https://www.faz.net/aktuell/finanzen/ezb-ruft-banken-wegen-kreditrisiken-zur-vorsicht-auf-17090398.html

Drohende Verluste : EZB ruft Banken zur Vorsicht auf

Der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria. Bild: EPA

Die Aufseher sorgen sich, dass manche Institute für die in der Pandemie drohenden Kreditausfälle zu wenig vorsorgen.

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          Europas Bankenaufseher erhöhen den Druck: Die Europäische Zentralbank (EZB) ermahnt in einem Schreiben die Vorstandschefs der 113 von ihr direkt beaufsichtigten Banken im Umgang mit Kreditrisiken zu mehr Vorsicht angesichts steigender Unternehmensinsolvenzen in der Pandemie. In einem im Internet veröffentlichten Brief forderte der Chef der EZB-Bankenaufsicht, Andrea Enria, die Institute auf, diese Risiken angemessen zu beurteilen und einzustufen sowie in den Bilanzen ausreichend vorzusorgen.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          In einem parallel zu Enrias Schreiben veröffentlichten Blog-Beitrag wies Elizabeth McCaul, Mitglied des EZB-Aufsichtsgremiums, auf die unterschiedlichen Praktiken in den europäischen Banken hin. So gebe es eine Gruppe, die noch abwarte und geringe Rückstellungen für die drohenden Kreditausfälle bilde. Eine andere beschränke sich auf pauschale, allgemeine Wertberichtigungen, gehe aber nicht auf die einzelnen Risiken der Schuldner ein. Schließlich gibt es auch Banken, mit denen die EZB-Aufseher zufrieden sind, weil diese schon jetzt die Kreditrisiken sehr detailliert einschätzten und danach Rückstellungen bildeten.

          In den vergangenen Wochen ist Enria nicht müde geworden, die Banken vor den noch ausstehenden Schäden der Corona-Pandemie zu warnen. Denn in einem schweren Konjunktureinbruch, den die EZB mit einem Rückgang der Wirtschaftsleistung (Bruttoinlandsprodukt; BIP) im laufenden Jahr von 10 Prozent beschreibt, hält der Italiener einen Anstieg der notleidenden Kredite auf 1,4 Billionen Euro für möglich. Derzeit liegen in den Bankbilanzen 503 Milliarden Euro an faulen Krediten. Im November 2014 als die EZB-Bankenaufsicht an den Start ging, waren es mehr als 1 Billion Euro.

          Bild: EZB; Moody’s

          Enria macht sich daher stark für Abwicklungsplattformen, die sogenannten Bad Banks. Seiner Ansicht nach soll ein europäischer Verbund dieser Plattformen den Banken die faulen Kredite abnehmen und am Markt weiterverkaufen. Die Finanzierung solle mit europäischen Mitteln unterstützt werden. Zugleich solle die Preisfindung für die Übertragung der Kredite europäisch geregelt werden. Doch angesichts hoher Altlasten an notleidenden Krediten in den Bilanzen italienischer und griechischer Banken kann dieser Vorschlag in Deutschland wegen einer Vergemeinschaftung von Risiken auf Bedenken stoßen.

          Warnungen kamen am Montag aus Basel von der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ): Sie fürchtet, die hohen Bewertungen an den Aktien- und Anleihemärkten hätten sich von den unsicheren Konjunkturaussichten abgekoppelt. In ihrem Quartalsbericht verweist die „Bank der Zentralbanken“ vor allem auf die strengeren Kreditvergabestandards der Banken, die Ergebnis einer in der Corona-Krise größeren Vorsicht seien. Auf der anderen Seite hätten die Käufe von Unternehmensanleihen durch die Notenbanken, die Kurse der Papiere steigen lassen und die Risikoaufschläge gedrückt.

          Auch die Banken sind sich der wachsenden Kreditrisiken bewusst. Vor dem Wochenende erklärte Gerhard Hofmann, Vorstandsmitglied im Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken, dass nach dem Ende der Aussetzung der Insolvenzantragspflicht für überschuldete Unternehmen am Jahresende die Unternehmensinsolvenzen mit hoher Wahrscheinlichkeit deutlich steigen würden: „Wir rechnen derzeit für 2021 mit einer um 20 bis 30 Prozent höheren Zahl an Insolvenzen.“

          Keine Bankenkrise herbeireden

          Hofmann verwies auf eine Einschätzung der Deutschen Bundesbank, wonach dies für die Banken in Deutschland verkraftbar sein dürfte. Hofmann, der früher leitender Bankenaufseher der Bundesbank war, wies auf die besondere Verantwortung von Aufsehern bei öffentlichen Äußerungen in dieser Phase hin. Denn es sollte nicht der Eindruck vermittelt werden, die nächste systemische Bankenkrise stehe unmittelbar bevor.

          Nach den Nachrichten zu Corona-Impfstoffen hätten sich die Kapitalmärkte im November deutlich erholt, schreibt die in Basel ansässige BIZ, die für Notenbanken Devisenreserven verwaltet und als ökonomische Denkfabrik gilt. Doch nun befänden sich die Bewertungen oberhalb oder nahe der Niveaus vor der Pandemie. Schon damals seien mögliche Überbewertungen ein Thema gewesen, sagte BIZ-Chefvolkswirt Claudio Borio. Als Gründe nannte er die sehr expansive Geldpolitik der Notenbanken und die Jagd der Investoren nach Rendite, was zu einem höheren Risikoappetit führt. Auch Borio rechnet mit mehr Unternehmensinsolvenzen.

          Seiner Ansicht nach sind die Institute mit starken Bilanzen in die Corona-Krise gegangen. Sie dienten nun als ein Puffer für die Wirtschaft, weshalb sie auch weiterhin über ausreichende Ressourcen, also Kapital und Liquidität, verfügen müssten. Dazu haben Aufsichtsbehörden wie die EZB den Banken Eigenkapitalerleichterungen zugestanden, damit sie auch weiterhin Kredite vergeben können. Borio kann die von den Aufsehern verlangte Zurückhaltung mit Blick auf Dividendenzahlungen nachvollziehen. Die Investoren mögen darüber nicht glücklich sein, würden aber in ernsthaften Schieflagen ebenfalls leiden. Ob die Banken in eine Krise geraten können, macht Borio vom Verlauf der Pandemie abhängig.

          Nach der Konjunkturprognose der EZB am 10. Dezember wollen die Aufseher darüber entscheiden, ob ihre Empfehlung an die Banken, auf Dividendenzahlungen und Aktienrückkäufe in der Corona-Krise zu verzichten, über das Jahresende hinaus verlängert oder stattdessen zu einer institutsspezifischen Betrachtung übergegangen wird. Enrias mahnende Worte dürften nun Hoffnungen auf eine Lockerung der Dividendensperre dämpfen. Diese kamen in den vergangenen Wochen auf, nachdem sich führende EZB-Vertreter wie die Direktoren Yves Mersch und Fabio Panetta sowie Frankreichs Notenbankgouverneur François Villeroy de Galhau für ein stärker an den jeweiligen Instituten ausgerichtetes Vorgehen ausgesprochen hatten.

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