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Nachhaltigkeit : EU-Anleihen jetzt in grün

Das Geld der Anleger kommt auch der Windkraft in Italien zugute. Bild: ddp

Die Europäische Union begibt erstmals eine grüne Anleihe. Dabei ist noch gar nicht entschieden, wofür das Geld eingesetzt wird.

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          Wie auch immer man den Kampf der Europäer gegen den Klimawandel einschätzen mag, ob als ambitioniert oder eher nicht: Bei der Verschuldung zugunsten der Umwelt legen die Länder inzwischen ein ziemliches Tempo vor. Nachdem Polen 2016 die erste grüne Staatsanleihe begeben hat, danach Frankreich zum größten Emittenten dieser Art geworden ist und Deutschland im September 2020 seine erste grüne Zehnjährige auf den Markt gebracht hat, geht es jetzt Schlag auf Schlag. Gerade hat das Vereinigte Königreich mit einer Öko-Anleihe über zwölf Jahre seine Premiere gefeiert, fast gleichauf mit dem spanischen Königreich und seinem Green Bond mit etwas mehr als 20 Jahren Laufzeit. Doch so stark die jüngsten Erstemissionen verliefen – die eigentliche Sensation folgte am heutigen Dienstag: Die Europäische Union hat ihr von vielen Anlegern heiß ersehntes Debüt gegeben.

          Thomas Klemm
          Sportredakteur.

          Dass die EU sich gemeinsam verschuldet, mag angesichts langjähriger Widerstände nicht zuletzt aus Deutschland erstaunlich sein, ist aber nicht ganz neu. Schon im Oktober vergangenen Jahres hat die Staatengemeinschaft angefangen, nachhaltige Anleihen herauszugeben. Dabei handelte es sich zunächst um Sozialanleihen. Das darüber aufgenommene Geld wird seither an die EU-Staaten weitergereicht, um deren von der Corona-Krise gebeutelten Arbeitsmarkt zu unterstützen. Mit den nun hinzukommenden grünen Anleihen will die EU hingegen ein Drittel ihres Wiederaufbaufonds „Next Generation EU“ finanzieren. Konkret heißt das: Bis 2026 will sie Green Bonds im Wert von rund 250 Milliarden Euro begeben und der Umwelt Gutes tun.

          Bild: Bloomberg, Climate Bonds Initiative/F.A.Z.-Grafik niro.

          Aufsehenerregend ist die erste grüne EU-Anleihe in mehrfacher Hinsicht. Erstens handelt es sich um die Anleihe einer supranationalen Vereinigung, die damit in den Wettbewerb tritt zu den Green Bonds einzelner Mitgliedstaaten. Zweitens wird die EU zur absehbar größten Emittentin grüner Anleihen. Dadurch wird sie dem aktuell eine Billion Euro großen und weiter wachsenden Markt noch höheren Stellenwert verleihen. Und drittens begibt die EU eine Ökoanleihe, obwohl sie für sich noch gar nicht abschließend entschieden hat, was als nachhaltig zu gelten hat. Klingt kurios und nach verkehrter Welt, oder nicht?

          Die EU orientiert sich bei der Emission zwar an ihren eigens entwickelten Green-Bond-Standards, die auch den (freiwilligen) Leitlinien der Internationalen Kapitalmarktvereinigung entsprechen. Aber die Standards gibt es erst als Entwurf, ebenso wie die sogenannte Taxonomie, mit der die EU darüber befinden will, was künftig als nachhaltig anzusehen ist. Dass der Schutz von Klima, Gewässer, Ökosystemen und Biodiversität ebenso dazugehört wie Abfallvermeidung, darüber waren sich die EU-Staaten recht schnell einig. Schwieriger wurde die Entscheidung, Gas als Übergangstechnologie zu akzeptieren, Atomenergie dagegen nicht. Das heißt: Es grünt nicht alles so grün, wie die überzeugtesten Ökoanleger sich das wünschen. „Die Grünen Anleihen werden voraussichtlich nicht alle Kriterien des zukünftigen EU Green Bond Standards erfüllen“, so die Einschätzung des Anleiheexperten Christian Kopf, der bei der Fondsgesellschaft Union Investment zum Führungskomitee gehört.

          Verwendungszweck zunächst ungewiss

          Für Anleger kommt beim Kauf der grünen EU-Anleihe noch eine Ungewissheit hinzu. Sie können sich zwar ziemlich sicher sein, dass ihr Geld vorrangig für saubere Energie, Energieeffizienz und sauberen Transport eingesetzt wird. Doch welche konkreten Projekte die Mitgliedsländer mit ihren Erlösen tatsächlich anstoßen, erfahren Anleger erst später. „Im Nachgang wird dann ein Bericht über die Wirkung des Investments angefertigt“, sagt Marcio da Costa, Portfoliomanager beim Vermögensverwalter Bantleon: „Die Regulatorik reagiert gewöhnlich erst mit Verspätung.“

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