https://www.faz.net/-gv6-98jy7

Facebook-Datenskandal : Absturz einer Internet-Ikone

Fachleute sehen infolge des Datenskandals attraktive Einstiegskurse für Facebook-Aktien. Bild: Reuters

Facebook-Aktien stehen an der Wall Street wegen des Datenskandals stark unter Druck. Viele Analysten wittern daher schon günstige Kaufgelegenheiten.

          Facebook ist aus einem exklusiven Börsenclub rausgeflogen. Anfang März gehörte der Internetkonzern zusammen mit den Technologiekonzernen Apple, Amazon, der Google-Muttergesellschaft Alphabet und Microsoft noch zu den fünf wertvollsten Unternehmen an der Wall Street. Nachdem der Datenskandal vor gut anderthalb Wochen bekanntgeworden war, schrumpfte der Börsenwert des sozialen Netzwerks an nur einem Tag um 35 Milliarden Dollar. Demnach hatte das britische Software-Unternehmen Cambridge Analytica den amerikanischen Präsidenten Donald Trump im Wahlkampf unterstützt, indem sie womöglich unerlaubterweise an die persönlichen Daten von bis zu 50 Millionen Facebook-Nutzern gekommen war.

          Norbert Kuls

          Freier Autor in der Wirtschaft.

          Das reichte, um Warren Buffetts Holding Berkshire Hathaway wieder an die fünfte Stelle auf der Rangliste amerikanischer Börsenriesen zu rücken. An der Reihenfolge hat sich seither nichts mehr geändert. Berkshire, ein Konglomerat von mehr als 80, zum Teil sehr großen Versicherungen und Unternehmen, kam zuletzt auf einen Börsenwert von 486 Milliarden Dollar. Facebook war nur noch 442 Milliarden Dollar wert.

          Der Druck auf Facebook reißt zudem nicht ab. Behörden und Politiker haben den erst 2012 an die Börse gegangenen Konzern unerbittlich ins Visier genommen. Facebook-Vorstandschef Mark Zuckerberg soll nach Medienberichten nun bereit sein, im amerikanischen Kongress eine Aussage zu machen. Der Sender CNN berichtete an diesem Dienstag, Facebook arbeite derzeit an einer Strategie für die Aussage Zuckerbergs. Die Nachrichtenagentur Bloomberg schrieb, er werde voraussichtlich vor dem Energie- und Handelsausschuss des Repräsentantenhauses erscheinen. Einem Auftritt vor britischen Parlamentariern erteilte Zuckerberg dagegen eine Absage.

          Am Montag hat die amerikanische Federal Trade Commission (FTC) in ihrer Funktion als Verbraucherschutzbehörde Presseberichte über Ermittlungen zum Datenschutz bei Facebook bestätigt. „Die FTC nimmt die jüngsten Presseberichte, die ernsthafte Bedenken hinsichtlich der Datenschutzpraktiken bei Facebook aufwerfen, sehr ernst“, sagte Tom Pahl, geschäftsführender Direktor der Verbraucherschutzabteilung der FTC. Diese agiert auch als Kartellbehörde.

          Sorge um stärkere Regulierung belastet den Markt

          Parallel dazu veröffentlichten 37 Justizminister amerikanischer Bundesstaaten parteiübergreifend einen Brief an den Facebook-Vorstandsvorsitzenden Mark Zuckerberg, in dem sie Antworten auf eine Reihe von Fragen zum Datenschutz bei Facebook forderten. Außerdem hat mit dem Justizausschuss des Senats schon das dritte Kongressgremium Zuckerberg zu einer Anhörung vorgeladen. Der Vorsitzende des Justizausschusses, Charles Grassley, schickte auch Sundar Pichai, dem Vorstandschef von Google, und Jack Dorsey, Chef des Kurznachrichtendienstes Twitter, eine Einladung.

          Der Aktienkurs von Facebook fiel daraufhin am Montag um weitere fast 7 Prozent. Im weiteren Verlauf des Handels erholte sich der Kurs aber wieder und beendete die allgemein deutlich festere Börsensitzung leicht im Plus. An diesem Dienstag ging es abermals abwärts. Der Aktienkurs sackte um fast 5 Prozent auf 152,19 Dollar ab.

