts. Interessanterweise wurden die wenigen Renten-Hebelprodukte immerhin 15mal umgeschlagen. Das könnte ein Hinweis sein, daß die Vehikel beliebter sind, als die Emittenten annehmen.

          Der Boom auf dem Derivatemarkt ist vor allem gut für die Emittenten, deren Produkte sich zum einen einer regen Nachfrage erfreuen und die zudem noch am Umschlag verdienen. Für die Anleger besagt er nichts weiter, als daß es ihnen immer schwerer fallen dürfte, noch den Überblick zu behalten und die Spreu vom Weizen zu trennen.

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