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Europäische Zentralbank : Währungsreserven der EZB hoch wie nie

Christine Lagarde tritt ihr Amt als neue EZB-Präsidentin mit einer gut gefüllten Reservekasse an. Bild: Reuters

Anders als in Russland, in der Türkei und China stockt die Notenbank in Europa nicht ihre Goldreserven auf. Sie setzt auf Wertpapiere – auch in Renminbi.

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          Christine Lagarde, 63, tritt ihr Amt als neue Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) mit einer gutgefüllten Reservekasse an. Die Währungsreserven der Notenbank haben einen Rekord erreicht, wie am Mittwoch im neuen „Economic Bulletin“ der Notenbank berichtet wurde.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Knapp 69 Milliarden Euro betragen die Reserven der EZB, davon rund 51 Milliarden Euro in Fremdwährungen und rund 18 Milliarden Euro in Gold. Die nationalen Notenbanken im Eurosystem, wie die Bundesbank oder die Banca d’Italia, haben wiederum eigene Reserven, zusammen sind das 827 Milliarden Euro.

          Die große Bewegung, dass überall in der Welt Notenbanken im Moment ihre Goldbestände aufstocken, macht die EZB allerdings nicht mit. Dies sei vor allem ein Phänomen in Schwellenländern, schreiben die Autoren Livia Chitu, Joaquim Gomes und Rolf Pauli im „Bulletin“.

          Allen voran Russland, China und die Türkei haben erheblich in Gold investiert, um die eigenen Reserven zu diversifizieren und sich unabhängiger vom Dollar zu machen. Besonders Russlands Präsident Putin lässt sich gern mit Goldbarren fotografieren, um Stärke und Unabhängigkeit vom Westen zu demonstrieren.

          Nicht unerhebliche Goldbestände

          Die EZB verfügt zwar auch über nicht unerhebliche Goldbestände, die ihr bei der Gründung von den nationalen Notenbanken des Euroraums übertragen wurden. Zudem haben einige nationale Notenbanken, wie die Bundesbank, eigene große Goldbestände, die sie relativ autonom verwalten. Dieses Gold wird aber vor allem gelagert – zum Teil in den jeweiligen Ländern, zum Teil in London und New York.

          Die Bundesbank verkauft von Zeit zu Zeit kleinere Menge an das Finanzministerium zur Prägung von Münzen, ansonsten ändern sich die Bestände wenig. Immer mal wieder gibt es politische Vorstöße, Teile des Goldes zu verkaufen und das Geld für andere Zwecke einzusetzen, das scheitert aber jedes Mal. Auch in Italien kam im Frühjahr eine Debatte auf, ob das Gold der dortigen Notenbank nicht dem Staat zugeschlagen werden könne – aber auch sie ist nun offenbar versandet.

          Immerhin aber drei nationale Notenbanken des Eurosystems haben in diesem Jahr schon in eigener Regie Gold gekauft, und zwar Malta (470 Kilogramm), Griechenland (310 Kilogramm) und Portugal (30 Kilogramm). Auch schon in den vergangenen drei Jahren hätten Zentralbanken des Eurosystems kleinere Goldmengen erworben, sagt Giovanni Staunovo, Gold-Fachmann der Schweizer Großbank UBS. Die Goldbestände innerhalb des Eurosystems seien aber schon relativ hoch, und es seien tendenziell eher Zentralbanken in Schwellenländern, die in den vergangenen Jahren aktiv größere Mengen Gold erworben hätten.

          Der größte Teil der Reserven der Europäischen Zentralbank besteht ohnehin aus Fremdwährungen – und auch da nicht aus Bargeld, sondern zum großen Teil aus Staatsanleihen in der jeweiligen Währung sowie aus anderen Wertpapieren und Forderungen gegenüber Banken. Dollar-Scheine hat die EZB keine. Den größten Teil machen Wertpapiere aus, die in Dollar notiert sind (38,6 Milliarden Dollar), gefolgt vom Yen (11,7 Milliarden Dollar) und seit dem Jahr 2017 auch ein kleinerer Teil in der chinesischen Währung Renminbi (0,4 Milliarden Euro).

          Renminbi gewinnt mehr an Bedeutung

          In aller Welt ist es offenbar ein Trend, dass neben den klassischen Reservewährungen Dollar, Euro und Yen auch unkonventionelle Währungen an Bedeutung gewinnen, allen voran der Renminbi, aber auch etwa der kanadische und der australische Dollar. Ein zentrales Motiv ist die „Diversifizierung“, man will sich unabhängiger von einzelnen Währungen machen, insbesondere von der Weltleitwährung Dollar. Während der Euro nach seiner Einführung davon zunächst profitierte und er immer mehr an Bedeutung als Reservewährung gewann, musste er zuletzt offenbar – anteilsmäßig – dem Renminbi eher etwas Platz machen.

          Verwaltet werden die Währungsreserven der EZB in einem dreistufigen System: einer strategischen Planung durch den EZB-Rat, einer monatlichen taktischen Planung durch das interne Investment Committee und einer täglichen Anpassung durch Portfoliomanager. Dabei ist durchaus angestrebt, mit den erworbenen Anleihen einen Ertrag zu erzielen. Zwischen den nationalen Notenbanken des Eurosystems gibt es zudem regelmäßig ein Ranking, wer aus den Reserven am meisten gemacht hat.

          Theoretisch können Währungsreserven zwar auch eingesetzt werden, um aktive Wechselkurspolitik zu betreiben und etwa zu versuchen, der eigenen Exportwirtschaft durch eine Schwächung des Wechselkurses einen Vorteil zu verschaffen. Die EZB soll aber nach ihrem Mandat eine solche Politik nicht betreiben. Sie hält die Reserven nur für Notfälle und zum Ausgleich externer Schocks. Auch wenn ihr vom amerikanischen Präsidenten Donald Trump schon mal vorgeworfen wurde, sie setze Zinspolitik und Anleihekäufe zur gezielten Schwächung des Euros ein, so war die Wechselkurs-Schwächung doch wohl eher ein – wenn auch wohl nicht unwillkommener – Nebeneffekt der eigentlich an der Inflationssteuerung ausgerichteten Geldpolitik.

          Die Währungsreserven hingegen wurden in der Geschichte des Euros angeblich erst dreimal für Interventionen am Devisenmarkt genutzt – und zwar zweimal in einer frühen Phase der Währungsunion im September und November 2000 zur Stützung des jungen Euros sowie einmal im März 2011. Damals hatten die großen Notenbanken gegen die Aufwertung des Yen interveniert, weil die Finanzmärkte spekulierten, nach der Fukushima-Katastrophe würden Japaner Auslandsanlagen auflösen und das Geld ins Land holen.

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