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„Es wird furchtbar“ : Internetfirmen drängen ins Bankgeschäft

  • Aktualisiert am

Banken fürchten die Datenkraken

Google hat in den USA schon vor einiger Zeit eine elektronische Geldbörse auf den Markt gebracht, das Google Wallet. Damit können Nutzer im Internet bezahlen und Geld senden und empfangen. Auch in Europa verfügt die Suchmaschine bereits über eine Banklizenz und könnte jederzeit loslegen. Da Googles Betriebssystem Android auf zahlreichen Smartphones läuft, hat das Unternehmen nach Einschätzung von Boston Consulting beste Voraussetzungen, um das Angebot in den nächsten Jahren auch in Deutschland und der Schweiz zu etablieren.

Facebook steht laut „Financial Times“ ebenfalls kurz davor, eine Banklizenz in Irland zu erhalten. Damit dürfte das weltgrößte Online-Netzwerk in ganz Europa Bankgeschäfte anbieten. Millionen von Nutzern könnten dann beispielsweise Geld auf Facebook-Konten aufbewahren und es an andere Kunden überweisen. Angeheizt wurden die Spekulationen über eine bevorstehende Banking-Offensive kürzlich, als Facebook PayPal-Chef David Marcus verpflichtete.

Internetriesen wie Google und Facebook haben Millionen von Kunden und kennen deren Einkaufsverhalten genau. Ihren Nutzern könnten sie folglich maßgeschneiderte Finanzierungsangebote machen - und Geldhäusern damit im großen Stil Geschäft abnehmen. „Die Unternehmen könnten die Bankenwelt alleine schon mit ihren Daten verändern“, betont Dirk Müller-Tronnier von der Beratungsfirma E&Y.

Nächstes Einfallstor: Konsumentenkredite

Bisher konzentrieren sich die meisten Internetkonzerne noch auf Angebote, mit denen ihre Nutzer online bezahlen oder Geld überweisen können - und verlängern damit quasi ihre Wertschöpfungskette. „Durch PayPal bindet Ebay die Kunden noch stärker an sich und vermeidet es, Provisionen an Banken zahlen zu müssen“, erklärt Müller-Tronnier. „Ich gehe davon aus, dass sich Internetkonzerne auf absehbare Zeit auf Bereiche konzentrieren werden, die nahe an ihrem Kerngeschäft liegen.“

Der E&Y-Experte und viele Banker gehen deshalb davon aus, dass die Angreifer als nächstes groß ins Geschäft mit Konsumentenkrediten einsteigen. Wenn jemand online einen Fernseher kauft oder eine Urlaubsreise bucht, könnten ihm die Internetunternehmen auch gleich das passende Darlehen anbieten. Konsumentenkredite sind relativ einfach strukturiert, und das Ausfallrisiko könnten die Konzerne dank ihrer Kundendaten relativ gut kalkulieren. Dass Google oder Facebook eine vollwertige Bank aufbauen und auch in komplexere Geschäfte wie Projektfinanzierung oder Investmentbanking einsteigen, hält Müller-Tronnier dagegen für unwahrscheinlich. Alleine der administrative Aufwand dafür wäre enorm, betont der Berater. Zudem schrecke die strenge Regulierung Internetfirmen ab.

Viele Banker, die sonst gerne über die Aufsichtsbehörden schimpfen, sehen das ähnlich. „Im Wettbewerb mit neuen bankfremden Anbietern ist die Regulatorik für uns ein Vorteil“, sagt DZ-Bank -Vorstand Thomas Ullrich. „Wir kennen uns schließlich damit aus.“ Ullrich ist beim Spitzeninstitut der meisten Volks- und Raiffeisenbanken für IT-Projekte zuständig - und offen für Veränderungen. Er schätzt Querdenker und hat deshalb bereits mehrere Mitarbeiter von Internetkonzernen abgeworben. „Da prallen unterschiedliche Kulturen aufeinander.“ Neue Online-Anwendungen lässt Ullrich regelmäßig bei einzelnen Volksbanken testen. „Wenn so etwas zum Beispiel in der Lüneburger Heide funktioniert, können wir das später in der gesamten Gruppe übernehmen.“

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