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Entlastung für Banken : Europa arbeitet an Plattform für Verkauf fauler Kredite

  • Aktualisiert am

EZB-Turm in Frankfurt: Die Aussicht auf die Bankenskyline hat sich verdunkelt. Bild: AP

Die EZB sagt den ausfallgefährdeten Forderungen von Banken den Kampf an. Diese sollen sich künftig davon leichter trennen können.

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          Europa arbeitet an einer Internetplattform für den Verkauf von faulen Bankkrediten im Volumen von mehreren hundert Milliarden Euro. Damit soll der von der Corona-Krise gebeutelten Wirtschaft der Eurozone unter die Arme gegriffen werden. „Die Idee ist, den Markt für Käufer von kleineren Portfolios zu öffnen mit einem Marktplatz im Stile von Amazon oder eBay, auf dem man browsen kann“, sagte der in die Pläne einbezogene Fachmann der Europäischen Zentralbank (EZB), Edward O’Brien, der Nachrichtenagentur Reuters.

          Am Freitag findet in Brüssel eine Konferenz zu diesem Thema statt. Dabei wird es auch um andere Möglichkeiten gehen, wie Banken ihre Altlasten und die im Zuge der Corona-Krise auf sie zukommenden Keditrisiken verringern können. Dazu gehört auch eine Bad Bank. Eine solche Abwicklungseinheit für notleidende Forderungen unterstützt der Chef der EZB-Bankenaufsicht Andrea Enria. Vor allem in Südeuropa, insbesondere in Italien, kämpfen die Banken seit Jahren mit ihren Beständen an faulen Kredite. Trotz der zwischenzeitlichen Verringerung sind diese nach Ansicht der meisten Bankenaufseher noch immer zu hoch und verhindern eine Gesundung der dortigen Kreditwirtschaft.

          Die von ranghohen Experten der EZB entwickelte Vorlage für die Handelsplattform ist Teil der Anstrengungen der Eurozone, den nach wie vor hohen Bestand an Problemdarlehen in den Bankbilanzen abzubauen. Faule Kredite sind für die Wirtschaft ein großes Problem. Denn eine Bank wird umso zögerlicher bei der Darlehensvergabe agieren, je mehr Wackelkredite sie mit sich herumschleppt. Am 5. Oktober werden die Finanzminister der Eurogruppe über die Vorschläge beraten.

          Zudem soll verhindert werden, dass diese von Hedgefonds, die auf den Erwerb von notleidenden Firmenkrediten spezialisiert sind, zu Schleuderpreisen erworben werden. Üblicherweise trennen sich Banken von ihren faulen Krediten zu Preisen, die einem Bruchteil ihres vormaligen Wertes entsprechen. „Der Markt für faule Kredite wurde von sehr wenigen großen Käufern dominiert“, sagte O’Brien. „In einem typischen Szenario könnte eine dieser Firmen ein sehr großes Portfolio zu deutlichen Abschlägen erwerben.“ Mit dem Vorstoß könnte Europa ein Stück weit der Übermacht der großen Kreditinvestoren an der Wall Street Paroli bieten.

          DOMINANZ DER GROSSEN PLAYER

          Nach der Finanzkrise 2008 hatten große Fonds Kredite im Volumen von vielen Milliarden Euro erworben. Zum Teil sind diese Portfolios danach im Wert gestiegen. Mit der von der EZB ersonnenen neuen Plattform, die schon kommendes Jahr an den Start gehen könnte, sollen auch kleinere Investoren angezogen werden. Diese sind möglicherweise bereit, mehr zu zahlen. So könnten auf dem Marktplatz auch Kredite-Pakete auf 10 Millionen Euro heruntergebrochen werden.

          Am Freitag werden auch die Anbieter von privaten Plattformen ihre Lösungen vorstellen. Dazu gehört auch die Frankfurter Kreditplattform Debitos, über die schon italienische Kreditpakete veräußert wurden. Einer Studie der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deloitte zufolge wurden in Europa zwischen 2014 und 2019 mehr als 450 Milliarden Euro an Krediten verkauft - rund die Hälfte davon wurden von Cerberus, Blackstone, Lone Star und Goldman Sachs übernommen.

          VORSCHLAG SOLL AM FREITAG DISKUTIERT WERDEN

          Der Vorschlag der EZB soll am Freitag von EU-Vertretern diskutiert werden. Ideen für den Vorstoß lieferte beispielsweise die italienische Webseite BlinkS, die Käufer und Verkäufer von Krediten zusammenführt, sowie Schuldenauktionen durch amerikanische Bundesagenturen. Falls die EU-Staaten zustimmen, könnte der Internet-Marktplatz künftig der EU-Bankenabwicklungsbehörde SRB unterstehen.

          “Erfolge beim Kaufen oder Verkaufen von faulen Krediten hängen von vielen Insider-Informationen ab. Covid bedeutet, es wird mehr faule Kredite geben. Jeder Verkauf muss transparent sein,“ fordert etwa Bostjan Jazbec, Direktor beim SRB. Aus Sicht des EZB-Experten John Fell, der in die Pläne involviert ist, stellen notleidende Kredite aber noch eine größere Herausforderung dar. „Das Problem ist, dass faule Kredite zu oft so begriffen werden, dass dies auf die Banken begrenzt ist“, sagte Fell. „Aber das ist viel größer, es betrifft die ganze Wirtschaft.“

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