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Sitzung am Gründonnerstag : Wann wird die EZB endlich aktiv?

EZB-Turm in Frankfurt: Präsidentin Christine Lagarde hat sich mit Corona infiziert. Bild: dpa

Die Notenbank ringt darum, wann sie die Negativzinsen abschafft, wie viel Vorsicht wegen des Ukrainekriegs notwendig ist – und ob sie womöglich ganz neue geldpolitische Instrumente benötigt.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) steht vor einer spannenden Sitzung: An diesem Donnerstag will der EZB-Rat, das oberste geldpolitische Gremium, über den weiteren Kurs entscheiden – und das bei einer Rekordinflation seit der Euroeinführung. Die Commerzbank hält es für möglich, dass die Notenbank die Freibeträge der Banken für die Negativzinsen jetzt schon deutlich erhöht – spannender aber wird, ob sie sich schon dazu äußert, wann sie die Negativzinsen abschaffen will. Der Ökonom Lars Feld hatte ins Gespräch gebracht, die Notenbank könne auf dieser Sitzung ankündigen, eben dies im Herbst zu tun.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Immerhin steigt die Inflation immer weiter. Im Euroraum ist sie im März schon bei 7,5 Prozent angelangt; in Deutschland nach nationaler Berechnungsweise bei 7,3 Prozent, nach europäischer schon bei 7,6 Prozent. Eine entsprechende erste Schätzung hat das Statistische Bundesamt am Dienstag bestätigt. Steigende Energie- und Nahrungsmittelpreise infolge des Krieges in der Ukraine haben demnach das Leben in Deutschland im März so stark verteuert wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr. Die Teuerung entfernt sich damit immer weiter vom Wert von zwei Prozent, den die EZB mittelfristig als ideal für die Konjunktur sieht.

          Eine rasche Rückkehr zu dieser Zielmarke ist nicht in Sicht, im Gegenteil: Die deutschen Großhändler hoben ihre Preise im März nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine in Rekordtempo an, weil viele Rohstoffe und Vorprodukte erheblich mehr kosteten. Sie stiegen um durchschnittlich 22,6 Prozent zum Vorjahresmonat. Ein größeres Plus hat es seit Beginn der Berechnungen 1962 nicht gegeben. Die Entwicklung gilt als Indikator für zukünftige Inflationstendenzen, da der Großhandel das Scharnier zwischen Herstellern und Endkunden darstellt und höhere Kosten am Ende meist bei den Verbrauchern landen. Auch gestörte Lieferketten, etwa durch Corona-Ausbrüche in China, machen viele Waren teurer. Wegen höherer Kosten wollen so viele Unternehmen wie noch nie ihre Preise in den kommenden drei Monaten anheben, wie das Münchner Ifo-Institut bei seiner Umfrage ermittelte. Die Wirtschaftsweisen rechnen für 2022 mit einer durchschnittlichen Inflationsrate von 6,1 Prozent und halten in den nächsten Monaten auch zweistellige Werte für möglich, sollte es einen Lieferstopp für russischer Energie geben.

          Wann kommt die erste Zinserhöhung?

          Um den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung wird in der EZB aber noch gerungen: Im EZB-Rat setzen sich die „Falken“, also die Vertreter einer strafferen Geldpolitik, für ein Ende der Nettokäufe von Anleihen im Juli oder sogar im Juni ein und für Zinserhöhungen von September an. In diese Richtung haben sich beispielsweise Robert Holzmann aus Österreich, Joachim Nagel aus Deutschland, Madis Müller aus Estland, Pierre Wunsch aus Belgien und Klaas Knot aus den Niederlanden geäußert. Aber auch gemäßigtere Ratsmitglieder wie der Slowene Bostjan Vasle und der Slovake Peter Kazimir sprachen sich für ein Ende der Negativzinsen auf Jahressicht aus.

          „Die ausführlichste Begründung für eine Fortsetzung der geldpolitischen Normalisierung lieferte EZB-Direktoriumsmitglied Schnabel Anfang April in einer Grundsatzrede“, berichtet Michael Schubert, der EZB-Fachmann der Commerzbank. Schnabel argumentierte unter anderem, dass die Inflationsrisiken auf den zunehmenden Preisdruck in den Vorstufen zurückzuführen seien. Zudem sei es im Euroraum „sehr viel wahrscheinlicher“, dass die Löhne zwar verzögert, dafür aber auch länger anhaltend sowohl auf den Inflationsanstieg als auch auf einen angespannten Arbeitsmarkt reagieren würden. Selbst EZB-Chefvolkswirt Philip Lane sowie der griechische Notenbankpräsident Giannis Stournaras, die eindeutig dem Lager der Tauben im Rat angehörten, wollten eine Zinserhöhung vor dem Jahresende nicht ausschließen.

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