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EZB-Präsidentin : Amerikas Inflation ist anders

EZB-Präsidentin Christine Lagarde: „Ich liebe Banknoten.“ Bild: EPA

EZB-Präsidentin Lagarde spricht über Geldpolitik diesseits und jenseits des Großen Teichs. Die Inflation sei zwar ein globales Phänomen – aber es gebe erhebliche Unterschiede in Höhe und Ursachen.

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          Ist die hohe Inflation ein globales Phänomen, wie Amerikas Notenbankchef Jerome Powell unlängst äußerte? Das würde die einzelnen Länder und Notenbanken ja möglicherweise zumindest gedanklich ein wenig entlasten. Eine gemeinsame Veranstaltung der Organisationen Atlantikbrücke und Atlantic Council am Mittwoch in Frankfurt warf deshalb einen genaueren Blick auf die Inflation diesseits und jenseits des großen Teichs. „Wir haben Inflation rund um die Welt – sogar in Japan, wo sie lange sehr niedrig war“, sagte EZB-Präsidentin Christine Lagarde in einem Gespräch mit Maria Demertzis von der Brüsseler Denkfabrik Bruegel.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es gebe aber Unterschiede in der Form und Höhe. „Das hängt mit den Ursachen, den Wurzeln der Inflation zusammen.“ Zwischen der Inflation in den Vereinigten Staaten und der Eurozone gebe es vor allem zwei zentrale Unterschiede. Der eine hänge mit der Energie zusammen, der andere mit der Arbeit. Erstens sei in Europa die Energie der Kerntreiber der Inflation. Die Preise für Strom, Gas und Kraftstoff machten im Euroraum 60 Prozent der Inflationstreiber aus. „In Amerika ist es die Hälfte davon.“ Zweitens seien die Löhne in Amerika deutlich stärker gestiegen. Der Lohnanstieg liege dort bei 5 bis 7 Prozent, im Euroraum hätten die Tariflöhne bislang nur um 2,5 bis 3 Prozent zugelegt.

          Auch hinsichtlich der Frage, ob die Inflation eher vom Angebot oder der Nachfrage getrieben werde, gebe es Unterschiede. „Unsere Inflation ist stark angebotsgetrieben“, sagte Lagarde. Angebotsengpässe und Störungen der Lieferketten hätten die Preise steigen lassen. „In Amerika ist die Inflation stärker nachfragegetrieben.“

          „Geldpolitik kann den Gaspreis nicht senken“

          Das habe Konsequenzen, wie die Notenbanken damit umgingen. Eine nachfragegetriebene Inflation lasse sich leichter mit Zinserhöhungen bekämpfen – bei einer angebotsgetriebenen sei das komplizierter. „Die Geldpolitik kann den Gaspreis nicht senken oder den Krieg beenden, auch wenn ich das gerne machen würde“, sagte Lagarde. Es sei jetzt wichtig, eine „Entankerung“, also einen starken Anstieg der Inflationserwartungen zu vermeiden. Zweitrundeneffekte, dazu gehört etwa eine Lohn-Preis-Spirale, könne die Notenbank beeinflussen, besser als Erstrundeneffekte.

          Die EZB-Präsidentin gab zu, die Notenbank habe Fehler bei der Inflationsvorhersage gemacht, „wie viele Prognostiker, vielleicht weil wir die gleichen Prognosemodelle hatten.“ Aber noch vor anderthalb Jahren habe die Inflation bei minus 0,3 Prozent gelegen, jetzt betrage sie 9,1 Prozent. Als die Inflation zu steigen begonnen habe, habe es eine „allgemeine Meinung“ gegeben, dies sei nur „transitorisch“, also vorübergehend.

          „Wir werden tun, was wir zu tun haben“

          Mittlerweile habe sie eine Dauerhaftigkeit und Höhe erreicht, die niemand erwartet habe. Aufgabe der Notenbank sei jetzt die Rückkehr zu Preisstabilität. „Wir werden tun, was wir zu tun haben“, versprach Lagarde. Auch für den Fall einer Rezession: „Wenn wir nicht handeln, träfe das die Wirtschaft noch härter.“ Lagarde bekräftigte, nach der Zinserhöhung um 0,75 Prozentpunkte im September sollten weitere Zinserhöhungen in den nächsten Sitzungen folgen.

          Lagarde wurde auch gefragt,was die EZB tun könnte, um dem Euro als internationale Währung gegenüber dem Dollar mehr Gewicht zu verleihen. Sie erwähnte unter anderem die Vertiefung des europäischen Kapitalmarkts – dazu wären nach ihrer Einschätzung gemeinsame europäische Staatsanleihen von Vorteil, die zu etablieren aber natürlich nicht Aufgabe der EZB sei. In Bezug auf die geplante Einführung eines digitalen Euro bekräftigte Lagarde, dieser solle nicht das Bargeld ersetzen. Sie hob hervor: „Ich liebe Banknoten.“

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