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Faustregeln : Wenn Börse doch einfacher wäre

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Börse Frankfurt: Nach welchen Regeln bewegen sich Bulle und Bär? Bild: ddp

Wer sich auf dem Börsenparkett auf alte „Bauernregeln“ verläßt, ist nicht selten verlassen. Auf die alte Weisheit „Sell in May and go away“ können Anleger jedenfalls nicht bauen.

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          Der Wonnemonat Mai hat an den Aktienmärkten keinen guten Ruf. Die Faustregel „Sell in May and go away“ gehört zu den bekanntesten Börsenweisheiten. In diesem Jahr ist dieser Ratschlag besonders oft zu hören. Inzwischen gibt es sogar Zertifikate von ABN Amro, der Bankgesellschaft Berlin und der Hypo-Vereinsbank, mit denen die Anleger automatisch eine mehrmonatige Sommerpause im Investieren einlegen.

          In der Vergangenheit ließ sich ja der Wecker danach stellen: Aktiencrashs kann es eigentlich nur im Oktober geben, der September muß der schlechteste Börsenmonat werden, und zwischen November und Mai wird das Geld verdient. Doch ausgerechnet am deutschen Aktienmarkt, wo dieser Saisonverlauf früher besonders häufig zu beobachten war, kam es im Jahr 2002 nicht wie üblich im Herbst zum Ende der Baisse, sondern erst im Frühjahr 2003. Von dort setzte ein Aufschwung ein, der im Februar 2004 eine Pause einlegte und im August wieder an Fahrt gewann.

          Schlechter Ruf des Mai nicht begründet

          Auch wenn man weiter in die Vergangenheit blickt, läßt sich der schlechte Ruf des Börsenmonats Mai nicht ohne weiteres belegen. In den vergangenen 40 Jahren fiel der F.A.Z.-Aktienindex im Mai zwar 23mal. Im Mittel betrug der Monatsrückgang immerhin 1,2 Prozent. Allerdings ist zu berücksichtigen, daß im F.A.Z.-Index Dividendenabschläge zu Rückgängen führen. Anders im Dax: Hier wird angenommen, die Dividenden würden wieder in den Dax investiert. Dessen Statistik liest sich deshalb deutlich besser: In jedem Mai seit 1988 hat der Dax zugelegt - im Durchschnitt um 0,7 Prozent. Frank Schallenberger zieht noch die Aktienmärkte in den Vereinigten Staaten und Japan in die Mai-Betrachtung ein. „In Amerika sind die Aktienkurse in den letzten vierzig Jahren im Schnitt leicht gefallen - in Japan leicht gestiegen“, berichtet der Aktienstratege der Landesbank Baden-Württemberg und schließt daraus: „Hohe Kursabschläge im Mai sind vor allem ein deutsches Phänomen, auch wenn der Dow-Jones-Index in 40 Jahren im Mai 22mal verlor.“

          Stutzig macht auch, daß der Dax seit 1988 in den Monaten Juni und Juli im Durchschnitt jeweils Gewinne gemacht hat. Damit bleiben vom legendären Ruf der Börsenregel vom klugen Verkauf im Mai nur die Gründe übrig, die für einen mauen Aktiensommer sprechen. Die zahlreichen Feiertage im Frühsommer und die zuvor erhaltenen Dividenden gelten als Hauptgründe dafür, warum den Kursen gerade am deutschen Aktienmarkt im Mai und in den Folgemonaten die Auftriebskraft fehlen soll. Tatsächlich gibt es hierzulande in dieser Jahreszeit so viele Feiertage wie wohl nirgendwo. Und die Dividenden spielen hier eine besondere Rolle. In Amerika werden sie in der Regel nicht einmal jährlich auf einen Schlag, sondern quartalsweise ausgeschüttet. In Deutschland hingegen zahlen die meisten Unternehmen im April oder Mai ihre Dividende. In diesem Jahr schütteten allein die 30 Unternehmen im Dax 15 Milliarden Euro aus - soviel wie seit langem nicht.

          Nach diesem April muß es anders kommen

          Allerdings müssen ausgerechnet in diesem Jahr nicht so sehr die nun zu verzeichnenden Dividendenabschläge als Begründung für diese oder jene Saisonvorhersage herhalten, sondern die schwache Kursentwicklung an den Aktienmärkten im April. Üblicherweise gehört der April in Amerika und Deutschland zu den besten Aktienmonaten des Jahres. Diesmal war der April noch nicht einmal wechselhaft wie das Wetter, sondern es ging für die Aktienindizes deutlich bergab. Technische Analysten sehen nun Aufwärtstrends gebrochen und rufen das Ende des monatelangen Kursaufschwunges aus. Andere Aktienstrategen wie Tobias M. Levkovich von der Citigroup in New York schließen gerade aus dem untypisch schlechten April, daß der Saisonverlauf an den Aktienmärkten diesmal anders sein muß.

          Damit geriete eine noch wetterfestere Börsenregel ins Wanken: der richtige Zeitpunkt für Anleger, aus der Sommerfrische zurückzukehren. August und September gelten als die schlechtesten Aktienmonate, in denen oft die gesamte, seit Juli aufgelaufenen Kursgewinne flötengehen. Zwischen Oktober und Jahresende indes kommt es unweigerlich zum Hoch und damit zur Jahresendrally, sagt die Statistik. Doch nach diesem schlechten April muß es einfach anders kommen. Entweder besser oder schlechter, das weiß keiner. Wenn Börse doch einfacher wäre.

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