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Anlagestrategie : Risikosteuerung oder Illusion?

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Fanartikel gab es zur WM nicht nur im Fanshop, sondern auch bei einigen Banken Bild: ddp

Der Derivate- und speziell der Zertifikatemarkt erleben seit Jahren einen explosiven Boom. Einigen Experten ist dies unheimlich. Sie sehen Grund zur Sorge und hoffen auf regulatorische Eingriffe.

          Die Welt der internationalen Finanzmärkte hat sich in den vergangenen Jahren rasant gewandelt. Per Mausklick werden heute innerhalb von Sekunden Milliardenbeträge von einem Kontinent zum anderen übertragen. Finanzielle Risiken, die früher eine einzelne Bank tragen musste, können in Wertpapiere umgewandelt und auf rund um den Globus verstreute Akteure verteilt werden.

          Vor allem der Derivatemarkt ist angesichts dieser Entwicklungen explodiert. Optionen, Futures, Swaps und andere Instrumente des Derivatemarktes dienen dazu, die Risiken „echter“ Geschäfte abzufedern. In der von den Launen des Wetters und der Weltmarktpreise abhängigen Landwirtschaft sind Termingeschäfte sind sie daher seit Jahrzehnten üblich.

          Berechtigte Kritik oder reine Nostalgie?

          Der Boom der jüngsten Vergangenheit kommt manchen Experten verdächtig vor. Vor einem „Markt der Illusionen“ warnt Finanzanalyst Eberhardt Unger vom unabhängigen Analysehaus Fairesearch. Der Summe der erwirtschafteten Güter und Dienstleistungen weltweit, dem Bruttoinlandsprodukt der Erde also (59 Billionen Dollar), stand 2005 eine fast fünf Mal höhere nominale Summe gegenüber, auf die Derivat-Geschäfte abgeschlossen wurden (285 Billionen Dollar). Laut der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich ist dies ein Plus von fünf Prozent innerhalb von sechs Monaten. „Da kann doch etwas nicht stimmen. Die traditionelle Methode des Geldverdienens scheint außer Mode geraten zu sein“, meint Unger.

          Raimond Maurer, Professor für Investment an der Universität Frankfurt, hält den Boom von Derivaten auf den Finanzmärkten für einen Fortschritt: „Das sind für alle Beteiligte sinnvolle Instrumente, weil sie es ermöglichen, Risiken sehr fein und präzise umzuverteilen.“ Dass die Schwierigkeit, die überall verstreuten Risiken genau abwägen zu können, zu plötzlichen Kettenreaktionen führen könnte, beunruhigt Maurer nicht. „Diese Gefahr gibt es auf allen Finanzmärkten, nicht nur bei Derivaten.“ Ob jedoch sämtliche Derivate auch für Privatanleger als Anlageform sinnvoll sind, sieht der Wissenschaftler indes kritisch.

          Finanzaufsicht hinkt hinterher

          Die Finanzaufsicht ist in den sich rasant wandelnden Märkten nicht immer auf Ballhöhe. Das zeigt das Beispiel der Kreditderivate, mit denen sich Banken gegen das Ausfallrisiko von Krediten absichern können. Das Volumen explodierte nach Recherchen der britischen Wirtschaftszeitung „The Economist“ innerhalb weniger Jahre von fast null auf 17 Billionen Dollar. Erst als die mit den Kontrakten handelnden Bankhäuser selbst die Übersicht verloren hatten, schalteten sich die Regulierungsbehörden ein und zwangen die wichtigsten Marktteilnehmer, ihre Buchführung auf Vordermann zu bringen. Insider sprechen in so einem Fall davon, dass der anfangs chaotische Markt „reif“ geworden sei.

          Eine Regulierung könnte auch bald der Zertfikate-Markt erleben. Keine andere Form des Geldanlegens hat in den vergangenen Jahren einen solchen Aufschwung erlebt. Kritiker werfen indes den Banken vor, die Anleger mit einer kaum noch überschaubaren Flut an komplizierten Produkten hinters Licht zu führen.

          Das Gesamtvolumen von Zertifikaten und Optionsscheinen stieg nach Branchenschätzungen in Deutschland 2005 um 45 Prozent auf 80 Milliarden Euro - inzwischen sollen es mehr als 100 Milliarden Euro sein. In keinem anderen Land gibt es eine vergleichbare Produktvielfalt: Allein im Juli kamen nach Angaben des Deutschen Derivate Instituts 3417 neue Zertifikate hinzu, inklusive Optionsscheinen gibt es bereits mehr als 100.000 Derivat-Produkte für den Privatanleger.

          Anlegerschützer fordern Regulierung des Zertifikatemarktes

          Die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) spricht von einer „Emissionswut“, die Anleger dazu verführe, in vielen Fällen ein für sie schlechtes Geschäft einzugehen. Da der Preis von Zertifikaten von der emittierenden Bank berechnet wird und sich nicht wie bei Aktien aus Angebot und Nachfrage ergibt, könnten die Finanzinstitute problemlos eine hohe Marge auf das Papier „draufpacken“.

          Im „Schwarzbuch Börse 2005“ resümiert SdK-Vorstand Markus Straub: „Intransparenz ist das Geschäftsmodell.“ Die Aktionärsschützer wollen daher im Oktober einen Vorschlag für eine staatliche Regulierung des Marktes vorlegen.

          In der Branche werden die Vorwürfe ernst genommen und gleichwohl zurückgewiesen. „Wir haben inzwischen einen harten Wettbewerb und sehen daher auch eine faire Preisbildung“, meint Lars Hille vom Investmentbanking der DZ Bank, die Zertifikate für die rund zehn Millionen Wertpapierkunden der Volks- und Raiffeisenbanken entwickelt. „Wir müssen eine Brücke schlagen zwischen den unbegrenzten Möglichkeiten, neue Produkte zu entwickeln, und der Verantwortung für den Anleger“, sagt Hille.

          Zuviel Marketing, zu wenig Anlageidee

          Dennoch misstrauen die Kritiker den Banken - zu stark sei das Geschäft von flotten Marketing-Ideen geprägt. Speziell zur Fußball-Weltmeisterschaft wurden Zertifikate etwa auf Basis verschiedener Aktien und deren Kursentwicklung aufgelegt, die beim Sieg einer bestimmten Mannschaft zusätzliche Renditepunkte versprachen - eine eingebaute Wette also, die mit der eigentlichen Idee des Derivat- Geschäfts nichts zu tun hat. Bei der DZ Bank hieß ein solches Produkt „MaxiRend Champions-Zertifikat“. „Wir haben lange überlegt, und am Ende gab es eine knappe Entscheidung, das emotionale Element der WM nutzen zu wollen“, erläutert Hille. Der Absatz des Zertifikats für Fußball-Fans habe bei 150 Millionen Euro und damit im Mittelfeld gelegen.

          Derzeit erstellen einige Banken einen Kodex mit Empfehlungen für die eigene Zunft. Doch Verbraucherschützern geht das nicht weit genug, sie fordern eine gesetzlich vorgeschriebene Transparenz ähnlich wie bei Fonds. „Wir brauchen in standardisierter Form Aufklärung über Risiken und Kosten - einschließlich Angaben, was der Emittent an dem Produkt verdient“, sagt Dorothea Kleine vom Verbraucherzentrale Bundesverband. Anlegern rät sie, nur solche Zertifikate zu kaufen, die sie wirklich verstehen.

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