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„Es wird furchtbar“ : Internetfirmen drängen ins Bankgeschäft

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Investoren setzen auf Banking-Start-Ups

Die Debatte über PayPal verdeutlicht, wie groß die Sorgen bei vielen Geldhäusern inzwischen sind. „Das Thema Digitalisierung ist auf den Agenden der Vorstände weit nach vorne gerückt“, erzählt Holger Friedrich von der Firma CORE, die deutsche und Schweizer Großbanken berät. Vor zwei Jahren hätten die Institute Start-ups im Finanzbereich noch als Exoten abgetan. Mittlerweile habe sich das grundlegend geändert, da immer mehr Kunden in die Online-Welt abwandern.

Weltweit versuchen nach Schätzungen von Bain & Company rund 3500 Jungfirmen, den Banken Geschäft abzujagen. Investor Marc Bernegger glaubt an sie. Im Handel und im Verlagswesen sei vor zehn bis 15 Jahren ein Umbruch eingeleitet worden, sagt der Verwaltungsrat der Beteiligungsgesellschaft Next Generation Finance Management. „Wenn man als Unternehmer heute nach ähnlichen Opportunitäten sucht, dann wird man in der Finanzbrache fündig.“

Bernegger ist zwar erst Mitte 30, blickt aber schon auf eine lange Karriere als Web-Unternehmer zurück. 2008 verkaufte der Schweizer die Party-Plattform usgang.ch an den Berliner Axel- Springer -Verlag, zwei Jahre später den Ticket-Anbieter Amiando an XING. Nun setzt Bernegger auf Startups wie die Devisenhandelsplattform Oanda oder die Internetseite Ayondo, auf der Privatanleger die Handelsstrategie erfolgreicher Trader kopieren können.

Blasen die Intenetgiganten zum Angriff?

Auch andere Risikokapitalgeber wittern in der Finanzbranche das nächste Eldorado. Der Investor Union Square Ventures, der zu den ersten Geldgebern von Twitter zählte, ist an LendingClub beteiligt. Die amerikanische Firma vermittelt Kleinkredite von privat an privat. Zu den Aufsichtsräten der Firma, die bereits über vier Milliarden Dollar an Krediten arrangiert hat, zählt John Mack, der Ex-Chef von Morgan Stanley und Credit Suisse. In Deutschland setzen die Brüder Samwer, die bereits beim Online-Schuhhändler Zalando eine gute Nase bewiesen, auf die Plattform Lendico, die ein ähnliches Konzept verfolgt wie LendingClub. Zudem sind sie am Unternehmen Zencap beteiligt, das Darlehen an Mittelständler vermittelt.

Viele der neuen Anbieter versuchen, sich zwischen Kunden und Bank zu schieben, beobachtet Ben Robinson, der Chefstratege der Bankensoftwarefirma Temenos. Für die Geldhäuser sei das brandgefährlich. Am verwundbarsten sind die Banken aus Sicht von Robinson in Geschäftsbereichen, in denen die Gewinnmargen hoch und die Auflagen der Aufsichtsbehörden vergleichsweise gering sind. „Dort sieht man die größten Umwälzungen.“ Das gelte beispielsweise für den Währungshandel im Internet oder kleinere Kredite, etwa für den Kauf eines Fernsehers.

Bisher ist das Geschäftsvolumen der Angreifer im Vergleich zu Großbanken noch verschwindend gering - die Beratungsfirma Bain & Company schätzt deren Marktanteil weltweit auf weniger als zwei Prozent. Das könne sich allerdings schlagartig ändern, wenn Internetgiganten wie Google oder Facebook massiv ins Bankengeschäft einsteigen. „Wir sprechen über Konzerne mit großen Muskeln und tiefen Taschen - da sollte man auf alles gefasst sein“, sagt Urs Rüegsegger, der Chef des Schweizer Börsenbetreibers und Bankkartenanbieters SIX.

Google, Apple und Facebook wollen sich zu ihren Plänen in der Finanzbranche nicht äußern. Allerdings verdichten sich die Anzeichen, dass die amerikanischen Giganten bald zum Angriff blasen. Apple hat das neueste iPhone laut Konzernchef Tim Cook auch deshalb mit einem Fingerprint-Sensor ausgestattet, weil das Unternehmen Interesse am Bezahlen über das Handy hat. Erste Erfahrungen mit Geldüberweisungen hat der Konzern bereits auf seiner Musikplattform iTunes gesammelt.

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