          Im Vergleich zum Jahresanfang hat sich der Kurs der Facebook-Aktie um knapp 14 Prozent ermäßigt. Rund drei Viertel dieser Verluste stammen aus der vergangenen Woche, gehen also auf die eskalierenden Meldungen zum Datenskandal zurück. Die Sorgen um eine stärkere Regulierung der Internetriesen belasteten zwischenzeitlich auch andere Titel wie Alphabet und Twitter. Das führte – neben der Sorge um einen Handelskrieg zwischen Amerika und China – zu allgemein starken Schwankungen am Aktienmarkt, weil die im Aktienindex S&P 500 stark gewichteten Technologieunternehmen die Führungsrolle in der Börsenhausse übernommen hatten.

          Facebook

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Zuckerberg hatte nach mehrtägigem Schweigen in der vergangenen Woche einen „großen Vertrauensbruch“ eingestanden und sich öffentlich entschuldigt. In Deutschland teilte Bundesjustizministerin Katarina Barley nach einem Treffen mit Facebook-Vertretern mit, dass das Unternehmen Nutzer informieren werde, deren Daten missbraucht wurden.

          Facebook steht zweifellos im Zentrum der Debatte um die Verwendung von Nutzerdaten. Analysten zweifeln dennoch nicht an den langfristigen Erfolgsaussichten des Unternehmens. Colin Sebastian vom Vermögensverwalter Baird nahm am Montag zwar sein Kursziel für die Aktie von Facebook von 225 auf 210 Dollar zurück. Damit unterstellt er aber immer noch ein im Vergleich zum S&P 500 überdurchschnittliches Kurspotential von fast 40 Prozent. Zuletzt wurden die Facebook-Titel um 160 Dollar gehandelt. Sebastian glaubt wie andere Analysten an der Wall Street zwar, dass Facebook wegen der Kontroverse etwas weniger genutzt wird und deswegen auch weniger Anzeigen auf Facebook geschaltet werden. Anzeigen sind die Haupteinnahmequelle von Facebook. „Es gibt Belege dafür, dass ein paar Werber zeitweilig ihre Ausgaben bei Facebook reduzieren werden“, schrieb Sebastian in einem Bericht. „Wir glauben aber, dass diese Zurückhaltung der Werbetreibenden nicht lange währt, weil es nur wenig Kanäle gibt, wo sich Werbung so stark lohnt wie bei Facebook.“

          Analyst Michael Graham von der kanadischen Investmentbank Canaccord Genuity hat am Montag sowohl seine Kaufempfehlung als auch sein Kursziel von 240 Dollar für Facebook bestätigt – was einen möglichen Kurssprung um fast 60 Prozent unterstellt. „Manchmal bieten Marktentwicklungen Investoren die Gelegenheit, starke Unternehmen mit Rabatt zu kaufen, wenn Aktienkurse wegen Nachrichten oder Vorkommnissen fallen, die langfristig wahrscheinlich keine Auswirkungen haben“, meint Graham.

          Die Ereignisse der vergangenen Woche würden zwar die Schlagzeilen weiter bestimmen, mittelfristig aber nur „minimale Folgen für das Geschäft von Facebook“ haben. „Wir gehen davon aus, dass das attraktive Einstiegskurse für Facebook-Aktien sind.“ Das ist eine mutige Prognose, weil zu erwarten ist, dass weitere kursbewegende und kritische Nachrichten angesichts der immer medienwirksam inszenierten Anhörungen in Washington bevorstehen. Boris Schlossberg, Marktstratege beim Vermögensverwalter BK Asset Management, empfiehlt Anlegern daher abzuwarten: „Die Aktie ist zweifellos radioaktiv.“

          Die digitale F.A.Z. PLUS
          F.A.Z. Edition

          Die digitale Ausgabe der F.A.Z., für alle Endgeräte optimiert und um multimediale Inhalte angereichert

          Mehr erfahren

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.