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EZB-Analyse : Niedrigzinsen machen Ärmere nicht ärmer

EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Notenbank denkt über die Folgen des eigenen Handelns nach. Bild: dpa

Die Notenbank analysiert, welche Auswirkungen ihre eigene Geldpolitik auf Arme, Reiche und die Mittelschicht hat. Dabei spielen der Arbeitsmarkt und die Wohn-Immobilien eine wichtige Rolle.

          2 Min.

          Durch die Niedrigzinsen wird der Kleinsparer geschröpft, während die Reichen mit Mehrfamilienhäusern und Unternehmensbeteiligungen immer neue Millionen scheffeln: So lautet ein gängiges Klischee über die Verteilungswirkungen der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB).

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Grund genug für die Notenbank, sich in ihrem Wirtschaftsbericht mit diesem Thema zu beschäftigen: Die Autoren Maarten Dossche, Jirí Slacálek und Guido Wolswijk stellen die These auf, Niedrigzinsen und Anleihekäufe hätten die Ungleichheit sogar eher gedämpft. Ausgangspunkt ist der Befund, die Ungleichverteilung von Einkommen und Vermögen habe sich in den meisten Industrieländern seit Anfang der 1980er Jahre verstärkt. „Dabei zeigt sich, dass die Einkommensungleichheit in den Vereinigten Staaten erheblich größer ist als in den betrachteten europäischen Ländern und dort von 1980 bis 2019 auch am stärksten zunahm.“ Demgegenüber wiesen demnach Finnland, Norwegen und Schweden eine relativ geringe Ungleichheit auf, abgenommen hat sie in Spanien. Während für die Unterschiede in der Ungleichheit Besteuerung und Transferleistungen der Länder eine wichtige Rolle spielten, hänge der unterschiedliche Anstieg der Ungleichheit in Amerika und Europa in erster Linie mit dem Markteinkommen zusammen, heißt es. Die Geldpolitik dürfte dagegen „nicht zu den wesentlichen Faktoren gehören, die Ungleichheit verstärken“.

          Es kommt darauf an, was man alles berücksichtigt

          Die Argumentation geht dabei so: Die meisten ärmeren Haushalte hätten weder hohe Ersparnisse, noch große Schulden. Zinssenkungen beeinflussten das Nettozinseinkommen ärmerer Haushalte daher nicht übermäßig stark. Dem gegenüber habe sich das Nettozinseinkommen der Mittelschicht mit abnehmendem Zinsniveau erhöht: „Dies ist in erster Linie durch ihren relativ hohen Bestand an Hypothekarkrediten bedingt.“ Die vermögenderen Privathaushalte wiederum hätten Verluste beim Nettozinseinkommen verbucht, da sie tendenziell weniger stark verschuldet seien. „Ein niedrigeres Zinsniveau scheint die Einkommensungleichheit also nicht auf direktem Wege zu erhöhen“, schreiben die Autoren.

          Als zentral sehen sie jedoch, dass die lockere Geldpolitik Wirtschaft und Konjunktur stütze und so für eine Verringerung der Arbeitslosigkeit und höhere Einkommen sorge. Gerade von der Senkung der Arbeitslosenquote aber profitiere das einkommensschwächste Fünftel der Haushalte in besonderem Maße.

          Wichtige Rolle der Wohn-Immobilien

          Neben der Verteilung der Einkommen wird auch die der Vermögen betrachtet. Durch Anleihekäufe komme es zu Wertsteigerungen für Vermögenswerte wie Aktien, Anleihen und Immobilien. „Davon profitieren rund zwei Drittel aller Haushalte, die solche Vermögenswerte halten“, schreiben die Autoren. Da Aktien vor allem von vermögenden Haushalten gehalten würden, bewirkten Kursanstiege für sich genommen eine Zunahme der Vermögensungleichheit. Kompensiert werde dies jedoch durch den Anstieg des Wertes von Wohnimmobilien. Damit dieser Ausgleich klappt, braucht man jedoch die Annahme, dass das Vermögen an Wohnimmobilien über die Bevölkerung recht gleichmäßig verteilt ist. In der Eurozone insgesamt lebten 60 Prozent der Haushalte in den eigenen vier Wänden, von denen profitierten viele vom Preisanstieg. Dabei gibt es aber erhebliche Unterschiede zwischen den Ländern. In Deutschland etwa liegt die Wohneigentumsquote mit 51 Prozent erheblich unter dem europäischen Durchschnitt.

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