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Messung von Inflation : Die EZB und das teure Gemüse

Der Preisanstieg bei Obst und Gemüse gehörte zu den vielen unerfreulichen Erfahrungen in der Corona-Krise. Bild: dpa

Die EZB befasst sich diese Woche damit, ob die Inflation wohl richtig gemessen wird. Es könnten durchaus manche Änderungen in dieser wichtigen Frage anstehen.

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          An diesem Mittwoch soll es losgehen, so hat es Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) auf ihrer vorigen Pressekonferenz angekündigt. Die Notenbank will sich in ihrer „Strategic Review“, dem Prozess der strategischen Neuausrichtung, nicht nur mit der Frage beschäftigen, ob sie es der amerikanischen Notenbank Federal Reserve gleichtun und ihr Inflationsziel von „unter aber, nahe 2 Prozent“ gegen ein neues austauschen soll. Sie will sich auch mit der spannenden Frage beschäftigen, ob die Inflation in der Eurozone eigentlich richtig gemessen wird.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Kritik an der Inflationsmessung gibt es zuhauf. In der Corona-Krise hat sie noch einmal neue Nahrung bekommen. Wenn die gemessene Inflationsrate während des Shutdowns sehr niedrig war, dann auch deshalb, weil beispielsweise Benzin günstig war, als kaum jemand mit dem Auto fuhr – während Dinge wie Lebensmittel, die man weiterhin dringend brauchte, kräftig teurer wurden.

          Auch dass das selbstgenutzte Wohneigentum im Euroraum nicht mit in die Inflationsmessung einfließt, ist immer wieder kritisiert worden, weil die Menschen gerade bei den Immobilienpreisen deutliche Preissteigerungen beobachten. Manche gehen noch weiter und meinen, der Anstieg der Vermögenspreise insgesamt sei auch ein Zeichen von Inflation und müsse berücksichtigt werden.

          Bei manchen Punkten könnte es Korrekturen geben

          Was aber kann man realistischer Weise erwarten, was die EZB jetzt in der Inflationsmessung ändern wird? Dass sie grundsätzlich alle Vermögenspreise mit einbezieht, wie manche fordern, scheint ausgeschlossen. Das würde dem Grundansatz der Messung der Teuerung als dem Anstieg der Preise von Gütern und Dienstleistungen widersprechen. Schwer vorstellbar etwa, dass es dann zu den Aufgaben der EZB gehören sollte, das Preisniveau von Aktien stabil zu halten.

          Hingegen scheint gut denkbar, dass die Kosten für selbst genutzte Immobilien stärker berücksichtigt werden. EZB-Präsidentin Christine Lagarde habe das Thema ebenso schon angesprochen wie EZB-Chefvolkswirt Philip Lane oder Bundesbankpräsident Jens Weidmann, sagte Michael Schubert, EZB-Fachmann der Commerzbank: „Alle halten die Einbeziehung dieser Kosten offenbar für eine gute Idee.“ Allerdings könne die EZB diese Berechnung nicht allein ändern, sondern das nur den Statistikbehörden vorschlagen. Und bei denen tauchte bislang schon die Schwierigkeit auf, dass die Kosten für selbstgenutztes Wohneigentums nicht ganz leicht zu ermitteln sind. Bundesbank-Präsident Weidmann hatte zudem gemeint, die langfristigen Wirkungen dieser Umstellung würden überschätzt – die Inflationsraten fielen dadurch vor allem vorübergehend höher aus.

          Während die EZB kaum dazu übergehen dürfte, die „gefühlte“ oder „wahrgenommene“ Inflation insgesamt als Maßstab für ihre Geldpolitik heranzuziehen, könnte eine breitere Betrachtung von Inflation über unterschiedliche Mess-Möglichkeiten durchaus ein Weg sein. Volker Wieland, Professor für monetäre Ökonomie in Frankfurt, meint: „Der Harmonisierte Verbraucherpreisindex allein ist als Maß für die Inflation sehr eng gefasst.“ Es mache zwar Sinn, ein numerisches Inflationsziel nur für ein bestimmtes Maß zu setzen. „Aber trotzdem sollte die EZB die Inflation breiter in den Blick nehmen.“

          Es müsse um die Entwicklung der Preise von Gütern und Dienstleistungen insgesamt gehen. Beispielsweise könnte die EZB den sogenannten BIP-Deflator mit hinzuziehen, dessen Entwicklung nicht so stark am Ölpreis hänge wie die Entwicklung des Verbraucherpreisindex. Stattdessen berücksichtige er alle Güter und Dienstleistungen, die im Euro-Raum produziert würden. „Vermögenspreise allerdings sollte man bei der Definition der Preisstabilität außen vor lassen“, meint Wieland. „Stattdessen sollte bei der Risikoanalyse der Geldpolitik darauf geachtet werden, dass die Geldpolitik nicht selbst zu Übertreibungen bei Vermögenspreisentwicklungen Anlass gibt.“

          Umfragen könnte eine stärkere Rolle spielen

          Umfragen über die Inflationserwartungen in der Bevölkerung könnten für die EZB in Zukunft neben den Erwartungen der Finanzmärkte eine stärkere Rolle spielen, meint Stefan Bielmeier, Chefökonom der DZ Bank. Das habe EZB-Chefvolkswirt Philip Lane schon erkennen lassen. Allerdings dürften diese Inflationserwartungen der Bürger „recht viel statistisches Rauschen“ enthalten, meint Bielmeier. „Das hängt damit zusammen, dass die Inflationswahrnehmung der Bürger beispielsweise recht stark mit der Entwicklung der Spritpreise an den Tankstellen korreliert sind.“ Zudem könnte unklar sein, wie die EZB die verschiedenen Faktoren der Messung der Inflationserwartungen gewichte – da sei Transparenz nötig.

          EZB-Direktoriumsmitglied Isabel Schnabel selbst hatte sich unlängst in einer Rede mit der Erfahrung von teurem Gemüse trotz niedriger ausgewiesener Inflation befasst. Sie hatte dabei allerdings eher das bestehende Verfahren im Grundsatz verteidigt. „Man weiß, dass die gefühlte Inflation häufig von der abweicht, die wir messen“, sagte Schnabel. „Das hat damit zu tun, dass wir die Inflationsrate ja über einen Warenkorb messen.“ Der enthalte Hunderte von Gütern.

          „Aber wenn es um die gefühlte Inflation geht, dann ist es so, dass man die Preise von Gütern besonders gut beobachtet, die man häufig konsumiert - das sind dann zum Beispiel Lebensmittel.“ Die seien tatsächlich in den letzten Monaten vergleichsweise stark im Preis gestiegen, räumte Schnabel ein: „Aber andere Güter wie langlebige Konsumgüter haben sich tatsächlich im Preis nach unten entwickelt - aber das nehmen wir nicht so wahr, weil wir sie nicht so häufig konsumieren.“ 

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