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EZB zur Inflation : „Entwarnung wäre voreilig“

Ändert sich der Ton in der EZB zum Thema Inflation und Anleihekäufe? Bild: dpa

Die Europäische Zentralbank ringt um die Frage, wie lange die höhere Inflation anhalten wird. Daran hängt auch die Zukunft ihrer Anleihekäufe.

          3 Min.

          Die Frage, wie dauerhaft der Anstieg der Inflationsraten in Europa ausfällt, bewegt offenbar auch die Europäische Zentralbank (EZB). Mehrere Mitglieder des EZB-Rats, des obersten geldpolitischen Gremiums der Notenbank, äußerten sich dazu jetzt öffentlich.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der französische Notenbankchef François Villeroy de Galhau sagte am Donnerstag auf einer Online-Konferenz, er erwarte schon im kommenden Jahr eine Entspannung. „Die Inflation dürfte weitgehend binnen eines Jahres wieder unter zwei Prozent fallen.“

          Hingegen hob Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel in einer Rede hervor, obwohl man in der Tat im kommenden Jahr eine gewissen Entspannung der Preisentwicklung erwarte, könnte der Inflationsdruck hoch bleiben: „Es wäre voreilig zu behaupten, dass die derzeitige Preisdynamik nächstes Jahr völlig abklingen wird.“

          Die Deutsche Bundesbank hatte zuletzt in ihrem Monatsbericht die Ansicht vertreten, auch Mitte nächsten Jahres dürften die Inflationsraten in Deutschland noch oberhalb von 2 Prozent liegen.

          „Wie lange der Inflationsdruck anhält, hängt letztlich davon ab, ob sich der durch die Pandemie aufgewirbelte Staub im Zuge der wirtschaftlichen Erholung weiter legt“, sagte Schnabel. Es gebe mehrere Unsicherheitsfaktoren, die zu einem anhaltenden Inflationsdruck führen könnten.

          „Bei unserer Einschätzung der mittelfristigen Inflationsaussichten halten wir den Finger in den Wind, um festzustellen, ob sich die Brise als langlebiger erweisen wird als nur ein vorübergehender Windstoß“, sagte Schnabel. Es sei auch möglich, dass die Pandemie strukturelle Trends verändert oder verstärkt habe und damit die Inflationsdynamik in den kommenden Jahren beeinflusse: „Die bemerkenswerte Beschleunigung der Digitalisierung und die zunehmenden Anstrengungen zur Bekämpfung des Klimawandels sind Beispiele dafür.“

          Schnabel nannte als Beispiel für Aufwärtsrisiken für die Inflation, dass der derzeitige Inflationsanstieg zu einer dauerhafteren Aufwärtskorrektur der Erwartungen hinsichtlich der nominalen Kosten und der Inflation führen könne. Außerdem könnte die Pandemie Verhaltensänderungen ausgelöst haben, die Rigiditäten auf mikroökonomischer Ebene, wie beispielsweise Lohn- und Preisstarrheit, dauerhaft beeinflussten.

          Eine Überreaktion der Notenbank auf den Inflationsanstieg wäre schädlich, meinte Schnabel. Überwiegend sei er eine vorübergehende Folge der Pandemie. „Dennoch besteht nach wie vor große Unsicherheit darüber, wie anhaltend sich einige der derzeitigen Preisbelastungen erweisen werden.“ Die EZB werde daher die Inflationsentwicklung im Euroraum weiterhin sorgfältig beobachten und dabei insbesondere auf Zweitrundeneffekte achten, um festzustellen, ob der Gegenwind, der die Inflation während eines Großteils des vergangenen Jahrzehnts gedrückt habe, noch immer vorhanden sei - oder ob er sich im Gefolge der Pandemie umkehren könnte.

          Es geht um die Anleihekäufe

          Hintergrund der Äußerungen sind offenbar auch unterschiedliche Auffassungen im EZB-Rat darüber, wie man künftig mit den Anleihekaufprogrammen umgehen soll. EZB-Präsidentin Christine Lagarde hatte nach der September-Sitzung des EZB-Rates gesagt, darüber werde man jetzt nachdenken und im Dezember entscheiden. Die Notenbank hatte zunächst nur beschlossen, das Tempo der Anleihekäufe zu verringern.

          In dieser Woche machten Spekulationen die Runde, die Notenbank könnte das Krisenprogramm PEPP wie geplant im März auslaufen lassen und im Gegenzug das langfristige Anleihekaufprogramm APP etwas aufstocken, um ein „Kliff“, eine allzu abrupte Reduzierung der Anleihekäufe zu verhindern.

          Die Investmentbank Goldman Sachs hatte die Auffassung vertreten, es sei unwahrscheinlich, dass die Notenbank Ende März kommenden Jahres, wenn das Krisenprogramm ausläuft, keine weiteren Maßnahmen ergreift und nur noch Anleihen für 20 Milliarden Euro im Monat nach dem längerfristigen Kaufprogramm APP kaufen wird. Es werde eine Übergangsregelung geben. Entweder hebe die EZB die monatlichen Anleihekäufe des APP vorübergehend an oder führe für die Übergangszeit ein neues Programm ein - oder sie verlängere doch das Krisenprogramm noch etwas.

          Interessante EZB-Protokolle

          Unterdessen zeigten die am Donnerstag veröffentlichten Protokolle der September-Sitzung des EZB-Rates, dass die Währungshüter bei der Nachjustierung des Corona-Notprogramms die Markterwartung eines Endes dieser Wertpapierkäufe im Frühjahr mit ins Kalkül einbezogen haben. Das war offenbar Diskussionsgegenstand bei der Entscheidung, die Anleihenkäufe für das vierte Quartal gegenüber den beiden Vorquartalen moderat zu verringern.

          Dabei wurde von einigen Währungshütern argumentiert, dass das von der EZB angestrebte „freundliche Finanzierungsumfeld“ bislang nicht unter der Erwartung des Auslaufens des Programms gelitten habe. Daher könne man darauf vertrauen, dass auch die Nachjustierung keine unangemessene Verschärfung der Marktzinsen hervorrufen werde.

          „Was die Inflationseinschätzung anbelangt, so hat sich der Ton eindeutig von einer sehr unkritischen Haltung im Sommer zu einer ausgewogeneren Sichtweise gewandelt“, kommentierte ING-Ökonom Carsten Brzeski. Zwar tendiere die EZB nach wie vor eher zu dem Szenario, dass der diesjährige Inflationsschub nur vorübergehend sei und die mittelfristigen Inflationsprognosen immer noch weit unter dem 2-Prozent-Ziel der EZB lägen. „Doch wurden im Protokoll einige Zweifel geäußert“, hob Brzeski hervor.

          So heißt es in den Aufzeichnungen, dass sowohl die Gesamtinflation als auch die Kerninflation im Vergleich zu den jüngsten EZB-Projektionen nach oben überrascht hätten und dass dies Zweifel daran aufkommen lasse, wie gut die Modelle, auf die sich die Projektionen stützen, in der Lage seien, das aktuelle Wirtschaftsgeschehen, die durch die Pandemie bedingten strukturellen Veränderungen und die Auswirkungen der neuen geldpolitischen Strategie der EZB zu erfassen.

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