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Fachmann über Finanzplatz : „Reiche Chinesen blicken mit Sorge auf Hongkong“

  • -Aktualisiert am

Im Minus: Kurstafel mit dem Aktienindex Hang Seng Bild: AFP

Der Niedergang des wichtigen Finanzdrehkreuzes Hongkong ist wegen des wachsenden Einflusses Chinas kaum noch aufzuhalten, meint ein Hongkong-Fachmann. Profitieren könnten Singapur, London oder Tokio.

          Der Finanzplatz Hongkong verliert durch den Einfluss Chinas zunehmend an Bedeutung, meint der Wirtschaftsexperte Max Zenglein. „Hongkong entwickelt sich mehr und mehr zu einer normalen chinesischen Stadt“, sagte Zenglein, Leiter des Programms Wirtschaft am Mercator Insitute for China Studies (Merics) in einem am Freitag im Internet veröffentlichten Podcast. Merics bezeichnet sich als unabhängige Denkfabrik und wurde auf Initiative der gemeinnützigen Stiftung Mercator eingerichtet.

          Zenglein war kürzlich vor Ort und beschreibt Hongkong als eine trotz der Proteste und einer drohenden chinesischen Intervention pulsierende und funktionierende Stadt. Die Stimmung sei jedoch pessimistisch, die Bürger hätten realisiert, dass sie viele Freiheiten verloren haben. Laut Zenglein schwindet die Hoffnung, Hongkong könne seine Freiheiten – wie ursprünglich von Peking zugesichert – bis 2047 behalten. Die ehemalige britische Kolonie Hongkong wurde 1997 an die Volksrepublik China zurückgegeben. Der Stadtstaat hat seine demokratische Verfassung behalten, ist aber zu einer Sonderverwaltungszone geworden, deren Freiheiten Peking nach und nach zu beschneiden versucht. Das hat breite Proteste ausgelöst.

          Seither kommen deutlich weniger Touristen aus der Volksrepublik nach Hongkong. Auch westliche Touristen überlegen es sich zweimal. Die Außenministerien mancher Länder haben ihre Bürger vor Reisen gewarnt, die nicht unbedingt nötig sind. Auch bei den dort ansässigen ausländischen Unternehmen herrscht Sorge, dass Hongkong seinen Sonderstatus mit wirtschaftlichen Freiheiten verliert. Manche überlegen sich laut Zenglein sogar, wie sie im Fall einer militärischen Intervention reagieren sollten und ihre Mitarbeiter schützen könnten. Hongkong sei aus Unternehmenssicht aber kein Risikostandort.

          „Reiche Chinesen mit großer Sorge“

          Wegen der Proteste soll der chinesische Internetkonzern Alibaba laut Insidern zudem seinen Plan auf Eis gelegt zu haben, neben dem Listig in den Vereinigten Staaten auch in Hongkong an die Börse zu gehen. Das wird als Rücksichtnahme auf Peking interpretiert, dessen Einfluss Alibaba wohl fürchtet. Auch führende Hongkonger Unternehmen wie die Fluggesellschaft Cathay Pacific oder große Wirtschaftsprüfungsgesellschaften haben bereits signalisiert, dass sie auf Peking Rücksicht nehmen.

          „Diese Schritte haben bereits irreparablen Schaden hinterlassen“, sagt Zenglein. Das hat Signalwirkung auf andere Unternehmen, die nun auch versuchen könnten, Peking zu gefallen, um ihre Geschäftsinteressen in China nicht zu gefährden. Den wachsenden Einfluss der Volksrepublik sieht Zenglein als eine Gefahr für den Wirtschaftsstandort. Die Metropole verliere ihren Vorteil gegenüber den chinesischen Finanz- und Wirtschaftszentren Shenzhen oder Schanghai.

          Der Finanzplatz Hongkong ist als Brückenkopf zu den globalen Finanzmärkten sehr wichtig für China, denn in der Volksrepublik selbst ist der Kapitalverkehr stark eingeschränkt. Nicht nur chinesische Unternehmen seien für ihre Internationalisierung auf Hongkong angewiesen. Auch die Regierung brauche den Finanzplatz als Geldquelle für ihr ehrgeiziges Seidenstraßenprojekt. „Reiche Chinesen blicken mit großer Sorge auf Hongkong“, sagte Zenglein. Für diese Klientel sei der Finanzplatz kein sicherer Hafen mehr für ihr Vermögen. Viele Chinesen würden ihr Geld stattdessen lieber nach Singapur oder London bringen.

          Von einen Niedergang des Finanzplatzes Hongkong profitieren könnte laut Zenglein aber auch Tokio. Den chinesischen Plan, Hongkongs Nachbarstadt Shenzhen zu einer Konkurrentin auszubauen, bezeichnete Zenglein als schwierig. Ein internationaler Finanzplatz sei auf freien Kapitalverkehr und eine unabhängige Justiz angewiesen. Beides finde man in der Volksrepublik nicht vor.

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