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Bedeutungsverlust : Dax-Konzerne geraten an den Weltbörsen ins Abseits

Ein Börsenhändler in Riad, der Heimatbörse von Saudi Aramco Bild: AP

Nur noch zwei Titel aus dem großen deutschen Börsendindex zählen zu den 100 wertvollsten Aktiengesellschaften der Welt. Auch Europa spielt an der Weltbörse nur noch eine untergeordnete Rolle. Warum ist das so?

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          An den internationalen Börsen spielen die deutschen Konzerne eine immer unwichtigere Rolle. Inzwischen ist ihre Zahl von drei Unternehmen zum Jahresende 2018 auf nun nur noch zwei gesunken. Lediglich SAP und Siemens schaffen es aktuell unter die gemessen an der Marktkapitalisierung größten Unternehmen der Welt. Auf Platz eins liegt mit derzeit 1,88 Billionen Dollar (umgerechnet rund 1,68 Billionen Euro) der Ölgigant Saudi Aramco. Der saudi-arabische Konzern hat er erst im Dezember sein Marktdebüt gegeben – der größte Börsengang aller Zeiten.

          Kerstin Papon

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Damit hat auch die Jahre währende Vorherrschaft der amerikanischen und chinesischen Unternehmen Kratzer bekommen. Apple liegt auf Platz zwei mit 1,29 Billionen Dollar hat allerdings Microsoft (1,2 Billionen Dollar und Rang drei) in diesem Jahr wieder überholt. Ihnen folgen drei weitere amerikanische Konzerne: die Google Muttergesellschaft Alphabet (939 Milliarden Dollar), Amazon (927) und Facebook (593). Erst auf Platz sieben findet sich Alibaba – das erste chinesische Unternehmen. Auf Platz acht folgt die Investmentgesellschaft des legendären amerikanischen Anlageprofis Warren Buffett. Dies ergibt eine Analyse des Prüfungs- und Beratungsunternehmens EY.

          Die Waldorfer Softwareschmiede SAP belegt mit einem Börsenwert von 160 Milliarden Dollar aktuell Rang 51. Im Vorjahr lag der Wert nur auf Platz 61. Der Technologiekonzern Siemens hingegen erreicht mit einer Marktkapitalisierung von 106 Milliarden Dollar gerade noch Platz 100. Vor einem Jahr reichte es sogar noch zu Rang 89. Dagegen ist der Versicherer Allianz mit aktuell 100 Milliarden Dollar Börsenwert in diesem Jahr auf Platz 110 abgerutscht und damit nicht mehr unter den 100 Größten zu finden.

          SAP

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          Seit Jahren werden die oberen Plätze von amerikanischen und chinesischen Konzernen dominiert, wobei die Bedeutung des Reichs der Mitte zeitweise größer war. Auch in diesem Jahr haben es nur die zwei großen Internetkonzerne Alibaba (580 Milliarden Dollar) und Tencent (459 Milliarden Dollar und Platz neun) unter die zehn wertvollsten Unternehmen der Welt geschafft.

          Der saudi-arabische Ölkonzern Saudi Aramco, ist laut EY mit 1,88 Billionen Dollar doppelt so viel wert wie alle zwölf deutschen Konzerne zusammen, die sich derzeit unter den Top-300 der wertvollsten Unternehmen der Welt befinden. Dies sind neben SAP, Siemens und Allianz der Autokonzern Volkswagen (mit 97 Milliarden Dollar und Rang 116), Bayer (142), Deutsche Telekom (149), BASF (176), Adidas (195), Daimler (214), BMW (249), Merck KGaA (263) und Siemens Healthineers (293).

          SIEMENS

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          Nicht nur Deutschland ist abgeschlagen, auch Europa insgesamt liegt hinten. Das erste europäische Unternehmen ist wie gehabt der Schweizer Lebensmittelriese Nestlé auf Rang 16 (Vorjahr: Platz 15). Deutlich zugelegt haben dagegen niederländische Unternehmen, ihre Zahl ist von zwei auf fünf gestiegen. Sie stehen damit in der Rangliste hinter Amerika, China und Großbritannien. Die Zahl der amerikanischen Konzerne in der ersten Börsenliga der 100 wertvollsten Titel der Welt ist von 55 auf 56 gestiegen – das höchste Niveau seit Beginn der Erhebungen durch EY.

          Untergeordnete Rolle

          „Europa spielt an den Weltbörsen inzwischen nur noch eine untergeordnete Rolle, sagt Hubert Barth, Vorsitzender der Geschäftsführung von EY. Dabei hätten sich die Gewichte an den Weltbörsen seit Beginn der Finanzkrise im Jahr 2007 massiv verschoben. Davor hätten noch 46 der 100 wertvollsten Unternehmen der Welt ihren Hauptsitz in Europa gehabt. „Inzwischen hat sich die Zahl auf 23 halbiert“, sagt Barth: „Besonders das Gewicht Deutschlands ist gesunken: Ende 2007 fanden sich noch sieben deutsche Unternehmen unter den Top 100, inzwischen sind es nur noch zwei.“

          Die Gründe für das schwache Abschneiden Deutschlands und Europas seien vielfältig, sagt Barth. Aus Sicht der Investoren seien derzeit vor allem Technologieunternehmen attraktiv. Sie trauten den Digitalkonzernen zu, die Wirtschaft künftig noch stärker zu prägen, funktionierende digitale Ökosysteme zu schaffen und Regeln aufzustellen, denen andere Branchen folgen müssten. „Sieben der zehn wertvollsten Unternehmen der Welt sind inzwischen Konzerne mit einem digitalem Geschäftsmodell“, sagt Barth. Europas Leitbranche sei jedoch immer noch die produzierende Industrie, die aus Sicht vieler Investoren wenig Wachstumspotenzial verspreche. Das teuerste Industrieunternehmen der Welt ist laut EY aktuell Toyota auf Platz 42, gefolgt von Boeing auf Rang 44. Davor liegen vor allem Technologie-, Energie- und Gesundheitskonzerne. Viele Industrieunternehmen steckten mitten in einem tiefgreifenden Wandel und seien noch auf der Suche nach einem überzeugenden und nachhaltig erfolgreichen Zukunftsmodell, sagt Barth.

          Ein Viertel der 100 teuersten Unternehmen der Welt sind Technologiekonzerne. Ihr Wert wuchs laut EY binnen eines Jahres um gut 40 Prozent auf 9,4 Billionen Dollar. 17 von ihnen haben ihren Hauptsitz in den Vereinigten Staaten. Mit SAP kommt nur eines aus Deutschland. Der technologische Fortschritt und vor allem die Digitalisierung hätten in den vergangenen Jahren die Börsenwerte von Technologieunternehmen deutlich in die Höhe getrieben, während Industriekonzerne in die Defensive geraten seien, sagt Barth. Doch neue Technologien böten aber auch große Chancen für die Industrie. Es gelte Innovationen zu fördern und zu investieren.

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