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Ethische Geldanlagen : Nachhaltigkeit soll Risiko senken

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Eine Belastungsprobe für Fonds: Das Öldesaster im Golf von Mexiko Bild: Reuters

Ethische Investments sind in Deutschland stärker gefragt als je zuvor. Dabei geht es längst nicht mehr um ein gutes Gewissen. Die Investoren wollen mit diesen Instrumenten vor allem Risiken früher entdecken.

          Nachhaltige Geldanlagen sind in Deutschland stärker gefragt als jemals zuvor. Um 11 Prozent auf 63 Milliarden Euro stieg im vergangenen Jahr das Volumen von Geldanlagen, die umwelt- und sozialverträglich ausgerichtet sind. Das geht aus den jüngsten Zahlen des Forums Nachhaltige Geldanlagen (FNG) in Berlin hervor. Allerdings ist es nicht mehr ausschließlich der Wunsch nach einem guten Gewissen, der dieses Anlagesegment begünstigt. Viele Investoren nutzen die Methodik von Nachhaltigkeitsfonds zunehmend für die Verwaltung traditioneller Investmentfonds.

          „Die Integration von ESG-Kriterien in die Finanzanalyse gewinnt in Deutschland an Bedeutung“, heißt es im Bericht des FNG. Früher hätte dieser Ansatz kaum Bedeutung gehabt. Doch jetzt hat das Forum schon ein verwaltetes Vermögen von 11,4 Milliarden Euro erfasst, bei dem diese Methode eingesetzt wird. Die Zahlen dürften in Wahrheit höher liegen. Denn viele Fondsgesellschaften wie die DWS oder Invesco nutzen Nachhaltigkeitskriterien als Frühwarnsystem, um Risiken zu erkennen, bevor sie sich in den Quartalsberichten von Unternehmen und damit im Aktienkurs niederschlagen.

          Fester Bestandteil des gesamten Investmentprozesses

          Ein stark wachsender Bereich ist laut dem Forum denn auch das sogenannte Asset Overlay. 618 Milliarden Euro wurden laut FNG-Zahlen im vergangenen Jahr nach dieser Methode verwaltet. Dabei wenden die Vermögensverwalter Nachhaltigkeitskriterien an, ohne dass der Fonds selbst ausdrücklich oder komplett nach diesen Kriterien verwaltet würde. So hat die DWS, die Fondsgesellschaft der Deutschen Bank, eine interne Datenbank namens „G-Cube“ aufgebaut. In diese Datenbank fließen sämtliche Studien und Analysen sowie die Ergebnisse der rund 2000 Unternehmensbesuche der verschiedenen Analysten und Fondsmanager der DWS ein.

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          Bei der Auswertung dieser Daten berücksichtigen die DWS-Experten neben den traditionellen Finanzkennziffern auch die ESG-Kriterien. Das Kürzel ESG steht für Umwelt (E wie Environment), Soziales (S wie Social) und gute Unternehmensführung (G wie Governance). Dabei handelt es sich um ein normiertes Verfahren, bei dem ein Unternehmen bestimmte Kriterien erfüllen muss, um als nachhaltig zu gelten. Die SAM Sustainable Asset Management, die beispielsweise die Aktienindexfamilie Dow Jones Sustainability Indexes betreut, fragt regelmäßig mehr als 100 Einzelkriterien ab.

          „ESG ist bei uns fester Bestandteil des gesamten Investmentprozesses“, sagt Gunnar Friede, Fondsmanager und Fachmann für Nachhaltigkeit bei der DWS. Wie stark ein Fondsmanager die ESG-Kriterien bei seiner Anlageentscheidung berücksichtigt, bleibt ihm jedoch selbst überlassen. Dennoch liefern ihm Nachhaltigkeitskriterien oft hilfreiche Hinweise. Denn ob ein bestimmtes Unternehmen Sklaven beschäftigt, Kinderarbeit zulässt, den Urwald rodet, Aktionärsrechte missachtet oder Aufsichtsräte finanziell über Gebühr begünstigt, kann ein Fondsmanager im Normalfall nicht den Quartalsberichten des Unternehmens entnehmen. Werden solche Praktiken jedoch publik, bricht der Aktienkurs in der Regel ein.

          Mit der Krise von BP gerieten nachhaltige Aktienfonds in eine Vertrauenskrise

          So war das Umweltdesaster mit der Ölplattform „Deep Water Horizon“ im Frühjahr 2010 auch für viele Nachhaltigkeitsfonds eine schwere Prüfung, der sie nicht standhielten. Die Explosion der Bohrplattform im Golf von Mexiko führte zu einem wochenlangen Austritt riesiger Mengen Rohöls - schätzungsweise waren es 800 Millionen Liter. Im Mittelpunkt stand der britische Ölkonzern BP, dem schwere Versäumnisse vorgeworfen wurden.

          Viele Nachhaltigkeitsfonds arbeiteten damals nach dem „Best-in-class“-Ansatz. Dabei versuchten die Fondsmanager jene Unternehmen in einer Branche zu finden, die schon die größten Fortschritte in Richtung einer nachhaltigen Wirtschaftsweise erreicht hatten. Da BP zuvor eine umweltorientierte Unternehmensstrategie ausgegeben hatte, haben viele Manager nachhaltiger Aktienfonds in die BP-Aktie investiert, um den Ölsektor abzubilden. Sie waren dem Werbespruch des Konzerns, BP stünde künftig für „Beyond Petroleum“, gefolgt und erlitten damit nicht nur hohe Kursverluste, sondern auch einen schweren Schaden in Bezug auf ihre eigene Glaubwürdigkeit. Mit der Krise von BP gerieten so viele nachhaltige Aktienfonds in eine Vertrauenskrise. Diese scheint nun überwunden zu sein. Fonds, die nach dem Prinzip „Best in class“ verwaltet werden, verzeichneten im vergangenen Jahr einen Mittelzufluss von 10,3 Milliarden auf 13,1 Milliarden Euro.

          Sehr beliebt, wahrscheinlich weil leicht handzuhaben, sind nach wie vor Ausschlusskriterien. Das verwaltete Vermögen stieg im vergangenen Jahr von 9,3 Milliarden auf 17,1 Milliarden Euro. Hier schließt der Fondsmanager Unternehmen von vornherein aus seinem Anlageuniversum aus, wenn diese bestimmte Aktivitäten betreiben. Die Methode wird auch gern bei Asset Overlays angewendet. Typische Ausschlusskriterien sind Streumunition, Waffenhandel, Spekulation mit Nahrungsmitteln, Atomkraft, Pornographie, Tabak, Glücksspiel, oder auch Alkohol, Kinderarbeit und Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen.

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