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EZB-Stresstest : Viele Banken schlecht für Liquiditätskrise gewappnet

Wacht am Main: EZB-Hochhaus in Frankfurt vor der Skyline des Bankenviertels Bild: dpa

Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank haben getestet, wie lange führende Kreditinstitute mit ihren eigenen Geldreserven im Fall einer großen Krise durchhalten. Die Ergebnisse geben Anlass zum Nachdenken.

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          Die Aufseher über die wichtigsten und größten Banken im Euroraum geben sich zufrieden, aber ihr jüngster Stresstest gibt durchaus Anlass zur Besorgnis. Rund die Hälfte der 103 Institute, die an dem Test auf Widerstandsfähigkeit gegen simulierte Liquiditätsschocks teilnahmen, hätten mehr als sechs Monate mit ihren vorhandenen Finanzmittel überlebt. In einem extremen Belastungsszenario mit Kapitalabflüssen, „ausgetrockneten Märkten“ und Rating-Herabstufungen hätte eine Hälfte mehr als vier Monate mit vorhandenen Finanzmitteln durchgehalten, teilte die Europäische Zentralbank (EZB) am Montag in Frankfurt mit. Das heißt aber auch: Die andere Hälfte wäre wohl illiquide geworden; zumal Banken, die sich in einer aus Kapitalnot angestoßenen Restrukturierung befinden wie die Nord LB in Hannover, im Test außen vor blieben.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die von der EZB-Bankenaufsicht üblicherweise herangezogenen Liquiditätskennziffern zielen darauf ab, dass Banken 30 Tage überleben können. Aber die Aufseher wollten es in diesem Test genauer wissen und weiteten die „Überlebensperiode“ aus. Als eine Folge des Stresstests müssen die Banken, darunter überproportional viele größere Banken, nun 25 Prozent ihrer Datenberichterstattung an die EZB über ihre Liquiditätshaltung anpassen und verbessern. Das passt in eine Zeit, in der gerade am amerikanischen Markt für kurzfristige Geldausleihungen der Banken untereinander erstmals seit der Finanzkrise vor zehn Jahren dermaßen hohe Zinsen und so viel Misstrauen herrschen, dass die Notenbank Fed mehrmals mit Geldspritzen eingreifen musste.

          Wenig überraschend kommen die EZB-Bankenaufseher zu dem Schluss, dass Banken mit hohen Privatkundeneinlagen weniger gefährdet sind, illiquide zu werden, denn Privatkunden ziehen ihre Einlagen selten schnell ab. Gefährdeter dagegen sind Großbanken mit kleinem Privatkundengeschäft, die sich vor allem über den Fremdkapitalmarkt mit Anleihen finanzieren. Intensiv beschäftigten sich die Aufseher daher mit den Illiquiditätsgefahren gerade für solche Banken, die etwa viele Dollar-Finanzierungen ausgeben, selbst aber kaum nennenswert Privatkundengeschäft in den Vereinigten Staaten haben und ihre Währungsrisiken weitgehend über Terminkontrakte (Swaps) absichern. Dies sehen die Aufseher kritisch, denn in extremen Situationen könne selbst dieser üblicherweise überaus liquide Swap-Währungsmarkt illiquide werden.

          Banken unterschätzten darüber hinaus die Schwierigkeit, in dem Moment an Geld zu kommen, wenn Rating-Agenturen ihre Kreditwürdigkeit herabstuften. Besonders Banken, denen das in einer schwierigen Lage noch nicht passiert sei, unterschätzten die Folgen einer Rating-Herabstufung, heißt es.

          Die EZB will die Ergebnisse ihres Liquiditäts-Stresstests mit den Banken besprechen und in die jährliche Bankenprüfung einfließen lassen. Sie sollen allerdings nicht automatisch Einfluss auf die Eigenkapitalanforderungen haben. 2020 will die EZB außerdem den Abbau fauler Kredite bei den Großbanken zu einer ihrer Hauptaufgaben in der Bankenaufsicht machen. Die Konjunkturabkühlung und der Brexit machten weitere Kreditausfälle wahrscheinlich. Tatsächlich haben viele deutsche Banken, nach dem ersten Halbjahr 2019 schon ihre Risikovorsorge erhöht. Ende des ersten Quartals hatten die großen Banken der Euro-Zone schon notleidende Kredite im Volumen von 587 Milliarden Euro ausgewiesen.

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