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Noch viele Mängel : EZB-Aufseher erhöhen bei Klimarisiken den Druck auf die Banken

Flutkatastrophe im Ahrtal: Der Klimawandel gefährdet immer stärker die Wirtschaft und damit die Banken. Bild: dpa

Institute müssen bis Ende 2024 drei Fristen erfüllen. Aufsicht stellt in der Umsetzung nachhaltiger Strategien noch hohen Handlungsbedarf.

          3 Min.

          Die Bankenaufseher der Europäischen Zentralbank (EZB) sind mit den Banken unzufrieden, wenn es um den Umgang mit Klima- und Umweltrisiken geht. Deshalb haben sie am Mittwoch anlässlich der Veröffentlichung einer Studie zu diesem Thema den Instituten Fristen bis Ende 2024 gesetzt, damit sie die vielfältigen Formen der Klimarisiken besser einschätzen und zudem in ihrer Strategie und ihrem Risikomanagement berücksichtigen können.

          Markus Frühauf
          Redakteur in der Wirtschaft.

          „Das Glas füllt sich langsam, ist aber noch nicht einmal halb voll“, zog EZB-Direktor Frank Elderson in seinem Blogbeitrag am Mittwoch ein Resümee der Untersuchung. Der Vize-Chef der EZB-Bankenaufsicht erkennt zwar erste Schritte in den Banken, wo der Umgang mit Klimarisiken inzwischen ein wichtiges Thema auf den obersten Führungsebenen darstellt. Es gebe aber einen Unterschied zwischen der Diskussion über die zu ergreifenden Schritte und dem konkreten Handeln. Noch höher fällt nach Ansicht des Niederländers das Defizit hinsichtlich dessen aus, was getan werden müsse.

          Belastungen von 70 Milliarden Euro

          In der Studie untersuchten die EZB-Aufseher 186 Banken, die zusammen auf eine Bilanzsumme von 25 Billionen Euro kommen. Darunter befanden sich 107 große, von der EZB direkt überwachte Institute. Dazu zählen aus Deutschland zum Beispiel die Deutsche Bank, die Commerzbank, die DZ Bank oder die Landesbanken wie Helaba, BayernLB oder LBBW. Darüber hinaus wurden 79 kleinere Institute in den Blick genommen, zu denen in Deutschland die Volksbanken und Sparkassen zählen. Im Juli hatte der erste große Klima-Stresstest der EZB gezeigt, dass die Banken durch zunehmende Naturkatastrophen und tiefgreifende Veränderungen in allen Branchen mit möglichen Belastungen in Höhe von 70 Milliarden Euro rechnen müssen.

          Die Aufseher kamen nun zu dem Ergebnis, dass 96 Prozent der Banken Lücken in der Identifikation der Klimarisiken aufweisen. Sie kritisierten die mangelhaften Methoden und die wenig konkreten Informationen zu Klima- und Umweltrisiken. Die meisten Führungsgremien in den Häusern seien sich nicht darüber bewusst, wie sich diese Risiken über die Zeit entwickeln würden, welches Risikoniveau die Bank akzeptieren könne und welche Maßnahmen ergriffen werden sollten, bemängelte Elderson.

          Zwischenziele fehlen

          Zwar seien in den meisten Strategieplänen der Banken viele Referenzen zum Klimawandel zu finden, es fehlten aber Hinweise zu den Auswirkungen auf die Ertragsströme. Auch wenn die Institute sehr daran interessiert seien, ihr Geschäft nachhaltiger auszurichten und den Übergang mit den Unternehmen diskutierten, bleibe unklar, wie sie ihre Geschäftsmodelle vor den Klimaschäden in den kommenden Jahren schützen wollen. Als Beispiel verwies Elderson auf die vielen Banken, die sich verpflichtet hätten, bis zum Jahr 2050 CO2-frei (Net Zero) zu sein. Sie könnten aber dieses Ziel oftmals nicht erklären und sich entsprechende Zwischenziele setzen.

          Elderson ist auch mit den Antworten vieler Banken auf die Frage unzufrieden, wie sie mit Kunden, die über keine nachhaltigen Einnahmequellen verfügten, umzugehen gedenken. „Viele Banken hoffen auf das Beste, ohne sich auf das Schlechteste vorzubereiten“, schrieb er in seinem Blogbeitrag. Er kritisiert auch die mangelhafte Umsetzung grüner Vorgaben. Banken würden in ihrer Geschäftspolitik zwar einen strengen Umgang mit Unternehmen, die besonders hohe Klimarisiken aufwiesen, festlegen. Gleichzeitig nähmen sie die Unternehmen mit hohen CO2-Emissionen von diesen Vorgaben in einigen Fällen wieder aus.

          Aufgrund dieser Mängel erhöhen die EZB-Aufseher nun den Druck auf die Banken. Diese Vorgaben müssen sie bis Ende 2024 in drei Schritten umsetzen. Bis März 2023 sollen die Banken Klima- und Umweltrisiken adäquat kategorisieren und ihre Auswirkungen auf das eigene Geschäft einschätzen können. Bis Ende 2023 erwarten die Aufseher, dass die Banken Klima- und Umweltrisiken in die Führungskultur, Strategie und das Risikomanagement integrieren. Den Aufsehern geht es vor allem darum, dass sich die Banken konkrete Zwischenziele setzen, die im Einklang mit ihrer langfristigen Nachhaltigkeitsstrategie stehen.

          Bis Ende 2024 sollen nach Vorgabe der EZB-Aufsicht alle Banken sämtliche aufsichtsrechtlichen Erwartungen bezüglich der Klima- und Umweltrisiken erfüllen. Dazu zählen die Integration dieser Risiken in die internen Prozesse zum Eigenkapitalbedarf sowie regelmäßige Stresstests. Die Fristen würden sehr eng verfolgt und gegebenenfalls würden aufsichtsrechtliche Maßnahmen ergriffen, warnte Elderson die Banken.

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