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Schwache Gemeinschaftswährung : „Die EZB riskiert, den Euro als Weichwährung zu diskreditieren“

Schlechte Zeiten zum Geldwechseln: Für einen Euro gibt es nur noch einen Dollar. Bild: AP

Der Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Bantleon Hartmann kritisiert die EZB für ihre zögerliche Haltung in der Inflationsbekämpfung. Der Trend drohe sich dauerhaft zu verfestigen.

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          Eine Erholung für den Euro ist nicht in Sicht. Auch am Donnerstag pendelte die Gemeinschaftswährung um die Paritätsmarke, also um einen Kurs von 1,00 Dollar je Euro. Warum die amerikanische Währung derzeit stark und der Euro schwach ist, dafür gibt es zwei wesentliche Gründe. Zum einen bevorzugen institutionelle Investoren den Dollar in dem derzeit von Inflations- und Rezessionssorgen verunsicherten Marktumfeld. Zum anderen weisen Dollar-Anlagen einen Zinsvorteil auf: Die Rendite der zehnjährigen US-Staatsanleihe liegt um 1,7 Prozentpunkte höher als die der entsprechenden Bundesanleihe. Dieser Spread hatte im Mai und April schon über 2 Prozentpunkte gelegen und maßgeblich zum Kursverlust des damals noch mit 1,08 Dollar bewerteten Euro beigetragen.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Für die Euro-Schwäche macht Daniel Hartmann, Chefvolkswirt des Schweizer Vermögensverwalters Bantleon, die zögerliche Haltung der Europäischen Zentralbank (EZB) verantwortlich. In der Inflationsbekämpfung geht die US-Notenbank Fed mit ihren Zinserhöhungen deutlich entschlossener vor. Der Fed-Chef von Atlanta, Raphael Bostic, schließt eine Zinsanhebung um einen ganzen Prozentpunkt für die nächste Zinssitzung Ende Juli nicht mehr aus, nachdem die Inflation im Juni auf 9,1 Prozent gestiegen war. Auf der jüngsten Sitzung im Juni hatte die Fed eine Anhebung um 0,75 Punkte auf die Spanne von 1,50 bis 1,75 Prozent vorgenommen.

          „Auf dem Weg zur italienischen Lira“

          Dagegen hält EZB-Präsidentin Christine Lagarde trotz einer Inflation von 8,6 Prozent im Juni an einem Einlagensatz von minus 0,5 Prozent noch fest. Nächsten Donnerstag soll dieser um 0,25 Prozentpunkte oder 25 Basispunkte angehoben werden. Selbst Banken verlieren die Geduld. So hat in dieser Woche die Präsidentin des Bundesverbands der Volks- und Raiffeisenbanken (BVR), Marija Kolak, von der EZB einen deutlichen Zinsschritt von einem halben Prozentpunkt gefordert.

          Für Bantleon-Chefvolkswirt Hartmann hat die EZB die Chance verpasst, in der Inflationsbekämpfung Reputation aufzubauen. „Mit ihrem zögerlichen Kurs riskiert die EZB jedoch, den Euro langfristig als Weichwährung zu diskreditieren“, schreibt er in seinem am Donnerstag veröffentlichten Kommentar, der den Titel „Der Euro ist auf dem Weg zur italienischen Lira“ trug.

          EUR/USD

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          Auf Parität zum Schweizer Franken ist der Euro schon vor Wochen gesunken. Hartmann kritisiert die EZB, dass sie anstelle der Preisstabilität Rücksicht auf die südeuropäischen Länder nehme. So plant die EZB ein Instrument, um die Renditen der Staatsanleihen innerhalb der Währungsunion nicht zu weit auseinanderdriften zu lassen. Am Donnerstag stieg der Risikoaufschlag italienischer Staatsanleihen zu Bundesanleihen in der zehnjährigen Laufzeit auf gut 2 Prozentpunkte, was an den Anleihemärkten mit der Regierungskrise in Rom begründet wurde.

          Hartmann befürchtet, dass sich die aktuelle Unterbewertung zum Dollar auf Dauer verfestigen könne. Seiner Ansicht nach sind solche Abwertungsstrategien nicht erfolgversprechend, sondern führen zu Wohlfahrtsverlusten. Auch die Finanzmärkte im Euroraum würden auf Dauer belastet werden. „Weder für Inländer noch für Ausländer ist es attraktiv, Geld in einer Region anzulegen, deren Währung permanent unter Druck steht“, warnt Hartmann.

          Der theoretische Vorteil eines billigeren Euros mit dann günstigeren Exportgütern wird nach Ansicht von Garrett Melson, Stratege beim französischen Vermögensverwalter Natixis Investment Managers, durch die Energiekrise zunichte gemacht. Denn der Industriesektor gerate durch die höheren Kosten unter Margendruck und werde durch Rationierungen möglicherweise eingeschränkt. Melson spricht von einem perfekten Sturm, der zu einer Neubewertung des Euros in einer Wirtschaft führe, die keine Leistungsbilanzüberschüsse mehr habe und nun aufgrund des Energiebedarfs Handelsdefizite aufweise. Melson sieht derzeit keinen Grund, warum sich die Dollar-Stärke umkehren solle.

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