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EZB-Tender : Banken horten 777 Milliarden Euro bei der EZB

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Die Angst der Finanzinstitute: Es ist ein untrügliches Zeichen für das Misstrauen unter Europas Banken, wenn sie ihre überschüssige Liquidität bei der Europäischen Zentralbank (EZB) zu unattraktiven Zinskonditionen parken. Denn dieses Geld wird anderen Wettbewerbern nicht zur Verfügung gestellt. Zwar ist die Risikoprämie am Geldmarkt infolge der EZB-Geldschwemme deutlich gesunken. Sie ist aber weiterhin gut dreimal so hoch wie in krisenfreien Zeiten. Bild: F.A.Z.

Die eintägigen Einlagen der Geschäftsbanken bei der EZB sind auf einen Rekordwert gesprungen. Die Übernacht-Einlagen stiegen am Freitag um mehr als 300 Milliarden Euro auf 776,9 Milliarden Euro.

          Europas Banken haben bei der Europäischen Zentralbank (EZB) vor dem Wochenende so viel Geld wie noch nie geparkt. Die Übernachteinlagen bei der Notenbank erreichten mit 777 Milliarden Euro ihr mit Abstand höchstes Niveau. Am Mittwoch hatte die EZB den Banken für die außergewöhnlich lange Laufzeit von drei Jahren 530 Milliarden Euro zum Leitzins von 1 Prozent zur Verfügung gestellt, um ein Austrocknen des Geldmarktes zu verhindern. Da die Übernachteinlagen nur mit 0,25 Prozent verzinst werden, nehmen einige Banken in Europa also einen Zinsverlust in Kauf, statt die Mittel an Wettbewerber zur verleihen.

          „Die Situation ist angespannt und das wird sich auch nicht ganz so schnell lösen“, sagte Michael Kemmer, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), im Gespräch mit der F.A.Z. Seiner Ansicht nach vertrauen die Banken sich untereinander noch nicht völlig. Dass mit dem neuen Dreijahrestender das Vertrauen schlagartig zurückkehre, sei nicht zu erwarten gewesen. Nach Berechnung der Commerzbank-Analysten stellt die EZB den Banken über verschiedene Instrumente derzeit fast 1,2 Billionen Euro zur Verfügung. Dies sei das Dreifache ihres Liquiditätsbedarfs. Kurz vor Weihnachten hatte die EZB in ihrem ersten Dreijahrestender schon 489 Milliarden Euro zugeteilt.

          Target-Saldo steigt auf 547 Milliarden

          Am Freitag meldete die Bundesbank einen Rekordwert für ihren sogenannten Target-Saldo: Er schnellte im Februar von 498 auf 547 Milliarden Euro. Das Target-System enthält Forderungen der Bundesbank an die EZB.

          Der Anstieg deutet auf verstärkte Kapitalflucht aus den Peripherieländern hin. Jüngst hatte Bundesbank-Präsident Jens Weidmann auf wachsende Risiken aus den Target-Ungleichgewichten hingewiesen und eine Verschärfung der Sicherheitenregeln gefordert.

          Brasilien: Tsunami aus billigem Geld
           

          Die brasilianische Staatspräsidentin Dilma Rousseff warnte am Freitag vor einem „Währungskrieg“. Der „Tsunami an billigem Geld“ in den Industriestaaten bereite den Schwellenländern Probleme. „Wir haben einen Währungskrieg auf Grundlage einer expansiven Geldpolitik, die ungleiche Wettbewerbsbedingungen schafft“, sagte Rousseff. „Genau das müssen wir verhindern“, entgegnete Bundeskanzlerin Angela Merkel zum Abschluss des EU-Gipfels in Brüssel. Sie äußerte Verständnis für die Sorgen Brasiliens und will mit Rousseff bei ihrem Treffen am Montag in Hannover darüber sprechen.

          EZB-Präsident Mario Draghi soll vor den 27 Staats- und Regierungschefs auf dem EU-Gipfel einen dritten Dreijahrestender ausgeschlossen haben. Dies berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf einen Teilnehmer des EU-Gipfels. Zuvor hatte sich Draghi zufrieden mit dem Ergebnis des zweiten Tenders gezeigt. Er hatte die beiden Geldleihen für drei Jahre mehrmals als Ausnahme bezeichnet. Es handele sich um ein Kriseninstrument, betonte BdB-Hauptgeschäftsführer Kemmer. Sobald sich die Krise entspannt habe, müssten die Mittel rasch wieder eingesammelt werden.

          Aufschlag für Kredite unter Banken Bilderstrecke

          Die amerikanische Investmentbank Goldman Sachs empfahl europäische Bankaktien am Freitag zum Kauf. Der Dreijahrestender verbessere die Liquiditätslage und verringere mittelfristig die Wahrscheinlichkeit des Zusammenbruchs einer größeren europäischen Bank. Rund zwei Drittel der am Mittwoch zugeteilten 530 Milliarden Euro sollen an Banken in Italien, Spanien und Frankreich gegangen sein. Allein italienische Banken sollen 139 Milliarden Euro abgerufen haben.

          Italienische und spanische Banken haben Mittel aus dem ersten Dreijahrestender verstärkt in Staatsanleihen ihrer Länder investiert. Sie können über diese sogenannten „Carry-Trades“ attraktive Zinsgewinne erzielen. Die Banken aus den beiden Ländern hatten wegen der Staatsschuldenkrise große Probleme, sich am Kapitalmarkt zu refinanzieren. „Die EZB-Maßnahme ist insbesondere für die Banken in den Euro-Krisenländern gedacht, die sich in einer schwierigen Lage befinden“, sagte BdB-Hauptgeschäftsführer Kemmer.

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