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Rekapitalisierung durch ESM : Europas Banken droht riesige Kapitallücke

In den Frankfurter Bankentürmen verdüstert sich der Ausblick. Bild: dpa

Den Instituten droht eine Lücke von bis zu 600 Milliarden Euro an Eigenkapital. Um die Wirtschaftserholung finanzieren zu können, brauchen sie frische Mittel.

          2 Min.

          Europas Banken, insbesondere die deutschen Institute, sehen im Vergleich zu ihren amerikanischen Wettbewerbern schlecht aus: zu wenig Erträge und zu hohe Kosten. Zumindest in der Eigenkapitalausstattung haben die Bankenaufseher sich bislang zuversichtlich gezeigt, dass die ersten Einschläge der Corona-Krise gemeistert werden können. Doch die große Welle an Kreditausfällen aufgrund der Zahlungsschwierigkeiten, in die viele Unternehmen noch geraten werden, steht erst bevor.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Nun schlägt der Bonner Ökonom Moritz Schularick Alarm. In einem Papier, das er gemeinsam mit den Volkswirten Sascha Steffen und Tobias Tröger für das in London sitzende Center for Economic Policy Research (CEPR) verfasst hat, schätzt er den Eigenkapitalbedarf für europäische Banken aufgrund der Rezession und der Kreditausfälle in einem negativen Szenario auf bis zu 600 Milliarden Euro. In einem moderaten Verlauf der Krise könnten noch immer 143 Milliarden Euro fehlen.

          Deshalb schlagen die Ökonomen eine vorsorgliche Rekapitalisierung der europäischen Banken vor, die der Euro-Krisenfonds ESM vornehmen soll. Diese Institution halten die drei Volkswirte deshalb für geeignet, weil dadurch die enge Verbindung zwischen Banken und ihrem Heimatstaat umgangen werden könne. In der Regel zählen die Banken zu den wichtigsten Gläubigern ihrer Staaten, die wiederum im Falle einer Finanzkrise die Institute mit frischem Kapital versorgen.

          Auch gesunde Banken rekapitalisieren

          Darüber hinaus schlagen die Ökonomen vor, dass die Rekapitalisierung für alle Banken, unabhängig von ihrer Verfassung, erfolgen soll. Das erinnert an die Maßnahmen der amerikanischen Regierung nach der Finanzkrise 2008, als sie alle Banken mit Eigenkapital stabilisierte. Die meisten Institute zahlten die staatlichen Mittel rasch zurück, als sie dies durch Aktienplazierungen am Kapitalmarkt finanzieren konnten. Die gesunden europäischen Banken sollen nach Vorstellung der Ökonomen um Schularick das Kapital dann zurückzahlen dürfen, wenn sie einen entsprechenden Stresstest bestanden haben.

          Interessant ist in dem Papier der Hinweis, dass die darin vertretenen Ansichten einzig die Meinung der Autoren widerspiegeln, aber nicht als Standpunkt der Federal Reserve Bank of New York oder der amerikanischen Notenbank Federal Reserve verstanden werden können. Neben der Universität Bonn und dem CEPR wird Schularick in dem Papier als Forscher auch der Federal Reserve Bank of New York zugeordnet.

          Die drei Volkswirte halten den ESM aber auch aus einem weiteren Grund für die geeignete Institution, um die Banken zu rekapitalisieren. Der Euro-Krisenfonds sei als einzige europäische Institution in der Lage, die notwendigen Mittel dafür aufzubringen. Der ESM sollte in seiner Fähigkeit zur Rekapitalisierung der Institute nicht beschnitten, sondern gestärkt werden, empfehlen die Autoren.

          Warnung vom IWF

          Auch der Internationale Währungsfonds (IWF) warnte am Donnerstag vor den Folgen der Corona-Krise: Diese könne die Schwächen im internationalen Finanzsystem noch verstärken. Sowohl in Industrie- als auch in Schwellenländern könnte die Verschuldung von Unternehmen und Haushalten in einigen Fällen nicht mehr beherrschbar sein, sofern der Konjunktureinbruch besonders heftig ausfalle, hieß es in dem am Donnerstag vorgelegten Finanzstabilitätsbericht des IWF.

          Die Insolvenzwelle wird zur Belastungsprobe für Banken. Zwar verfügen sie in Europa noch über ausreichend Eigenkapital, auch weil die Aufseher die Kapitalvorgaben deutlich gelockert und damit den Banken mehr Spielraum eingeräumt haben. Doch fraglich bleibt, ob sie angesichts hoher Kreditausfälle noch in der Lage sein werden, die Erholung der Wirtschaft mit Krediten zu unterstützen. Deshalb raten die Ökonomen zu einer vorsorglichen Rekapitalisierung.

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