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EZB-Präsidentin Lagarde : „Die Geldpolitik sollte nicht überreagieren“

„Die Erholung ist atypisch“: EZB-Präsidentin Christine Lagarde. Bild: AFP

EZB-Präsidentin Christine Lagarde hält den Anstieg der Inflation vor allem für ein vorübergehendes Phänomen der atypischen Erholung der Wirtschaft. Mehr als bislang aber spricht sie auch von den Aufwärtsrisiken für die Preisentwicklung.

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          Die Inflation in der Eurozone, die im August auf 3 Prozent hochgeschnellt ist, dürfte im Jahresverlauf noch weiter steigen: Trotzdem dürfe die Geldpolitik jetzt nicht überreagieren – das sei die größte Herausforderung für die Notenbank im Moment, sagte Christine Lagarde, die Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB), am Dienstag zur Eröffnung des zweitägigen EZB-Forums zur Geldpolitik.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die jährliche Veranstaltung, die seit 2014 das Gegenstück zur amerikanischen Notenbanker-Konferenz in Jackson Hole bildet, wird nun das zweite Jahr in Folge online ausgerichtet.

          Atypische Erholung der Wirtschaft

          Lagarde führte aus, es gebe im Moment eine „atypische Erholung“ der Wirtschaft der Eurozone aus der Rezession, die zu einem Anstieg der Inflationsraten führe. Normalerweise bestimme die Tiefe einer Rezession das Tempo, mit dem man wieder aus der Krise komme. Nach der Finanzkrise etwa habe es sieben Jahre gedauert, bis die Wirtschaftsleistung wieder das Vorkrisenniveau erreicht habe. Diesmal gehe das viel schneller: „Wir gehen davon aus, dass das Bruttoinlandsprodukt des Euroraums bis Ende dieses Jahres das Vorkrisenniveau übertreffen wird – drei Quartale früher, als wir im vergangenen Dezember prognostiziert hatten.“

          Dieser Erholungsprozess sorge im Moment für Angebotsengpässe und treibe die Inflation, wobei sogenannte Basiseffekte wie der extrem niedrige Ölpreis im vorigen Jahr und die Absenkung und Anhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland eine wichtige Rolle spielten. Man müsse aber im Auge behalten, ob diese Engpässe womöglich länger anhielten als derzeit erwartet und Auswirkungen auf die Lohnentwicklung und die Inflationserwartungen zeigten.

          Neben diesen vorübergehenden Effekten, die zu einem temporären Anstieg der Inflation führten, sei es aber möglich, dass die Pandemie auch strukturelle Veränderungen auslöse oder verstärke. „Wir haben ein Jahrzehnt mit starken disinflationären Kräften hinter uns, die den gesamten Inflationsprozess gedämpft haben“, führte Lagarde aus: „Strukturelle Veränderungen könnten nun sowohl einen Aufwärts- als auch einen Abwärtsdruck auf die Preise ausüben.“

          Folgen des Digitalisierungsschubs für die Inflation

          Sie nennt einige Beispiele: So könnte die Digitalisierung, die in der Krise einen Schub bekommen habe, der sonst einer Entwicklung über sieben Jahre entspreche, eine zweite Globalisierungswelle auslösen, die auf der „Virtualisierung“ von Dienstleistungen beruhe. Sie könnte zu einer höheren Produktivität führen und damit den Anstieg der Lohnstückkosten dämpfen. Und sie könnte auch eine Verlagerung von wirtschaftlichen Aktivitäten auf digitale „Superstar“-Unternehmen bewirken – die über eine beträchtliche Marktmacht verfügten und deren Preisgestaltung deshalb weniger konjunkturabhängig sei.

          Umgekehrt könnten die Versorgungsengpässe etwa Unternehmen veranlassen, ihre Lieferketten zu diversifizieren oder einen Teil ihrer Produktion ins Ausland zu verlagern, meinte La­garde. „Bei früheren Pandemien wie SARS war das der Fall.“ Dieser Prozess könnte zu Strukturen mit höheren Kosten führen, bei denen die „Resilienz“, also die Widerstandsfähigkeit in Krisen, Vorrang vor der „Effizienz“, also der Wirtschaftlichkeit, habe. Die höheren Kosten könnten an Verbraucher weitergegeben werden.

          Parallel könnte die schnelle Digitalisierung am Arbeitsmarkt zu einem Missverhältnis zwischen Qualifikationsangebot und -nachfrage führen, was selbst bei anhaltender Flaute Lohnsteigerungen zur Folge hätte. „Es wird geschätzt, dass sich die Rate der Arbeitsplatzverlagerungen in den großen Volkswirtschaften zwischen 2019 und Mitte 2022 verdoppelt“, sagte Lagarde. Diese Dynamik könnte durch eine neue Fokussierung auf die Ungleichheit verstärkt werden – und über steigende Mindestlöhne zu einem Aufwärtsdruck auf die Löhne führen.

          Auswirkungen des Klimaschutzes auf die Inflation

          Nicht zuletzt auch die Klimapolitik, die „grüne Transformation“, könne Auswirkungen auf die Inflationsentwicklung haben, meinte die EZB-Präsidentin. „Die Pandemie hat dem grünen Wandel Auftrieb gegeben.“ Dies könnte zu einem beschleunigten Anstieg der Auktionspreise im EU-Emissionshandelssystem, zur Einführung von weiteren CO2-Preisen und eines Mechanismus zur Anpassung der Kohlenstoffgrenzen führen: „All dies könnte sich unmittelbar inflationär auswirken.“ Es gebe Schätzungen, dass die grüne Transformation insgesamt die Inflation für eine Übergangszeit um einen Prozentpunkt steigen lasse, bevor sie zu ihrem alten Pfad zurückkehre.

          Der grüne Umbau werde zugleich die Weitergabe der Energiepreise komplexer machen. Der Anstieg der Erdgaspreise in jüngster Zeit lasse das erahnen. Dieser Anstieg sei jedenfalls zu einem gewissen Teil auf die ungewöhnlich geringe Windenergieproduktion in Europa in diesem Sommer und die Notwendigkeit zurückzuführen, die Lücke mit konventionellen Energiequellen zu füllen, die schnell mobilisiert werden könnten. „Dies wiederum hat Auswirkungen auf andere Industriezweige, die auf Erdgas angewiesen sind, wie die Düngemittelherstellung“, sagte Lagarde. „Und das wiederum hat Auswirkungen auf solche Industriezweige, die auf Nebenprodukte der Düngemittelherstellung angewiesen sind, wie die Lebensmittelverpackung.“

          Für die Geldpolitik jedenfalls werde es künftig sicher nicht mehr reichen, den Ölpreis zu verfolgen: „Wir werden auch den gesamten Energiemix verstehen müssen.“

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